Nach dem nationalrätlichen Ja zur Gleichstellung: Nun müssen Taten folgen!

Der Nationalrat hat heute deutlich die neue Leitlinie zur Gleichstellung angenommen. Dass das Thema Lohngleichheit überhaupt als Ziel in der Legislaturplanung aufgenommen wurde, ist der Frauenallianz zu verdanken. Dies ist ein erster Erfolg des neu gegründeten und breit abgestützten Bündnisses. Und der erste Schritt, damit Lohngleichheit nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sondern auch konkret umgesetzt wird.

Jetzt ist es an der Wirtschaft, den Verbänden un der Politik den Lohngleichheitsdialog voranzutreiben. Wenn wir jetzt nicht handeln, werden Gesetze folgen - und das kann nicht in unserem Interesse sein.

2. Mai 2012
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Torsten Betschart
5. Mai 2012

Sehr geehrte Frau Esseiva

Wie Sie sicherlich bereits bemerkt haben, tendiert diese Diskussion in eine sehr allgemeine Richtung. Das ist wahrscheinlich eher normal. Es gibt jedoch einige Sachen, welche ich Sie gerne fragen würde. Vieles sind auch gesellschaftliche Fragen.

Ich muss Ihnen ehrlich gestehen, dass mir der ganze Gleichstellungsdialog teilweise etwas komisch vorkommt - und auch des öfteren deplaziert. Ich kann Ihnen auch gerne sagen, warum. Ich sehe nämlich oftmals nicht, dass diese Probleme auf Dauer so bleiben werden.

Ich muss Ihnen gestehen, dass ich kein Experte auf dem Gebiet bin - und mich deshalb gerne von jedem dahingehend unterrichten lasse, welcher etwas zu sagen hat. Darum kann es sein, dass ich mich täusche.

Nun zum Punkt: zur Lohnungerechtigkeit kann ich Ihnen nur sagen, dass ich dies nicht nachvollziehen kann. Wenn es sich um Standardverträge handelt, welche ja meistens in den unteren Lohnsegmenten anzutreffen sind, kann ich mir kaum vorstellen, dass es dort standardmässig geschlechterspezifische Unterschiede gibt - ich hätte jedenfalls in meinem Umfeld noch keine solche gefunden. Wenn es jedoch um Unterschiede in den höheren Lohsegmenten gibt, obliegt es doch der Verantwortung jedes Einzelnen, einen zufriedenstellenden Arbeitsvertrag auszuhandeln - auch hier kann ich mir nicht erklären, warum Firmen per se und aus Prinzip kleinere Löhne zahlen würden - es sei denn, es gäbe dafür einen Grund. Ich würde gerne später darauf zurückkommen. Was mich daran aber besonders erstaunt: in meiner Generation (ich bin 1985 geboren), sehe ich mich durchaus selbstbewussten und hartnäckigen Frauen gegenüber - ich habe das niemals anders erlebt, obwohl ich den Unterschied von früheren Generationen kenne. Hier könnte das Problem ja eigentlich nicht liegen.

Wissen Sie, was ich eher denke? Wir befinden uns momentan in einer Art Übergangsphase. Zumindest in Westeuropa wachsen Generationen heran, für welche die von Ihnen angestrebte Gleichstellung wohl eher keine Frage mehr ist, da sie in einem entsprechenden Umfeld aufwachsen. Es wäre deshalb wohl eher interessant zu sehen, welche Unterschiede sich dennoch zwischen Frau und Mann ergeben - das würde aber hier zu weit führen.

Was ich damit sagen will: in den jetzigen Führungspositionen und allgemein in der Wirtschaft befinden sich noch viele Personen, des öfteren Männer, welche noch eine leicht andere Vorstellung leben und aufgewachsen sind. Dafür kann man wohl niemanden einen Vorwurf machen. Ich denke aber, dass sich dies in der nächsten Generation automatisch ändern wird. Wenn man bspw. Zahlen von Studierenden an den Universitäten oder Mittelschulen anschaut, ist keine Untervertretung der Frauen auszumachen - wenn man mal von den wissenschaftlichen und technischen Disziplinen absieht - aber die kommen ja sowieso eigentlich nicht in die Führungsetagen. Jedoch ist das eine andere Frage. Ich bin übrigens der Meinung, dass unser Bildungssystem, so wie es jetzt aussieht, eher für Frauen ausgelegt ist als für Männer - wie gesagt sieht man das auch in der Statistik.

Ganz generell: ich weiss nicht, ob Chauvinismus in irgendeiner Art hilfreich ist. Momentan habe ich das Gefühl, das ebengenannter einen grossartigen Boom erlebt - auf alle Seiten, religiös und auch geschlechterspezifisch. Solche ideologischen Überlegenheitsansprüche vergiften die Gesellschaft eher, als dass Sie eine gerechte Verteilung herbeiführen. Ich möchte Ihnen deswegen sicherlich keinen Vorwurf machen, Sie haben sicher die besten Intentionen - das hatten die Inquisitoren wahrscheinlich auch.

Viele Grüsse
Torsten Betschart


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