Kuscheljustiz hat einen entscheidenden Nachteil: Sie funktioniert!

Alle paar Jahrzehnte, wenn sich in der Schweiz ein zum Glück sehr seltenes, aber dennoch tragisches und verwerfliches Verbrechen ereignet, bin ich immer wieder überrascht, wie viele Experten es doch hierzulande gibt, die gleichzeitig einen Doktortitel in Psychologie, Medizin und Jura besitzen.

Erstaunt lasse ich mir regelmässig am Stammtisch erklären, weshalb Rehabilitierung in solchen Fällen nicht funktionieren kann, wie teuer unsere Gefängnisse zu allem Überfluss auch noch sind und wie sehr sich der eine oder andere doch nach der guten alten Todesstrafe sehnt. Spätestens ab diesem Punkt hege ich dann als traditionsbewusster Schweizer, in dessen Land seit fast 75 Jahren niemand mehr hingerichtet wurde, so langsam meine Zweifel.

Durch einen glücklichen Zufall hatte ich aber in derselben Zeit die Gelegenheit, in einem amerikanischen Radiosender eine ähnliche Argumentation zum Thema „Kuscheljustiz“ zu hören. Die Kollegen von Übersee liessen sich nämlich anlässlich des Breivik-Prozesses lautstark über die „Luxusgefängnisse“ in Norwegen aus.

Einige Ausschnitte aus der Show, frei übersetzt:

  • „Ich möchte nach Norwegen fahren, ein Verbrechen begehen und dann kurz etwas Ferien in einem ihrer Gefängnisse machen.“
  • „Diese Zelle sieht aus wie ein Zimmer in einer amerikanischen Studentenwohnung. Nein, es sieht besser aus als in einer Studentenwohnung!“
  • „Was soll das? Das ist ja besser als meine alte Bude! […] Die haben einen Flat Screen TV!“

Für Amerikaner sicherlich eine etwas kontroverse Szene. In einem Land, in dem in vielen Bundesstaaten sogenannte „Three strikes“-Gesetze gelten, wo man nach drei Verbrechen, egal wie unbedeutend, ein Kandidat für die Todesstrafe ist, hinterlässt das norwegische Gefängnissystem natürlich einen etwas konfusen Eindruck.

Als seriöse Journalisten kamen die Radiomoderatoren allerdings einen Tag später auf diese Story zurück – als sie nämlich die Rückfallquote dieses „Luxusgefängnisses“ mit der durchschnittlichen Quote in den U.S.A. verglichen hatten. Die durchschnittliche Rückfallquote in den U.S.A. über alle Kategorien – also inklusive der zum Tode verurteilten, die bestimmt nicht mehr rückfällig werden – liegt bei fast 60%! Mehr als die Hälfte der Verbrecher, die in den U.S.A. verhaftet werden, begehen also kurze Zeit später gleich wieder ein Verbrechen, trotz Abschreckung durch Todesstrafe und extrem harte Haftbedingungen.

Und im Kuschelknast von Norwegen? Dort werden gerade mal 20% der Insassen rückfällig. Die kleinlaute Reaktion der Amerikaner auf diese Zahlen können Sie sich in der Radioshow des darauffolgenden Tages hier anhören:

Das ist es, was all die Kuscheljustiz-Schreier hier und in Übersee einfach nicht begreifen wollen. Gefängnisse mit anständigen Lebensbedingungen, Weiterbildungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten für Gefangene haben wir nicht eingeführt, weil wir gerade zu viel Geld übrig hatten und nichts Schlaues damit anzufangen wussten. Sondern, weil sie schlicht und ergreifend funktionieren!

An dieser Stelle muss man sich als Bürger also folgende Frage stellen:
Was soll unser Justizsystem für uns erreichen?

Wollen wir für die Opfer vor allem eine maximale Genugtuung erreichen? Wollen wir ihnen eine möglichst befriedigende Rache ermöglichen? Dann ist das amerikanische System die richtige Variante, wo die Familien der Opfer mit Popcorn in der Hand den mutmasslichen Tätern beim Zappeln auf dem elektrischen Stuhl zusehen können.

Oder wollen wir einfach, dass möglichst wenige Verbrechen geschehen? Wenn Sie möglichst wenige Diebstähle, Morde und Vergewaltigungen wollen, dann ist das amerikanische System das denkbar schlechteste. Harte Haftbedingungen und keine Chance auf Rehabilitierung sorgen nur dafür, dass Verbrecher auf dem schnellsten Weg erneut gewalttätig werden. Und auch die Todesstrafe selbst lässt lediglich die Familie der Opfer in ungestillter Trauer und die Familie des Täters in ungebrochenem Hass zurück. Auf dass sich die Gewaltspirale ewig weiterdrehe…

Und wo steht die Schweiz in der ganzen Geschichte? Wie immer irgendwo mittendrin. Unsere Gefängnisse haben keinen auf Hochglanz polierten Basketballplatz und die Zellen hier, auch wenn human gestaltet, sehen immer noch wie Zellen aus. Dennoch ermöglichen wir Rehabilitation, Reue und einen Neuanfang für die Inhaftierten. Und unsere Rückfallquote? Liegt knapp über 25%.

Fragen Sie sich also selbst: Was wollen Sie? Mehr Genugtuung? Rache?
Oder aber weniger Gewalt, weniger Vergewaltigungen und weniger Morde?
Beides werden Sie nämlich nicht haben können.

19. März 2012
46 Kommentare

Kommentar von Pascal Kesseli im Kontext:

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Pascal Kesseli [Beitragsautor]
21. März 2012 | 2 Antworten

Jedoch wo liegt der Punkt an dem die Strafe seine ganze Abschreckung verliert? Nützt eine Abschreckung überhaupt etwas oder sollte nur auf Rehabilitierung gesetzt werden(zurück zu meinem zynischen Kommentar)?

Ich denke nicht, dass Gefängnisstrafen ihre Abschreckung komplett verlieren können. Freiheitsentzug ist eine harte Strafe, die jeder als Konsequenz fürchtet, auch wenn man nicht auf einer Pritsche schlafen oder verfaultes Brot essen muss. Natürlich mit ganz wenigen Ausnahmen, wenn man z.B. von Obdachlosen hört, die kleine Delikte begehen, um im Winter nicht erfrieren zu müssen. Solche Erscheinungen können wir aber getrost als vernachlässigbar betrachten.

Dennoch weisen die Zahlen darauf hin, dass noch mehr Abschreckung durch noch härtere Gefängnisse eben nicht die gewünschten Resultate liefern. Da stellt sich natürlich die Frage, wem mit besonders harten Haftbedingungen noch gedient ist, wenn die Abschreckung als Mittel nicht nur enttäuscht, sondern auch noch erfolgreicher Ansätze, wie etwa Rehabilitierung, dadurch torpediert werden.

Schlussendlich läuft es darauf hinaus, dass jene, welche sich als nicht rehabilitierbar erweisen, von der Gesellschaft getrennt bleiben werden. In Norwegen wird diese Prüfung mindestens alle 21 Jahre wiederholt, wie bereits erwähnt. Bei dieser Trennung auf Pritschen statt Betten, auf Wasser und Brot statt warme Mahlzeiten und auf leere Wände statt Fernsehen und Bildung zu setzen, bringt allerdings niemandem etwas. Ausser, man geht wieder in die Richtung der klassischen Rachegelüste.


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