Warum TV-Serien ein Politikum sind

Amerikanisches Fernsehen erfreut sich wachsender Beliebtheit. CSI: Miami, Family Guy, Breaking Bad, How I Met Your Mother, Mad Men: fast jeder schaut sich eine oder mehrere Kultserien regelmässig an. Dass Serien, und auch Filme aber geeignet wären, nebenbei ein grosses linguistisches Problem zu lösen, wird aber zu wenig oft erkannt.

Unlängst berichtete 20minuten Online (http://www.20min.ch/news/schweiz/story/13442505) nämlich über die schlechten Englischkenntnisse der Schweizer Schüler, die in einem internationalen Test zum Vorschein kamen. Die Schweiz investiere weltweit am meisten Geld für Englischunterricht, der 11. Rang in der Studie liege dementsprechend aber deutlich unter den Erwartungen. Den Grund dafür suchen die Autorin und die zitierten Experten primär bei den Lehrern, die scheinbar schlecht Englisch können und überfordert seien und bei den Kindern, die die Doppelbelastung mit den zwei Fremdsprachen Französisch und Englisch nicht aushalten. Zudem seien die Lehrmittel ungeeignet. Der Artikel bleibt eindimensional und die von den Experten vermuteten Ursachen überzeugen wenig. Der Grund für die schlechten Resultate liegt nämlich ganz woanders.

Wie Dr. Sarah Chevalier vom Englischen Seminar der Uni Zürich bestätigt, haben Kinder keine Mühe damit, zwei Sprachen gleichzeitig zu lernen. Das einzige Problem, das auftreten könne, sei ein zeitliches, da für ein zusätzliches Fach natürlich mehr Unterrichtszeit benötigt werde. Französischunterricht behindert den Englischunterricht also nicht mehr, als dass dies Mathematik oder Geographie tun. Wie dann der Lehrplan schlussendlich aussieht, damit die Kinder nicht von morgens früh bis abends spät pauken müssen, ist eine andere Frage. Fakt ist, dass zwei Fremdsprachen zu lernen die Kinder nicht überfordert.

Des Weiteren fällt auf, dass die fünf in der Studie erstplatzierten Länder (Norwegen, die Niederlande, Dänemark, Schweden und Finnland) etwas gemeinsam haben: in diesen Ländern schaut man sich englische Filme und Serien in der Originalsprache an. Werner Wunderli von der Organisation Schule mit Zukunft hat einen guten Gedanken, der in die diese Richtung geht: «Damit man die Sprache wirklich erlernt, muss sie jeden Tag geübt werden.». Ganz klar, wie Wunderli sagt, ist dazu ein Aufenthalt in einem englischsprachigen Land der Idealfall. Leider hat aber nicht jeder und jede die Zeit und das Geld dafür. Darum plädiere ich dafür, es den Skandinaviern, Finnen und Holländern gleichzutun, und auf Synchronfassungen von Filmen und Serien zu verzichten. Stattdessen sollten sie im Originalton, gegebenenfalls mit Untertiteln, gesendet werden.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Einerseits musste ich feststellen, dass die meisten populären amerikanischen Fernsehsendungen relativ schlecht und lieblos übersetzt werden. Dem Zuschauer entgeht auf diese Weise einiges. Zudem, und das ist der Hauptpunkt, lernt man so auf dem Sofa Englisch. Wenn man sich keinen Sprachaufenthalt leisten kann, ist das eine der einfachsten Arten, eine Sprache zu lernen. Natürlich ist das vom Effekt her nicht zu vergleichen, aber wie Werner Wunderli verlangte, wird so die Sprache jeden Tag geübt. Professoren und Dozenten vom Englischen Seminar der Uni Zürich raten ihren Studenten dazu, genau das zu machen. Ich gehe davon aus, dass sowohl Lehrer als auch Schüler davon profitieren werden, englische Serien und Filme auch auf Englisch zu schauen. Die eingangs erwähnte Studie lässt zumindest darauf schliessen.

Darum ist für mich klar: Zwei Fremdsprachen überfordern Schulkinder nicht. Dies kann also nicht der Grund dafür sein, dass unsere Kinder im internationalen Vergleich so schlecht abschnitten. Meiner Meinung nach liegt eine der Ursachen darin, dass viele Länder besser mit englischsprachigen Filmen und Serien umgehen als wir das tun. Und solange das so bleibt, können wir noch so viel Geld in den Englischunterricht stecken, unsere Kinder werden nicht besser werden.

5. März 2012
55 Kommentare

Kommentar von Franziska Wagner im Kontext:

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Franziska Wagner Politnetz Plus
7. März 2012 | 4 Antworten

Ich freue mich sehr über diesen Beitrag. Mit Schulbüchern hadere ich sehr; So habe ich zum Beispiel über 2 Jahre chinesisch gelernt, kann mich aber nicht einmal verständlich machen, wenn ich in China eine Wäscheleine kaufen will. Das gleiche gilt für Englisch; Durch die stupide Wiederholung von Grammatiksätzli und Wörtchen kann man zwar das Gymi bestehen, ist aber hilflos, sobald man es mit MuttersprachlerInnen zu tun bekommt. Der Ansatz, eine Sprache in der Schule lernen zu wollen, ist meiner Meinung nach sowieso ungenügend. Oft sind die SprachlehrerInenn nicht einmal MuttersprachlerInnen, womit ein wichtiger Bezugspunkt wegfällt: Die Authentizität. Ausserdem stecken Lehrbücher einen viel zu engen Rahmen ab, man kann eben nicht einmal "Boston Legal" im Original ansehen, ohne in völliger Verwirrung zu enden. Wie sollte man professionell Englisch oder Französisch lernen, wenn diesen Fächern nicht die gleiche Aufmerksamkeit zu Teil wird wie dem Deutschunterricht?

Zwei Punkte fehlen vielleicht noch in Ihrem Beitrag: Erstens, wer seine Muttersprache- in diesem Fall etwa Deutsch- nicht richtig beherrscht, kann auch keine andere Sprache vollständig erlernen. Dramatische Zusammenkürzung von Textstücken, grammatikalische Vereinfachungen, Anglizismen und so weiter, wie sie in moderner Literatur, in Zeitungen und im Fernsehen Gang und Gäbe sind, unterwandern diese Sprachentwicklung. 2.: Auch Französisch ist wichtig in der Schweiz. Französisch ist eine Landessprache und wird auch in Ländern wie Frankreich, Kanada und weiten Teilen Afrikas gesprochen. Ausserdem liegt die Gelegenheit zum Französischlernen in der Welschschweiz quasi vor der Tür! So eine Chance sollte nicht vergeben werden, indem der Wert des Französischen an dem des Englischen gemessen wird!

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