Die moderne Gesellschaft ist von elektrischer Energie abhängig. Ein Atomausstieg ist zur Zeit nicht einmal mehr annähernd realistisch.

Die Frage, wie ich mich zur Kernkraft stelle, beantworte ich nicht gerne aus dem Bauch heraus. Denn angesichts der Risiken, welche der Nukleartechnologie innewohnen, scheint es auf den ersten Blick nahe liegend, den möglichst raschen Ausstieg aus dem Atomstrom zu propagieren. Die Frage dabei ist allerdings, ob dies überhaupt so rasch möglich ist.

Die heutige digitalisierte Gesellschaft ist vollkommen abhängig vom elektrischen Strom. Man könnte fast sagen, dass Strom das Blut im modernen Gesellschaftskörper ist. Sämtliche Subsysteme des heutigen modernen Gesellschaftssystems sind strombasiert. Ohne Strom geht rein gar nichts. Schlimmer noch, es wäre damit zu rechnen, dass bei Stromknappheit sich eine Art von Stromentzugssymptomen einstellen würden, weil die Verwendung diverser digitaler Errungenschaften herunter gefahren werden müsste.
Zur Energiegewinnung auf Diesel und Benzin anstelle von Atomstrom umsteigen liegt auch nicht drin. Da steckt die moderne Gesellschaft in einem ähnlichen Dilemma wie bei der Kernkraft. Hinsichtlich der ökologischen Schäden infolge des Schadstoffausstosses, die bereits messbar sind, sind die Schäden infolge von Nuklearunfällen bisher verhältnismässig gering.
Es bieten sich als Alternativen zur Kernkraft Solarkraft, Windkraft, Wasserkraft an. Wasserstoffkraftwerke befinden sich meines Wissens in einem experimentellen Stadium. Und bis zur erfolgreichen kalten Fusion dürften noch einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte ins Land ziehen - vielleicht sogar einige Jahrtausende?

Im Energiebereich hat die Menschheit wenig Optionen. Sie unterliegt klaren Sachzwängen:
Erstens, will sie ihren Technisierungsgrad und die Verfügbarkeit von elektrischem Strom auf dem gegenwärtigen Niveau halten, kommt sie zur Zeit an Kernenergie nicht vorbei.
Zweitens, will sie den Schadstoffausstos durch ölbasierte Kraftstoffe senken, kommt sie nicht darum herum, alternative Energieträger zum Öl auszubeuten, also alles, woraus sich ohne Schadstoffausstoss in die Atmosphäre elektrischen Strom gewinnen lässt.
Drittens, in Anbetracht des Klimawandels könnte die Zeit knapp sein, auch dies ein Sachzwang, der der Menschheit Wahlmöglichkeiten raubt: was auch immer den CO2-Ausstoss verantwortende Energiequellen zu ersetzen geeignet ist, ist dankend zu nutzen.
Die Gefahren der Nukleartechnologie liegen woanders als die Gefahren des CO2-Ausstosses - aber sie sind technisch theoretisch eher zu meistern als die facettenreichen Folgen des Klimawandels bis und mit Artensterben und den dadurch in Gang gesetzten unberechenbaren evolutionsbiologischen "Kettenreaktionen".

Will die Menschheit ihren Lebensraum wirklich retten, hat sie theoretisch genau eine Alternative: back to basics. Zurück zum Leben wie im vorindustrialisierten Zeitalter. Dass dies nicht realisierbar ist, weil ein solches Ansinnen am Widerstand von Homo sapiens zu scheitern verurteilt ist, ist allen klar.
Auch wenn sich einzelne menschliche Gruppierungen dazu bewegen liessen, naturnah in Harmonie mit der Umwelt zu leben, so blieben sie eine Minderheit - es ist vollkommen ausgeschlossen, Homo sapiens weltweit dazu zu bringen, wieder in Harmonie mit der Natur zu leben: Der Mensch wird niemals wieder hergeben, was er sich an Luxusgütern gekrallt hat - und dazu gehört alle stromgetriebenen Gerätchen, die das Leben auf so vielfältige Weise erleichtern oder noch lebenswerter zu machen scheinen als es schon ist. Auch dieser Sachverhalt ist ein Sachzwang, der die globale Energieplanung beeinflusst.
Deshalb ist ein Ausstieg aus dem Atomstrom absolut unmöglich. So lange Homo sapiens süchtig ist nach Strom, ist der Ausstieg schöngeistiges Wunschdenken. Realistischerweise ist davon auszugehen, dass es einen Ausstieg aus der Kernergie erst geben wird, wenn die weltweiten Kernbrenstoffreserven aufgebraucht sind.

Um sich auf den Zeitpunkt vorzubereiten, da Atomstrom zu teuer wird als dass er sich noch lohnt, tut der Mensch in Hinblick gerade auch auf den Klimawandel in Zusammenhang mit seinem Energieverbrauch gut daran, zwei Projekte wissenschaftlich und politisch hochprioritär zu verfolgen:
Erstens die räumliche Kompression von gespeicherter elektrischer Energie, das heisst die Steigerung der Batteriekapazität um den grösst möglichen Faktor bei vernünftigem Wirkungsgrad, um einen valablen Ersatz für Verbrennungsmotoren zu schaffen.
Zweitens einerseits die Verbesserung des Wirkungsgrades sämtlicher natürlichen Energiequellen wie Solar-, Wasser- und Windkraft und andererseits das Entwickeln von Wasserstoff- und, hopefully, von Fusionsreaktoren.

Ein Ausstieg aus dem Atomstrom aber heisst zum heutigen Zeitpunkt: massiv Strom sparen. Ich befürchte, dass in einem Ausmass Stromsparen angesagt wäre, mit dem die heutige Gesellschaft nicht mehr zu Rande käme. Sie ist zu abhängig vom Strom als dass sie sich den Aussteg aus der Kernkraft noch leisten könnte.
Wie gesagt: back to basics im Sinn eines Rückbesinnens auf Lebensweisen, die unsere Grossmütter und -väter noch kannten, mit wenig Strom und wenig Schadstoffausstoss wäre eine theoretisch funktionierende und gangbare Alternative, wenn wir nicht in einen globalen Kontext eingebettet wären.

Ein Atomausstieg ist zum heutigen Zeitpunkt nicht einmal annähernd möglich, wenn Strom nicht zum Luxusgut werden soll.

Dass aktuell die Deutsche Regierung Medienberichten zufolge die Verlängerung der Betriebsdauer der Deutschen KKW auf Eis legt und auch in der Schweiz Bundesrätin Leuthard die anstehenden Reinvestitionen in die Kernkraft auf die lange Bank schiebt, ist nicht ehrlich. Man versteht dieses Verhalten, wenn man sich bewusst macht, dass diese Westpolitiker sich jeweils den Wahlen durch die Bürgerinnen und Bürger stellen müssen und deshalb in der Wahrnehmung der Wählerinnen und Wähler möglichst gut daherstehen wollen: indem sie die Kernkraft zum Sorgenkind erklären und den weiteren Betrieb öffentlich in Frage stellen, demonstrieren sie, dass sie die Ängste der Bürgerinnen und Bürger verstehen und vor allem ernst nehmen. Kommunikativ und psychologisch ist dies brilliant. Technisch und gesellschaftlich ist es aber leider vollkommen unrealistisch. Aber als Westpolitiker muss man sich die Gunst der Wählerinnen und Wähler sichern, wenn man wiedergewählt werden will - ohne Wählerstimmen geht in der Politik so wenig wie in der digitalisierten Gesellschaft ohne Kernkraft.
Es ist so gesehen auch nicht erstaunlich, dass der Volkskongress der Volksrepublik China Medienberichten zufolge beschlossen hat, die Kernkraftkapazität der Nation bis 2020 zu verachtfachen, und zwar unbeeindruckt vom nuklearen Störfall in Japan. Es ist dies rein logisch kalkulierte Gesellschaftsplanung, wie man sie vom kommunistischen Apparat der VR China erfahrungsgemäss erwarten darf: realitätsbezogen und an den menschlichen Bedürfnissen orientiert.
Der Westen liebäugelt denn natürlich auch nicht wirklich mit einem Atomausstieg. Die Westpolitiker verpassen ihren Wählern einfach die Beruhigungspille in einer Zeit akuter Ängste vor der Kernkraft. Frei nach demMotto: Was in Japan vor sich geht, ist ein absolutes atomares Horrorszenario - versprechen wir unseren Bürgern den Ausstieg und garnieren ihre Wählerstimme. Nicht so die KPC.

Kernkraft ist ein rein technisches Problem. Tektonik ist ein Teil des Problems. Es ist offen gesagt erstaunlich, dass KKW nicht atombombensicher gebaut werden. Das sollte man durch die IAEA zur weltweiten Vorschrift erklären lassen.

Und wenn man das nicht will, muss man sich wirklich den Ausstieg überlegen - aber mit allen Konsequenzen die es im zivilen Alltag für jede und jeden und die ganze Gesellschaft hat. Für den Umweltschutz wäre es nicht einmal das Dümmste, harmonisch mit der Natur zu leben, ohne Atomstrom und ohne Autos - dass dabei die ganze Welt mitmacht, können wir freilich vergessen.

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