Die Initiative stellt das Thema aus erregt einseitiger Sicht dar und zwängt das Problem in reflexartig einleuchtende aber kausal irrelevante Zusammenhänge.

Sie leidet damit unter einer Schwäche, die besonders seit jüngerer Zeit in peinlich ausgeprägtem Masse vielen Volksinitiativen anhaftete, was zumindest kein gutes Beispiel für die Qualität künftiger Verfassungsgesetzgebung - worüber auch immer - abgibt.
Ein Wesensmerkmal dieser Schwäche vieler Initiativen neuen Stils ist ein sehr simples und beinah etwas verantwortungsloses Demokratieverständnis, das mit der grundsätzlichen Meinungsäusserungsfreiheit verwechselt wird.
Wer das Recht beansprucht, die ihm vom Staat zugebilligten Machtmittel zur Mit- und Umgestaltung des Staates zu benutzen, sollte damit gewissenhaft und unter Respektierung der geltenden Verfassungsinhalte, der geltenden Gesetze und auch anderer Meinungen Gebrauch machen.
Wer es dabei an Sorgfalt und Rücksichtnahme mangeln lässt, handelt politisch fahrlässig und missbraucht bis zu einem gewissen Grade das ihm anvertraute Machtmittel.
Bei der freien Meinungsäusserung kann man es bei der Berufung darauf bewenden lassen, es gut bzw. nicht so gemeint zu haben. Bei der Handhabung politischer Machtmittel - und darum handelt es sich bei einer Initiative - trägt man die "ganzheitliche" Verantwortung für alles damit in Gang Gesetzte - d.h. auch für die unerwarteten und unerwünschten Folgen und Nebenfolgen. Die (ja oft für glückloses politisches Handeln im vergangenen Jhdt. verwendete) Entschuldigung, "man habe doch das und das gar nicht so gewollt, man habe es doch nur gut gemeint aber nicht besser gewusst", kann und darf sich heute, in viel verdichteterem und undurchschaubarerem Umfeld, niemand mehr leisten.

Wenn das Lancieren von Initiativen in diesem Stile weitergeht, wird bald einmal eine Initiative für ein "Initiativenschutzgesetz" fällig.

Ganz gewiss fällig werden ein generelles Überdenken des Initiativrechts und die - bisher versäumte - Arbeit an seiner Anpassung und Weiterentwicklung zur Erhaltung seiner Wirkung bei der Bewältigung durch "Modernisierung" neu entstehender Zwänge in allen Bereichen praktischen, materiellen und kollektiven Daseins aller Schichten auf allen Ebenen.

Die Parteien, das Parlament, die Regierung und die Behörden sollten sich vielleicht Gedanken darüber machen, ob ihr Verhalten nicht zuweilen ein fragwürdiges Verhältnis zur Verfassung, insbesondere zur Gewaltenteilung einerseits, zur Unabhängigkeit und notwendigen Autorität der Justiz andererseit manifestiert und damit eine Unruhe im "Volk" stiftet, welche dieses mit seinem Wissen, Denken und Können entsprechend in gesetzgeberisch nicht immer gutgeglückten Initiativen zum Ausdruck zu bringen versucht.

Die inhaltliche Mangelhaftigkeit vieler Initiativen weist auf ein weiteres langwährendes Versäumnis der Politik hin : die sinnvolle Gestaltung und Einbettung der politischen Bildung in die stufenspezifischen Bildungs- und Schulprogramme, die über das Auswendiglernen unverstandener staatskundlicher Inhalte hinausgeht.

Jede unausgereifte Initiative bindet nutzlos politische Kräfte, die dann für die Bewältigung anderer, für Staat und Gesellschaft bei nüchterner, nicht von Erregung über das Leid in Einzelschicksalen getrübter Betrachtung von entschieden weiterer Tragweite sind, für die aber das Volk zu interessieren und wachzurütteln die etablierte Politik oft zu bequem und zu feige ist.

DIE EINSEITIGE BZW. HALBE DARSTELLUNG DES THEMAS
Thema ist das Ausarten von "häuslicher Gewalt" in hemmungslose Gefährdung und gar vorsätzliche Bedrohung von Leib und Leben mit Schusswaffen. Diese Bedrohung kann auch gegen den Täter selbst gerichtet sein (Suizid).

Die Initiative stellt das Thema in zweierlei Hinsicht einseitig dar.

  1. Sie beharrt darauf, die Bedrohung speziell durch Entfernung ausschliesslich von Schusswaffen aus der Reichweite der potentiellen Täterschaft zu beseitigen. Weil das offensichtlich die möglichen Opfer nicht grundsätzlich gegen Drohung, Nötigung, Verletzung und gar Tötung sondern nur dagegen schützt, dass der Täter sich dazu einer Schusswaffe bedient (eine Einschränkung des Schutzes, die generell nicht mit Vernunft nachvollziehbar ist), führt beinah unausweichlich zum Schluss, dass den Initianten die möglichen Opfer eigentlich gleichgültig sind und nur als Mitleid erregender Vorwand für ihr eigentliches, nicht offengelegtes Ziel dienen.

Ein solches Ziel könnte, da es nicht um die Opfer gehen kann, etwa sein, die Schweizer Milizarmee zu einer gewöhnlichen Reservistenarmee ohne Selbst- und Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen für die "Landesverteidigung" bzw. moderner : für die Wahrung der inneren Sicherheit durch Waffengewalt als ultma ratio herabzustufen.
Dieses letztere denkbare Ziel kann seine achtenswerten Gründe haben. Wenn aber versucht wird, es auf einem so ausgeheckten Schleichweg zu erreichen, so ist das Missbrach des Initiativrechts zur Irreführung des Volkes und gefährdet die Demokratie in höchstem Masse.

  1. Sie stellt das Thema allein aus der Stuation und Sicht der Bedrohten bzw. Opfer dar und blendet die Tatmotive und deren Entstehung völlig aus.

Wenn man aber wirklich die lebensgefährliche häusliche Gewalt unter bessere Kontrolle bringen und für die möglichen "Opfer" (die nicht selten an der - bewussten oder unbewussten - Provokation des Tatentschlusses direkt oder mittelbar mitbeteiligt sind) so gut wie möglich Linderung der Bedrohung und Gefahr erreichen will, darf die "Häuslichkeit" nicht allein aus der Sicht der "Opfer" definiert und dargestellt werden. Die Darstellung des Themas zeigt in der Initiative nur die halbe Wahrheit.
Auch dieser Umstand deutet mit kaum zu übersehender und schwer aus dem Sinn zu schlagender Dringlichkeit auf die Unehrlichkeit, jedenfalls Oberflächlichkeit der offenbarten Beweggründe und Absicht der Initiative hin.
Was aber sind denn die in der Initiative versteckten wahrhaften Beweggründe? Sie gehen weder aus dem Initiativtext noch aus den Argumenten der Befürworter logisch schlüssig hervor.
Wie soll der Bürger, der aus den genannten Günden an den Motiven zweifeln muss, der Initiative zustimmen können?

BLOSS SCHEINBARE PROBLEMLÖSUNG infolge falscher, auf Leid mit spontan mitleidiger Suche nach einfacher und rascher Abhilfe reagierender "Problemanalyse".

Die Initiative apelliert an den menschlich verständlichen aber als solcher allein meist nicht zum nachhaltig Richtigen führenden "Nie wieder"-Reflex, der die "Logik" vertritt, jede Wiederholung sich auf diese spezielle Weise manifestierenden Leids sei eine Wiederholung zuviel, für deren Verhinderung jedes Mittel recht und kein Aufwand zu gross sei.
Man kennt dieses Motto aus andern Kampagnen und Abstimmungen und es ist regelmässig mit der Idealisierung des "hilflosen Opfers" zum Unschuldslamm und Höchstwertigen, der Verteufelung der Täterschaft zum Unmenschen, zur Bestie, zum absoluten Unwert und gar Unrat verbunden.
Auf diese Weise darf man vielleicht seine persönliche Meinung äussern. Beim Gebrauch eines durch Verfassung anvertrauten Willensäusserungsmittels (was über Meinungsäusserung weit hinausgeht), ist grössere Verantwortung und entsprechende Distanz zu persönlichen Emotionen verlangt und angebracht.
Wer es hier als Initiant an Disziplin fehlen lässt, offenbart sein Missverständnis von Demokratie und seine Unfähigkeit zum verantwortungsvollen Gebrauch des ihm anvertrauten Mitgestaltungsmittels.

Die "Waffenschutzinitiative" gibt vor, ein wirksames Mittel zur Bewältigung tödlich ausgehender häuslicher Gewalt schaffen und einrichten zu wollen und zu können. Sie erklärt den Umstand, dass Waffen in Reichweite des Ausgerasteten, Verzweifelten, Überforderten usw. Ursache des zu beklagenden Leids seien.
Es trifft zu, dass das Leid in jenem unheilvollen Moment nicht durch Schüsse hätte geschaffen werden können, falls dann gerade Waffe und Munition für den Täter nicht greifbar gewesen wären.
Das allein macht aber Waffe und Munition nicht zur Ursache des Leids, genau so wenig wie Restaurant, Alkohol und Auto Ursachen für Fahren in angetrunkenem Zustand und dessen leidvolle Folgen sind, weshalb auch Niemand je auf die Idee gekommen ist, durch F.i.a.Z. gestiftetes Unheil durch alle Disziplinierten unverhältnismässig bemühende Einschränkungen von Restaurant, Alkohol und Auto verhindern zu wollen.

Mitentscheidend ist nämlich, ob der Täter im Affekt oder aus einem Impuls heraus handelt. Handelt er impulsiv, dann kann das Nichtvorhandensein einer Waffe die Tat vereiteln.

Bei häuslicher Gewalt, die ja regelmässig ihre langwierige Vorgeschichte hat und jeweils einen relevanten Andern zum Ziel erkürt, ist in der Regel von einer im Zustand hochgespannter Affektregung begangenen Tat (sog. "Affekthandlung") auszugehen.

Das Fehlen einer greifbaren Schusswaffe macht weder die aus der Täter-Opfer-Beziehung abgeleitete Vorgeschichte ungeschehen noch entfernt es die andere relevante Person aus dem Gesichtsfeld des affektiv Gereizten noch heilt es die Erschütterung bzw. Zerrüttung der Selbstdefinition des Täters. Die Ursachen der häuslichen Gewalt dauern trotz Fehlen einer Waffe an und laden weiteren Drang zu destruktiver Aktion auf.
Die Ursachen für häusliches Unheil liegen bei den für die Gestaltung ihrer privaten, persönlichen Häuslichkeit Verantwortlichen, also bei den sog. "Tätern" und "Opfern" häuslicher Gewalt. Allein schon sie (Ursachen) zu ergründen und erst recht, sie zu bewältigen ist erheblich schwieriger als eine scheinbare Patentlösung zu propagieren.

Ganz offensichtlich haben die Initianten keinerlei Interesse an den wirklichen Ursachen und Wirkweisen der zu häuslicher Gewalt und Suizid führenden mentalen Zwänge.
Weder die Initianten noch die Befürworter haben die juristisch wie auch psychologisch und psychiatrisch beachtete Unterscheidung zwischen Impulstat und Affekttat erörtert. Sie haben vermutlich sogar keine Ahnung von dieser Unterscheidung und deren Tragweite für die Behandlung des von ihnen als reines Argument für die Legalisierung ihrer Angst vor Waffen vorgeschützten Problems.
Auch das ein Hinweis darauf, dass es den Initianten nicht ernsthaft darum geht, den Menschen, die unter den Nöten häuslicher Gewalt und Suizidzwängen leiden, zu helfen, sondern darum, den disziplinierten und deshalb freien Bürger zu entwaffnen, damit sie sich ihrer ideologisch genährten Sicherheitsillusion hingeben können. Viele Initianten und Befürworter argumentieren ausdrücklich in diesem Sinne.

Wäre ihre Absicht ehrlich, häusliches Unheil und Leid zu verhindern, hätten sie sich vertieft mit den Beweggründen zur Gewaltanwendung auseinandergesetzt und wären dabei zur Einsicht gelangt, dass ihre vorgeschlagenen Massnahmen den "Täter" lediglich zur Wahl anderer, perfiderer Droh- und Gewaltmittel veranlassen würde, statt ihn von seinen destruktiven Handlungsmustern abzubringen oder gar zu befreien.
Besessenheit von bestimmten fixen destruktiven Ideen macht erfinderisch.
Das grobe Drohen durch Hantieren mit einer Waffe ist gegenüber solchen Erfindungen geradezu kuschelig.

Für die angeblich "besser Geschützten" wäre durch Annahme der Initiative der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.

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