Egal was man von der SVP denkt, eines können sie: Wahlkampf.

Als ich das Plakat "Waffenmonopol für Verbrecher" sah, musste ich meinen Hut ziehen. Das Bild und der Slogan sind eingängig. Selbst als Befürworter der Initiative, musste ich überlegen, warum funktioniert diese Kampagne so gut?

Diese Abstimmung entscheiden die Frauen in der Mitte. Wie Bundesrat Maurer richtig erkannte, verstehen die meisten Frauen von Waffen wenig. Es fehlt ihnen der emotionale Bezug. Dagegen sehen sie sehr wohl, ob Waffen zu Hause eine Gefahr sind oder nicht. Besser als die Männer. Keine Frau will, dass ihr Ehemann, ihr Vater oder gar ihr Sohn sich mit einer Waffe das Leben nimmt. Und Frauen wissen auch, wie subtil und hinterhältig die Drohung des Mannes mit der Waffe ist. Sie unterscheiden, ob der Ehemann mit einem Messer droht oder beim Nachtessen vor den Kindern eine Patrone hervorzieht, sie genüsslich über seine Finger laufen lässt und die Frau eiskalt anlächelt.

Frauen haben zurecht Angst vor Waffe. Weil sie in jenem Moment hilflos sind. Der schon stärkere Mann wird mit einer Waffe in der Hand unüberwindbar.

Obwohl es die Gegner der Initiative geschafft haben, eine rechts/links Frage aus der Abstimmung zu machen, tendieren immer noch viele Frauen in der Mitte zu einem Ja. Aus demselben Grund, wie sie der Verwahrungsinitiative zustimmten, es geht um den Schutz vor der Hilflosigkeit.

Brillantes SVP-Plakat
Legen wir einmal auf die Seite, dass die Gegner der Initiative 10x mehr Budget haben. Ein Plakat der Gegner funktioniert besonders gut. Das von der SVP finanzierte "Waffenmonopol" Plakat.
http://bit.ly/gNm4su

Egal, mit wie viel Zahlenmaterial und Fakten die Befürworter kommen, die SVP zielt dorthin, wo es darauf ankommt, auf die Gefühle der Frauen. Wenn wir hier auf netzpolitik über Zahlen debattieren und Argumente austauschen, mag dies für uns interessant, spannend oder lustig sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Befürworter einen Gegner überzeugt oder umgekehrt, tendiert jedoch gegen null. Weil wir Menschen nicht anhand von rationalen Argumenten entscheiden, sondern anhand unserer Werte und Prinzipien (Drew Westen, the Political Brain). Und genau dies nimmt das SVP-Plakat auf. Die Frau will sich vor der Hilflosigkeit schützen.
Anstatt gegen das umgefallene Bärli-Plakat Stimmung zu machen, nimmt das SVP-Plakat das Anliegen "Schutz" auf und gibt ihm einen neuen Dreh. Dazu nutzt es die gut eingeführte Bildsprache aus früheren SVP Kampagnen. Es wird sofort der Bezug zu Kriminellen und Ausländerkriminalität gemacht. Ohne es auszusprechen, suggeriert das Plakat, liebe Frauen, wenn ihr uns die Waffen wegnehmt, dann können wir euch nicht mehr schützen. Ihr seid hilflos. Das ist geniales Marketing.
Wenn die Befürworter die Macht dieses Plakates und die daraus resultierende Diskussion nicht erkennen, wird ihnen womöglich noch in letzter Sekunde der sicher geglaubte Sieg genommen. Während die Befürworter mit einem sanften Bärli werben, setzt die SVP auf starke Symbolik und schlägt dazu noch mit einem erheblichen Budget zu.

Gefährlich für die Mitte
Abseits der Abstimmung muss die Mitte aufpassen, dass die SVP nicht eine weitere Deutungshoheit an sich reisst. Wer sich nach der Minarettinitiative verwundert die Augen rieb, als sich Schlüer & Co. als Retter der Frauenrechte aufspielte, könnte bald feststellen, dass die SVP für viele Frauen die Beschützerrolle übernimmt.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Frauen mit Schleier als Begründung sagen: "Wenn ich ihn trage, dann beschützen mich die Männer". Schon bald könnten gewisse Frauen in der Schweiz sagen, wenn ich ruhig bin, dann beschützt mich die SVP. Lässt sich die Mitte auch noch diese Deutungshoheit wegnehmen?

Was sollten die Befürworter tun?
Es gibt in diesem Abstimmungskampf nur noch ein "Schlachtfeld". Die Frauen in der Mitte. Sie werden über ein Ja oder Nein entscheiden. Wollen die Befürworter gewinnen, müssen sie mit Nachdruck klar machen, dass bei einem Ja die Sicherheit im Haushalt höher wird. Nachdruck bedeutet nicht mit Zahlen, sondern mit Emotionen. Die SVP hat ihre emotionale Kanone schon aufgefahren.

23 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Waffen»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production