Die IV lässt sich vielleicht mit so viel Menschenverachtung sanieren, aber für die Betroffenen ist dies "eugenische Bevölkerungspolitik"!

Beeindruckend und schier unglaublich, mit wie viel Zahlenmaterial über die IV und deren Revisionen gestritten wird. Die Zahlen sind aber auch das einzige, was die ParlamentarierInnen über die IV wissen, denn vom Leben mit einer Behinderung in dieser Gesellschaft haben sie kaum eine Ahnung. Sie haben nur eine einzige Gruppe im Kopf, und zwar diejenigen, welche während ihrer Erwerbstätigkeit eine psychische Beeinträchtigung oder sonst ein "undefinierbares Leiden" erworben und infolgedessen den Arbeitsplatz verloren haben. Die Bürgerlichen und Rechten (und die Gemischten in der Mitte) zusammen mit der Wirtschaft wollen möglichst alle Betroffenen von der IV-Berechtigung ausschliessen. Sie reden sich den Mund fusselig vor lauter Zwiespältigkeit. Sie wollen "söttigi Lüt" wieder in den Arbeitsprozess integrieren, aber kaum je ein Arbeitgeber wäre bereit dazu oder hat schon genug "söttigi Lüt". Dann sagen sie halt einfach: Die IV muss "diä Lüt" wieder integrieren!, obwohl die IV fast ausschliesslich aus Büros und SachbearbeiterInnen besteht, die auch nicht genau wissen, wie das überhaupt gehen soll. Wenn sie sagen: "Ab sofort wird jede Rente überprüft", meinen sie damit eigentlich, dass diese Renten aufgehoben werden sollen. Auch wenn sie mit säuselnder Stimme ins Mikrofon des Nationalratssaal heucheln, es müsse kein behinderter Mensch irgendwas befürchten, wissen wir genau, dass sie nach einer Endlösung für "söttigi Lüt" suchen, sie wagen es bloss noch nicht konkret auszusprechen. Sie hoffen vorerst, dass die Schweiz per Ausschaffungsgesetz endlich alle frechen KosovarInnen mit fingiertem Schleudertrauma loswird, und die restlichen "Söttigen" dann spätestens bei der übernächsten Überprüfung rausfliegen.

Die Rechnung der IV-Sanierung wird vielleicht aufgehen, aber die Betroffenen werden nicht einfach verschwinden, sondern anderswo anklopfen und am Schluss auf der Strasse betteln müssen.
Es würde sich lohnen, grundsätzlicher über eine Systemänderung der "Invalidenversicherung" nachzudenken, (selbstverständlich wäre als erstes eine weniger abwertende Bezeichnung dafür zu finden!) z.B. eine flexiblere Gestaltung der Rentenquoten, also nicht nur halbe oder ganze Renten, sondern der jeweiligen individuellen und temporären Situation angepasst. Auf jeden Fall müsste auch generell die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung viel intensiver vorangetrieben werden, denn es gibt noch so viele mehr, die willkürlich an der Armutsgrenze festgehalten werden. Menschen mit angeborener oder im Kindesalter erworbenen Behinderung werden äusserst schäbig behandelt und von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgegrenzt. Betroffene, die erwerbstätig sind, müssen behinderungsbedingte Mehrkosten mehrheitlich selber tragen und werden meistens so schlecht bezahlt, dass sich das Arbeiten nicht mal lohnt, sondern gleich viel bringt wie eine IV-Rente. Wenn Betroffene die gleichen Chancen bekämen wie Nichtbehinderte, könnten sehr viele mehr von ihnen für sich selbst sorgen und sogar Reserven anlegen. Sie würden, anstatt der Öffentlichen Hand auf der Tasche liegen zu müssen, Steuern zahlen und ihren Teil an das Gemeinwohl beitragen, auch im Alter.

Dazu muss aber endlich die gesamte Infrastruktur angepasst werden. Das heisst: hindernisfreier Zugang zu allen Gebäuden und Dienstleistungen, Zugang zu soliderBildung und Ausbildung, benutzbarer öffentlicher Verkehr, keine Einschränkungen im Individualverkehr sowie behindertengerechte Kommunikations- und Informationssysteme.

Das Phänomen Behinderung gab es und wird es in allen Zeiten und allen menschlichen Gesellschaften geben. "Wenn es den Behinderten gut geht, wird es allen gut gehen." (Zitat Ursula Eggli 1944-2008). Die Debatten um die IV-Sanierung laufen leider auf das Gegenteil hinaus!

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