Ich fordere ein Verbot für «Killermärchen» wie «Hänsel und Gretel»! Oder in anderen Worten: Bitte erst den Verstand einschalten, dann erst den Mund aktivieren.

Der unsinnige Vorstoss des fundamentalistischen Extremisten Roland Näf von der SP Bern hat auch die Piratenpartei zu einer Reaktion bewogen. Hier ist ein Ausschnitt aus meinem Anteil an der noch im Entwurf befindlichen Antwort. [Originalquelle: http://wiki.piraten-partei.ch/Berner_Sanktionsmassnahmen_gegen_Killerspiele]:

Es ist interessant, dass sich zwar viele über «Killerspiele» aufregen, nicht aber über «Raserspiele» [Telepolis: Sind «Raserspiele» gefährlicher als «Killerspiele»? http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24880/1.html], werden doch auch bei Autorennen Gesetze nur zum Spass gebrochen und Menschen virtuell gefährdet. In beiden Fällen kann man aber nicht davon ausgehen, dass das Verhalten im Spiel in die Wirklichkeit übertragen wird. Müsste man das, so wären auch Rennspiele erst ab 18 freizugeben, aber schlimmer noch, sind doch gerade die potentiellen Raser mindestens 18, daher müsste man Kassenschlager wie «Midnight Club» oder «Need for Speed» komplett verbieten. Setzt man hingegen den Verstand ein, dann wird schnell klar, dass man eine virtuelle Welt nichts mit der Realität zu tun hat. Das verstehen selbst Kinder, die offensichtlich «Killermärchen» vom bösen Wolf oder menschenfressenden Hexen, die im Ofen verbrannt werden ohne psychische Schäden überstehen. Seit Jahrtausenden fliehen Menschen in Spiele, um ein Leben zu simulieren, dass sie in Wirklichkeit nicht führen können. In «Monopoly» spielen sie den herzlosen Grosskapitalisten, gleichzeitig spenden sie dem WWF Geld für die Erhaltung der Natur. Mit dem Brettspiel «Risiko» simulieren sie Krieg und Gewalt, spenden aber für Erdbebenopfer in Haiti. Die Welt der Fantasie und die reale Welt haben nichts miteinander zu tun. Jeder normale Mensch kann diese Grenze problemlos ziehen, selbst Kinder können das, denn sonst wären sie durch Märchen traumatisiert. Kinder spielen «Indianerlis» oder «Räuber und Polizist», sie schiessen mit Spielzeugwaffen aufeinander, und wenn man ihnen diese weg nimmt, formen sie ihre Finger zu Pistolen. Es gibt also überhaupt keinen Grund, irgendwelche Spiele, und seien sie noch so grausam, zu stigmatisieren. Es gibt kaum eine Rechtfertigung für Alterslimiten, ausser dass zu kleine Kinder überfordert werden, weil sie noch nicht in der Lage sind, die Bilder zu verarbeiten. Es ist ein viel grösseres Risiko, dass Kinder zu viel Zeit in den virtuellen Welten verbringen und das reale Leben, Hausaufgaben und Freunde vernachlässigen. Dieses Problem gibt es aber nicht nur bei Computerspielen und Filmen, sondern auch bei Büchern. Dieses Problem kann man auch nicht mit Gesetzen angehen, sondern nur über die Verantwortung der Eltern.

Es stellt sich grundsätzlich die Frage nach der wissenschaftlichen Basis für Herrn Näfs Forderung. Tatsächlich gibt es Studien zum Thema Gewalt in Computerspielen mit unterschiedlichen Folgerungen [Telepolis: Brutale Spiele(r)? http://www.heise.de/tp/r4/artikel/12/12443/1.html]. Der Artikel «Killerspielalarm in Deutschland» [Telepolis: Killerspielalarm in Deutschland http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25486/1.html] geht eingehend darauf ein und der Artikel «Killerspiele in der Diskussion» [Telepolis: Killerspiele in der Diskussion http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25905/1.html] geht auf die Reaktionen auf den Artikel ein. Gefährlicher als «Killerspiele» ist laut einer Studie der regelmässige Verzehr von Süssigkeiten [Telepolis: Regelmässiger Verzehr von Süssigkeiten soll gewalttätiger machen http://www.heise.de/tp/blogs/6/146217]. Wollen wir nun deswegen eine Alterskontrolle für Schleckzeug?

Am Computer spielen die Kinder mit virtuellen Waffen und kämpfen gegen Bits und Bytes. Im Militär hingegen werden unsere jungen Erwachsenen an echten Waffen und im echten Töten ausgebildet. Der Täter von Höngg hat den Umgang mit der Waffe im Militär gelernt, vom Militär hatte er auch seine Waffe. Der Amokläufer von Erfurt war in zwei Schützenvereinen und ist nur dadurch in den Besitz einer echten Waffe gelangt. Man kann in einem Computerspiel nicht das Töten und den Umgang mit einer echten Waffe erlernen, genauso wenig wie ein Rennspiel die Fahrschule ersetzen kann. Eine virtuelle Kugel hat noch nie eine Menschen getötet. Gemordet wird mit echten Waffen. Ein Schutz der Bevölkerung, der auf Basis von Computerspielen ansetzt ist wirkungslos, Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis. Wollte man der Logik der Computerspielgegner folgen, müsste man nicht gegen Spiele vorgehen, sondern gegen Waffenbesitz, gegen Schützenvereine und gegen das Militär. Doch offensichtlich erscheint es gewissen Kreisen nur politisch opportun, gegen angeblich jugendverderbende Computerspiele vorzugehen, und die Augen vor den wahren Gefahrenquellen zu verschliessen. Die Piratenpartei will nicht Schützenvereine verbieten, aber sie besteht darauf, dass die Verhältnismässigkeit gewahrt wird, alle Gefahrenquellen berücksichtigt werden, abhängig von der realen Gefahr entscheidet, die tatsächlich von ihnen ausgeht, und nicht willkürlich aus emotionalen Gründen gegen das vorgeht, was einzelnen moralisierenden Politikern als «anstössig» erscheint.

Die guten Wirkungen von «Killerspielen» hingegen sollten auch erwähnt werden. So verbessern Killerspiele beispielsweise die Sehfähigkeit [Telepolis: Killerspiele verbessern die Sehfähigkeit http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30030/1.html], sie verbessern sensomotorische Reaktionen und Hand-Auge-Koordination, sowie die Orientierung im Raum. Selbst wenn Computerspiele die Aggressivität erhöhen, so ist ein kurzfristiger oder leichter Anstieg von Aggressivität nicht schlechtes. Nur gegen eine wissenschaftlich zweifelsfrei nachgewiesene signifikante und nachhaltige Schädigung müssten überhaupt Massnahmen ergriffen werden.

Fazit: Herr Näf ist ein Extremist, der mit einem an ein religiöses Dogma grenzenden Fanatismus gegen Spiele kämpft, deren tatsächliche Jugendgefährdung höchst umstritten ist. In Inhalt und in der unprofessionellen, reisserischen Aufmachung erinnert die Seite des VgmG [VgmG: Verein gegen mediale Gewalt http://vgmg.ch] sehr an diejenige des VgT [VgT: Verein gegen Tierfabriken http://vgt.ch]. Wir dürfen nicht zulassen, dass solche Extremisten die politische Agenda diktieren und unsere Politik bestimmen. Herrn Näfs Forderungen sind ohne Massnahmen vollumfänglich zurückzuweisen.

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