Wir haben kein Werte-Defizit, sondern ein Ideologie-Defizit

Es gibt im menschlichen Sein und Dasein keine wertfreien Räume. Jeder von uns hat Werte, jeder hat Vorstellungen darüber, wie die Welt ist oder sein könnte, wie das Zusammenleben mit seinen Mitmenschen funktioniert oder gestaltet werden müsste. Jeder von uns hat Vorstellungen über Endlichkeit und Unendlichkeit und unseren Stellenwert im Universum. Vorstellungen begründen unsere Orientierung, unser Zurechtfinden, unsere Identität.

Der Mensch braucht Wertvorstellungen, sie machen seine Identität aus, sie begründen wie er für sich die Umwelt und sein Agieren in dieser, deuten kann. Wertvorstellungen begründen sein Orientierungssystem, seine "Weltanschauung", die er verinnerlicht, in der er sich geborgen und sicher fühlt.

Weil der Mensch Wertvorstellungen und Weltanschauungen braucht, gibt es Ideologien. Sie sind nichts anderes als "organisierte" Weltanschauungen, auf der Basis von mehr oder weniger einsichtigen Dogmen von Menschen geschaffene, immanent in sich stimmige Wertsysteme.

Ideologien übernehmen in Religionen und Kirchen, politischen Bewegungen und Parteien für den Einzelnen die Deutung seines Seins und seines Daseins. Ideologien liefern ihm Grundsätze und Verhaltensregeln, sagen ihm was "gut" und "bös" ist. Ideologien entlasten den Menschen vom täglichen Nachdenken. Über gemeinsame Riten begründen Ideologien Gemeinschaften und Paradigmen, vermitteln Wärme, Sicherheit und Geborgenheit. Ideologien sind Kitt in der Gesellschaft.

In den westlichen Industrie-Nationen, in unserer Gesellschaft von heute, buhlen zahlreiche Weltanschauungen um den Menschen. Das Abendland mit seinem freien, uneingeschränkten Informationsaustausch ist zu einem freien unverbindlichen Markt der Weltanschauungen geworden, wo sich heute jeder selbst bedienen kann und seine privaten Seins-Vorstellungen beliebig zu einem individuellen Puzzle zusammenstellen kann.

Das ist gut so und das funktioniert auch, solange sich Weltanschauliches auf den privaten Bereich reduziert und mit dem Gedanken der Toleranz gegenüber dem Mitmenschen verbunden ist. Es funktioniert, solange eine Gesellschaft mehr oder weniger in sich selber ruht und auf ein mehr oder weniger solidarisches Wertkonglomerat zurückgreifen kann. Weltanschauung ist dadurch zur individuellen unverbindlichen Privatsache geworden.

Wir glauben die Ideologien damit überwunden zu haben. Grossartige "weise" unreflektierte Beliebigkeit ist Trumpf. Alles ist gut, jeder hat Recht, anything goes sind Trumpf. Die traditionellen Kirchen und Parteien, die unter deiser Entwicklung immer mehr auf die Unverbindlichkeit ihrer Werte gesetzt haben, verlieren ihre Mitglieder, sie zersetzen sich, lösen sich geistig auf, machen sich überflüssig.

Doch die damit verbundene Meinung Ideologien überwunden zu haben, ist falsch und wir bezahlen diesen überheblichen Standpunkt mit einem hohen Preis, spätestens dann, wenn wir mit "fremden" Ideologien konfrontiert werden, die nicht unserem allgemeinen und diffusen Wertkonsens entsprechen. Denn diese Konfrontation mit festgefügten Wertsystemen löst Ängste aus und Furcht vor Identitätsverlust, Wurzel- und Wehrlosigkeit. Und sie treibt uns geradewegs in die Arme derer, die mit diesen Ideologien, derer die mit Verbindlichkeiten hausieren.

Längst haben ideologische Organisationen dies erkannt und blasen zum Angriff gegen die "Ideologielosigkeit" der Beliebigkeit. Längst machen sie mobil, zur gezielten Durchsetzung bestimmter Wertsyteme, zur Re-Ideologisierung. Es sind dies fundamentalistische evangelikale Freikirchen, islamische Organisationen, es sind Sekten wie die Scientologen, Verschwörungstheoretiker, es sind Parteien mit ausgeprägten Werthaltungen am linken und rechten Spektrum. Diese Organisationen füllen mehr und mehr das Vakuum der Beliebigkeit der Wertvorstellungen auf – und sie sind erfolgreich, denn sie vermitteln den Menschen was jeder braucht: Gemeinschaft, Wärme, Sicherheit und Geborgenheit.

Das Zeitalter der Beliebigkeit, das Zeitalter der Losgelöstheit von Ideologien neigt sich dem Ende zu und die "wertfreien" Vorstellungen der Beliebigkeit und Unverbindlichkeit sind zum Schweigen und zur Unterwerfung unter die klaren, gemeisselten Vorstellungen der sich durchsetzenden Ideologien gezwungen.

Was ist in dieser Situation zu tun?

Es bleibt uns nur eines: Wir müssen uns selber ideologisieren.

Wir müssen das, was uns "Nicht-Ideologisierten" wichtig ist, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zentraler Werte, in ein verbindliches Wertsystem organisieren, und den uns entgegenbrandenden Ideologien entgegensetzen. Der Fundus aus dem wir unsere Werte schöpfen können, ist vorhanden: Es sind die allgemeine, plausible, naturwissenschaftliche Erkenntnisse und es sind die Allgemeinen Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948, die als Reaktion auf die fürchterlichen Ereignisse des zweiten Weltkriegs beschlossen worden sind.

Wir müssen diesen Menschenrechten ihren fundamentalen, universellen Anspruch zurückgeben und diesen Anspruch gegen jene irrationalen Heilslehren verteidigen, die uns von allen Seiten bedrohen. Dann, und nur dann, wenn wir selber ideologisch aufrüsten, kann es uns gelingen, die die Freiheit, Gleichberechtigung und Solidarität aller Menschen bedrohenden Ideologien in die Schranken zu weisen.

Das Comeros-Projekt ist der Versuch eine solche freiheitliche Ideologie des kleinsten gemeinsamen Nenners zu schaffen.

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