Hilfe, wir verrohen!

Chemnitz. Wer auszieht, um im digitalen Raum das Fürchten zu lernen, gerate doch einmal auf Twitter in einen Mob von Neonazis. Da dröhnt es aus Hunderten von jungen Männerkehlen. „Wir sind die Fans! Wir sind die Fans! A-dolf-Hit-ler-Hoo-li-gans!“ Und: „Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt? Nationaler Sozialismus. Jetzt! Jetzt! Jetzt!“ Ich blicke auf meine Arme. Ich habe Hühnerhaut.

Ostritz. Im sächsischen Ostritz, nicht zu verwechseln mit Osterlitsch, (Chaplin, Der Grosse Diktator), feierte man am 20. April den 129. Geburtstag eines Massenmörders. Die „arische Bruderschaft“ mit Runenschrift gezeichnet, leistete den „Sicherheitsdienst“. Überall T-Shirts, „I love Hitler“. Rasierte Männerköpfe, darunter Erbenshirne.

Was in den Dreissiger Jahren nicht mehr verboten wurde, ist heute wiederum erlaubt. Wir haben offenbar nicht alle Tassen im Kasten. Vielleicht nicht gerade wir, aber einige Leute der Generation, die wir erzogen haben.

Denn eben wurde zwei Rappern, geprüft durch eine „Ethikkommission“ ein Musikpreis verehrt. Es gilt als Kunst, KZ-Insassen zu verhöhnen und sprachliche Gewaltorgien gegenüber Homosexuellen und Frauen abzusondern, die dermassen übel sind, dass ich sie nicht zitieren will. Genausowenig wie die Brutalitäten, welche die linksextreme ostdeutsche Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ gegen Polizisten richtet. Dumm nur, dass uns das wenig nützt, wenn die Gewaltsexzesse solcher Gruppen jedem Schulkind zugänglich sind. Was Streithähne gewillt sind, der Mutter eines Hurensohnes anzutun, gehört oft noch zum Harmlosesten, was sie sich auf dem Pausenplatz androhen.

Letzteres schilderte mir eine Lehrerin. Für sie ist die zunehmende Verrohung der Sprache Alltag. Es seien vor allem Buben aus Familien mit einem patriarchalen Hintergrund, nicht Kinder mit „sprachaffinen Eltern“, davon betroffen. So reden wir heute miteinander, wenn wir die Problematik mit „Migranten aus gewissen Ländern“ umgehen wollen und die Frage, ob Gewalt auch importiert sei. Aber das wiederum ist ein anderes Thema.

In den sozialen Medien nehmen die Beschimpfungen zu. Sie ergiessen sich wie Drecklawinen aus anonymen Quellen. Frau Merkel, dieses „verdammte Weib“ ist eine „Mörderin“ und „Nazi“, „Faschist“ und „Volksfeind“ werden so inflationär verteilt wie schlechte Schulnoten. Bald jeder ist betroffen, der dem anderen nicht haargenau in die politischen Koordinaten passt. Die Lockerheit, mit welcher sogar anerkannte Publizisten im digitalen Raum Fäkalwörter verwenden, ist ein irritierendes Indiz dafür, dass die Hemmungen fallen. Und wenn Schweizer Politiker propalästinensische Demos anführen mit Transparenten, auf denen Israel des „Vampirismus“ bezichtigt wird, ist definitiv der Zapfen ab. Vampire sind Blutsauger. Ein Klassiker, wenns gegen Juden, geht! Es gibt tatsächlich nicht nur importierte Gewalt, es gibt auch die „schweizerhäusliche“.

Man kann es drehen und wenden wie man will, Sprache ist ein Mittel, mit welchem man Gewalt anwendet. Die Intensität der Gewalt innerhalb der Sprache setzt sich auf die physische um. Und wenn Frauen und Polizisten ins Koma geprügelt werden und Kinder Selbstmord begehen, weil sie auf sozialen Plattformen gemobbt werden, jüdische Schulkinder sich nicht mehr aus dem Haus getrauen, dann muss man dort hinschauen, wo die Beweise für die Verluderung der Gesinnung und die Geschichtslosigkeit wie ein offenes Buch manifest werden. Bei der mangelnden Bildung. Bei der verpassten Aufklärung. Bei der enthemmten Sprache.

In der Verantwortung stehen alle. Medien. Erziehende. Politik. Wissenschaft. Nur die Sprache selbst kann die Gewalt, die sie ausübt, mässigen. Sprache ist Gegengift zum Hass.

Ansetzen muss man auch bei den Tabus in der politischen Debatte. Wer die Bürgerinnen und Bürger nicht ernst nimmt und ihnen das Maul verbietet, schickt sie in den Untergrund, aus welchem sie dann plötzlich auftauchen wie Irrlichter aus dunkelsten Zeiten, die wir überwunden glaubten.

Ich war kürzlich mit Politikerinnen aus den vier Regierungsparteien auf einem Podium, das die SVP-Frauen im Kanton Aargau organisiert hatten. Thema: Islamismus. Im Publikum viele Musliminnen und Muslime. Wir hatten klare Differenzen, unterschiedliche Positionen, aber wir haben uns die zahlreichen Wortmeldungen angehört. Die Ängste beschrieben bekommen und die eigenen deponiert. Differenziert. Engagiert. Leidenschaftlich.

Und ich habe einmal mehr gedacht, was für ein Privileg es ist, Ansichten in einer von gegenseitigem Respekt geprägten Sprache äussern zu dürfen. Ich hoffe inständigst, dass das Modell Schweiz trotz dem im weltweiten Vergleich beeindruckenden Ausländeranteil seine noch beeindruckendere Integrationskraft bewahrt. Diese hat sie dem konstanten verbalen Austausch der Bürgerinnen und Bürger mit den von ihnen gewählten Politikerinnen und Politikern zu verdanken, die sich in einer direkten Demokratie immer wieder verständlich erklären müssen. Und verständlich erklären, heisst Verständnis haben. Das schützt uns vor Abgehobenheit. Und vor Parallelgesellschaften. Und wie ich meine, vor dem gesinnungsverirrten Unkraut, dass überall wuchert, wenn man es nicht immer wieder jätet.

Es gibt nichts, dass so sehr zur direkten Demokratie passt wie die direkte Rede. Beide zwingen in die Verantwortung für unsere Worte und unser Tun. „Redet anständig!“ sagte meine Mutter immer zu uns. Eine hochpolitische Mahnung.

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