Politische Feldzüge im Namen der Moral

Ethische Normen — seien es unwesentliche Verhaltensgebote zur Koordinierung des alltäglichen Miteinanders oder durchaus wirkmächtige Handlungs- und Denkdirektiven — sind eine ominöse Kraft im sozialen Raum; gleichsam eine dunkle Materie. Sie lassen sich zwar nicht direkt beobachten, und hinterlassen dennoch ihre unverkennbaren Spuren in den Sedimenten der Gesellschaft. Ihr unbescheidener Anspruch: die Zivilisierung des Öffentlichen; eine intersoziale Pädagogik der Moral.

Auch Gesetze sind im Grunde nichts anderes als “gesetzte”, d.h. für verbindlich erklärte Rechtsnormen, deren Missachtung oder Zuwiderhandlung durch den Staat sanktioniert wird. Doch es gibt einen noch viel grösseren Fundus sozialer Normen, denen keine rechtliche Stipulation zugrundeliegt, diesen bezüglich Wirkmacht gleichwohl um nichts nachstehen.

In linken Milieus, wo man sonst so inbrünstig mit der Fahne des “offenen Diskurses” wedelt, hat man die Macht ethischer Normen, die eng an “das Gute” und “das Richtige” korreliert sind, erkannt und setzt diese nun bajonettmässig gegen alles, was vom eigenen, beengten Meinungskorridor abweicht, ein. Man konfrontiert den politischen Kontrahenten nicht mehr mit fundierten Argumenten, ja begegnet ihm nicht mal mehr auf Augenhöhe, sondern delegitimiert seine Position, indem man sie sachte in den Bereich des Unmoralischen, ja gar des Unmenschlichen schiebt. Herausgebildet hat sich eine Machttechnik der netzwerkhaften Empörung — und genau in diesem Moment vollzieht sich die Verschiebung der Moral und des Äusserbaren. In felsenfester Überzeugung von der eigenen Unfehlbarkeit schliessen sie sich dann dem Feldzug im Namen der Moral an.

Mit besonderer Deutlichkeit zeigte sich dieser rapide Schwund öffentlicher Meinungstoleranz in den geharnischten Reaktionen auf den kürzlich in «Die ZEIT» erschienen Beitrag der Journalistin Mariam Lau zur Frage privater Seenotrettungen. Obschon sich die Journalistin trotz ihrer (notabene sehr differenzierten) Kritik an privaten Rettungsaktionen ausdrücklich für die Rettung von in Seenot geratener aussprach («Wer in Not ist, muss gerettet werden, das schreibt das Recht vor und die Humanität»), wurde sie tags darauf in den politischen Feuilletons guillotiniert (wobei die meisten von ihnen den Artikel wohl höchstens überflogen haben dürften). Es entbehrt übrigens nicht einer gewissen Ironie, dass der Beitrag in einem Meinungsabtausch mit einer anderen Journalistin publiziert wurde, die sich positiv zur privaten Rettungsaktionen äusserte — aber die hohe Kunst demokratischer Auseinandersetzung wird nicht wahrgenommen, geschweige den geschätzt, in einer Zeit, in der die öffentliche Auseinandersetzung in radikale Meinungsblasen zerfällt.

An der Politisierung der Moral respektive an der Durchmoralisierung der Politik muss man sich als überzeugter Demokrat stören. Denn der freie Austausch politischer Standpunkte ist nicht nur ein “Feature” der Demokratie, es ist gleichzeitig auch ihre wichtigste Voraussetzung. Wer andere Meinungen nicht aushält oder schlimmer noch: sie nicht zulässt, bewegt sich geistig im Dunstkreis des Totalitarismus.

53 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.

Kommentar von Dän U:

» zur normalen Ansicht wechseln

Alle 53 Kommentare anzeigen

Mehr zum Thema «Gesellschaft»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production