Mit Robert Grimm am 1. August in Wald ZH

Die Rede vom 1. August 2018 "Vom Rütlischwur zum Landesstreik" wurde sehr gut aufgenommen.

Hier ist der vollständige Text:

Vom Rütlischwur zum Landesstreik

  1. August 2018, Monika Wicki

Im November 1918 veranlasste General Ulrich Wille den Bundesrat per Brief, Bern und Zürich wegen bolschewistischer Umsturzpläne militärisch zu besetzen.
Möglicherweise tat er dies auf Grund eines Inserates im Volksrecht.
«Rüstet euch» stand da «reserviert den 10. November». Ulrich Wille fasste dies als Aufruf zur Revolution auf. In Wahrheit war es ein Aufruf der sozialistischen Jugend zu Wandern.
So hat ein Irrtum Geschichte geschrieben.
Im November 1918 wurden Zürich und Bern militärisch besetzt. Das Militär war im Einsatz gegen das Schweizer Volk. Die Woche vom 7. bis 14. November 1918 gilt als die schwerste innenpolitische Krise seit der Gründung des Bundesstaats von 1848. In diesem Moment stand die Schweiz vor einem Bürgerkrieg. Es war ein ganz spezieller Moment. Es hätte noch ein Funke gebraucht, und es hätte gebrannt. Beinahe wie heute, nur, dass viel mehr Feuerwerk bereitstand und das Land vermutlich hundertmal ausgetrockneter war als heute.
Vielen Dank an die SP Wald für die Einladung, hier in Wald die 1. August Ansprache zu halten. Hier, wo ich 20 Jahre gelebt habe, hier, wo ich der SP beigetreten bin und hier, wo Robert Grimm am 16. April 1881 geboren wurde. Vielen Dank an Sie, dass Sie heute den Weg auf den Schwertplatz gefunden haben.
Man hat mich gebeten, über den Landesstreik zu berichten und über den Walder Bürger Robert Grimm. Robert Grimm wurde als Sohn eines Fabrikmechanikers und einer Weberin im Sagenrain geboren und zog schon mit 14 Jahren nach Oerlikon um dort eine Lehre als Buchdrucker zu absolvieren. 1899 trat er in Horgen der SP bei und ging dann auf Wanderschaft. Er war Kantonsrat, Gemeinderat, Stadtrat, Nationalrat, Parteipräsident und vieles mehr und hat im ersten Weltkrieg die internationalen Friedenskonferenzen in Zimmerwald und Kiental und 1918 den Landesgeneralstreik organisiert.

Robert Grimm war im Jahr 1918 sicherlich mehrfach hier in Wald. Denn einerseits wurden seine Kinder aus erster Ehe, Bruno und Jenny, oft in Wald von der Schwester Albertine betreut, und andererseits hatte er Jenny Kuhn, seine zukünftige zweite Ehefrau in dieser Zeit kennengelernt. Sie war die Tochter des Arztes, der im Haus schräg vis à vis von der heutigen Migros, dort wo heute der Wald Imbiss ist, wohnte.
Landstreik und Robert Grimm, für mich ist das völlig in Ordnung, aber ganz ohne 1. August und Rütlischwur geht es ja doch nicht, habe ich mir gedacht. Und so habe ich meiner Rede den Arbeitstitel «Vom Rütlischwur zum Landesstreik» gegeben.
Sie fragen sich vielleicht, was hat der Rütlischwur mit dem Landesstreik zu tun?
Ja, das habe ich mich auch gefragt. Aber eigentlich ist das ganz einfach: beides sind nationale Erfahrungen des Zusammenstehens, Zusammenhaltes und miteinander für eine Sache, für die Freiheit und für die Rechte einstehen.

Not verbindet
Wir feiern heute die Gründung der Eidgenossenschaft. Das war, so wurde es überliefert, Anfangs August 1291. Damals haben sich die drei Talschaften Uri, Schwyz und Unterwalden entschieden, sich gegenseitige Unterstützung im Kriegsfall gegen die Habsburger zu leisten.
Das taten sie nicht aus heiterem Himmel. Sie haben sich Unterstützung geschworen, weil es im internationalen diplomatischen Geschehen zu jener Zeit grosse Unsicherheiten darüber gab, wer die Macht übernehmen wird. Und es wurde befürchtet, dass diese neue Macht dann Uri, Schwyz und Unterwalden ganz einfach überrollen könnte.
Die Drei Talschaften waren in Angst vor der neuen Macht, sie waren in Not. Und Not verbindet.
Auch das Oltener Aktionskomitee, das der Walder Sohn Robert Grimm anführte, wurde aus der Not geboren. Die Not war gross, denn gegen Ende des Ersten Weltkrieges gab es eine grosse Verelendung in der Bevölkerung. Die Preise für Waren vervielfacht hatten, ohne dass die Löhne angestiegen wären.
So schreibt Arbeiterin Rosa Bloch im Herbst 1918 in der Vorkämpferin (der Zeitschrift der Arbeiterfrauen): «Wanderlehrerinnen lehren den Arbeiterinnen das «Sparen», das Kochen ohne Fett und so. Ein probates Rezept soll folgendes sein: Man wasche das Geschirr im warmen Wasser, lässt es kalt werden und schöpft dann das gekochte Fett ab». So geht das. So waren die Verhältnisse der meisten einfachen Leute. Gleichzeitig hatten ein paar wenige vom Krieg enorm profitieren können.
In dieser Zeit hatte das Oltener Aktionskomitee die Aufgabe, sich für die Sache der Arbeitenden einzusetzen. Denn in der Politik hatte die Arbeiterschaft damals noch kaum Einfluss. Die Wahlen wurden damals noch alle nach dem Majorzsystem durchgeführt, da hatten die Arbeiter keine Chancen, dass ihre Vertreter gewählt würden, die Frauen hatten sowieso kein Stimmrecht und die vielen ausländischen Arbeitskräfte auch nicht.

Und so war das einzige Mittel, dass die Arbeitnehmenden wirklich hatten, um ihren Anliegen Kraft zu verleihen, der Streik. Denn wenn die Arbeiter streiken, dass wissen wir alle, wenn sie nicht arbeiten, gibt es keine Produkte, gibt es keine Einnahmen, der Laden steht still. Das wäre ein grosser Verlust für die Wirtschaft.
Und nur schon mit Streikdrohungen konnte das Oltener Aktionskomitee zum Beispiel eine Milchpreiserhöhung verhindern.

Streik
Streik ist nicht einfach Streik. Es geht nicht einfach nur darum, mehr Lohn, weniger Arbeitszeit oder sonstige Vorteile zu haben. Robert Grimm veröffentlichte 1906 eine Broschüre mit dem Titel „Der politische Massenstreik“. Darin unterscheidet er den normalen Streik vom politischen Massenstreik.
Was ist ein politischer Massenstreik?
Ein politischer Massenstreik, ist (ich zitiere jetzt aus dieser Broschüre) «die Arbeitsniederlegung in mehreren oder sämtlichen Berufen einer Ortschaft, einer Gegend oder eines Landes zum Zweck des Widerstands gegen die Regierung, gegen die Staatsgewalt» (ebd., S. 6).
Widerstand gegen die Staatsgewalt also? Aber warum denn das?
Ich habe vorher erklärt, dass das einzige Mittel der Arbeitnehmenden, ihren Anliegen Ausdruck zu verleihen, der Streik gewesen sei. Zu dieser Zeit kam es aber immer wieder vor, dass im Falle eines Streiks die Polizei oder sogar das Militär eingeschritt. Manchmal wurde auch der Ausnahmezustand, also der Kriegszustand, ausgerufen, das heisst, die geltenden Gesetze traten für ein Notrecht ausser Kraft. In den Augen von Robert Grimm und der gesamten Arbeitnehmerschaft war das keinesfalls in Ordnung. Denn so setzten sich Polizei und Militär (also die Staatsgewalt) für die Interessen einiger wenigen Besitzenden ein und nicht für die vielen Leute, die Arbeitnehmenden. Und ganz schlimm ist es dann, wenn sogar auf die Arbeiter und Arbeiterinnen geschossen wird, denn dann ist man sich seiner Haut und seiner Rechte als Arbeitnehmer, obwohl man Schweizer Bürger ist, nicht mehr sicher.
In diesem Moment tritt der politische Massenstreik in den Vordergrund. Wiederstand gegen die Staatsgewalt. Und genau das war der Fall, als es zum Landesstreik kam.
Die Schweiz stand im November 1918 vor einem Bürgerkrieg. Denn das Oltener Aktionskomitee war gar nicht begeistert, dass das Militär gegen die Arbeiter eingesetzt worden war. Darum wurde für den 9. November ein Proteststreik von 24 Stunden ausgerufen. Weil aber der Bundesrat, die Truppen nicht abzog, gab das Komitee am 10. November den Aufruf zum zeitlich unbegrenzten Generalstreik. Das war der Aufruf zu einem politischen Massenstreik.
250 000 ArbeiterInnen in allen Landesteilen folgten dem Streikaufruf des Oltener Aktionskomitees. Die ganze Schweiz stand still. Im Nationalrat wurde eine Sondersession einberufen, die Armeeführung bot weitere Truppen auf.
Das Zusammenstehen der Arbeiterinnen und Arbeiter beim Landesstreiks war eine unglaubliche Macht- und Kraftdemonstration. Der Bügerkrieg war wirklich greifbar.
Am Rande des Bürgerkriegs aber, und dass ist Robert Grimm und den Genossinnen und Genossen wohl zu verdanken, beschloss das Oltener Aktionskomittee in der Nacht vom 13. auf den 14. November, den Streik abzubrechen. Sie verhinderten so den Bürgerkrieg.

Not verbindet, zusammenstehen macht stark und wer stark ist, setzt sich durch
Die Verbindung, welche die drei Talschaften Uri-Schwyz und Unterwalden 1291 eingingen, brachte Erfolg. Mit dieser und weiteren Verbindungen kamen in den nächsten Jahren zahlreiche weitere Landfrieden zu Stande. Mit der Zeit wurde so die Ordnung der Acht Alten Orte aufgebaut, was der Region Stärke und Stabilität brachte. Bis wir aber die Schweiz, wie sie heute ist, hatten, brauchte es noch viele Jahre, verschiedene Umwälzungen und eine Bundesverfassung. Vielleicht aber hatten dafür tatsächlich die drei Urkantone den Grundstein gelegt.
Beim Landesstreik war der Erfolg lange auch nicht so deutlich sichtbar. Zuerst wurden über 3500 Gerichtsverfahren eingeleitet und es gab 147 Verurteilungen. Die wichtigsten Streikführer erhielten Haftstrafen, so auch Robert Grimm. Der Walder Sohn war ein halbes Jahr im Gefängnis. Und das war vermutlich auch der Grund, warum er dann nie Bundesrat wurde. Zum Nationalratspräsidenten reichte es dennoch.
Wenn wir aber heute zurückblicken, muss gesagt werden, der Landesstreik war sehr erfolgreich. Die wichtigsten Forderungen des Oltener Aktionskomitees wurden alle erfüllt:
Sie forderten die Neuwahl des Nationalrates nach dem Proporzsystem. Heute haben wir dieses System praktisch bei allen parlamentarischen Wahlen.
Sie forderten das aktive und passive Frauenstimmrecht. Das haben wir seit 1971.
Sie forderten die Schaffung einer Alters- und Invalidenversicherung. Die AHV/IV Versicherung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt und hat sich als Erfolgsmodell gegen Altersarmut bewährt
Sie forderten die 48-Stunden-Woche. Wir haben heute die 42-Stunden Woche.
Sie forderten den Ausbau der Lebensmittelversorgung. Wir haben heute mehr als genug.

Damals waren es Utopien. Heute sind es selbstverständliche Errungenschaften, die wir nicht mehr missen möchten. Vielleicht haben auch Sie noch Utopien. Vielleicht wünschen Sie sich, dass alle Menschen ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und ein Einkommen haben, das zumindest zum Leben reicht. Glauben Sie mir: Die Geschichte hat gezeigt, dass Utopien Realität werden können. Tun Sie sich mit anderen zusammen und setzen Sie sich für Ihre Sache ein. Sie wird über kurz oder lang von Erfolg gekrönt sein.
Seit 1918 hatten wir in der Schweiz nie mehr eine solche Staatskrise. Dies mitunter auch darum, weil man dafür besorgt war, dass es den Arbeitnehmenden gut geht. Es ist gut, wenn wir auch ohne Not dafür Sorge tragen, dass es allen gut geht und nicht nur wenigen. Es ist gut, wenn wir die Errungenschaften wie AHV und IV, die Krankenversicherung, Arbeitsgesetze zum Wohle der Arbeitnehmenden schützen. Es ist gut, wenn wir unsere Freiheiten schützen. Es ist gut, wenn wir unsere Rechte und die Menschenrechte erhalten und nicht mutwillig aufs Spiel setzten. Es ist gut, wenn das Militär nicht auf das eigene Volk schiesst.
Wir können von unseren Vorvätern und Vormütter lernen. Sie standen füreinander ein, sie standen zusammen und konnten so etwas erreichen. Es ist wichtig, dass wir uns auch weiterhin für Freiheit, für die Rechtstaatlichkeit und für die Menschenrechte einsetzen, hier und anderswo. Und wenn wir uns zusammentun und dies gemeinsam tun, so sind wir stark. Stark für eine erfolgreiche Zukunft.

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