Meine Geschichte zum Vollgeld

Ich habe die Berufe Primarlehrer und Sozialarbeiter gelernt. Im ersten Beruf steht das Lernen (dürfen) im Vordergrund, im zweiten neben der konkreten Direkthilfe die Hilfe zur Selbsthilfe oder die Ermächtigung zum Verändern unbefriedigender Verhältnisse.

Während meiner Tätigkeit als Sozialarbeiter in einer schweizweit bekannten Behindertenorganisation wurde mir ein erstes Mal bewusst, was es heisst, wenn Machtinteressen vor der Sache stehen. Qualität wird nicht nur nicht wirklich gewollt, sondern absichtlich abgebaut. Sei es aus Neid oder einfach aus gewohnter Destruktivität. Mangels Qualität dann werden Gelder für deren Verbesserung gesprochen. Mit dieser rücksichtslosen Negativselektion werden nicht nur Berufskarrieren Einzelner beeinflusst, sondern auch die Kosten enorm in die Höhe getrieben.

Dieses Phänomen findet sich in der Politik wieder. Unsere Gesellschaft ist seit Jahrzehnten so konditioniert: Pass dich dem asozialen Verhalten der Mächtigen an, sonst landest du bei der IV, auf der Sozialhilfe oder gar auf der Strasse. Einschüchterung konkret. Dagegen habe ich begonnen mich aufzulehnen, entgegenzuhalten. Nach 10 Jahren hartnäckigem Wiederaufstehen und Durchhalten kann ich für mich persönlich behaupten, mit Erfolg.

Mit dem Vollgeld kam ich bereits ca. 2009 in Kontakt. Am Sozial- und Umweltforum Ostschweiz (SUFO) wurde mir an einem Workshop das Wesen und der Gedanke dahinter plausibel erklärt. Wie das Bedingungslose Grundeinkommen würde es die Menschen unabhängiger, souveräner und freier in ihrer Lebensgestaltung machen. Vom einfachen Arbeiter oder gar Arbeitslosen bis hin zum Politiker.

Oktober 2011, das globale Event genannt Occupy. Die Menschen versammelten sich zu Hunderttausenden in allen Städten der Welt, weil sie nicht einverstanden waren mit dem, was Banken und Politik mittels Verschuldungswirtschaft und Finanzspekulation anrichten. Sie wollten Alternativen zur Zerstörung einzelner Menschen und unseres Planeten entwickeln.
Von dieser Bewegung fühlte ich mich persönlich angesprochen; entsprechend brachte ich mich erst in Zürich, dann in St.Gallen und letztlich auch in meiner Heimat, dem Rheintal, in diesen Aufbau ein.
Bereits Anfang 2012 verteilten wir Flyer mit dem Titel 'Occupy Money', welche die Geldschöpfung aus dem Nichts erklärten und das Vollgeld als Alternative propagierten. Als Occupist formulierte ich mein persönliches Ziel: einen nachhaltigen Finanzplatz Schweiz.

Mir war rasch klar, dass die politischen Parteien für die Sache gewonnen werden mussten, deshalb trat ich mit diesem Fokus den Grünen bei und begann mich in der Lokalpartei zu engagieren. Im Rheintal entwickelten wir die Vision 'Energieautarke Region Rheintal', womit wir einen Aufhänger hatten, um nahe an die Bevölkerung ranzukommen und die kantonale und nationale Politik zu konfrontieren. Bereits 2014 informierte ich als Regionalpräsident die Kantonalpartei über die positiven Auswirkungen eines Vollgeldsystems und legte den Mitgliedern ans Herz, sich damit zu beschäftigen.

Ich merkte, dass wir in der EU-Beitrittsfrage zu widersprüchlich kommunizierten und deshalb so wenig gewählt wurden, mit den bekannten Konsequenzen. Das musste sich ändern.
Sieben Jahre lang war ich in der Partei auf taube Ohren gestossen, als ich wiederholt forderte, sich aus ökologischen und sozialen Gründen EU-kritisch zu positionieren. Die Macht-Karte wurde konsequent gespielt.
So nutzte ich meine Macht als Regionalpräsident, zwecks unserer Sache der Energieautarkie-Vision einen Schritt vorwärts zu machen und unsere EU-kritische Haltung den Lokalmedien zukommen zu lassen. (https://rheintaler.ch/artikel/gruene-finden-eu-asozialer-denn-je/10458)

Auf's Schärfste wurde ich anschliessend von einzelnen kantonalen Parteikollegen angegriffen, obwohl ich nichts als konsequente grüne Politik betrieb. Ich kam mir vor wie in einer Sekte. Betrübt musste ich konstatieren: Die machen Politik nur aus Masche. Alles Steigbügelhalter der bürgerlichen Parteien. Unehrlich, neidisch, irgendwie korrupt. Die haben alle irgendein Problem mit sich selber.
Ich trat zurück, weil ich mich ohnehin aufs Berufliche konzentrieren musste. Meinen Job als Politiker habe ich getan.
Wenige Monate später die erfreuliche Nachricht: Die Grünen Schweiz distanzieren sich in ähnlicher Form wie die SP von einem EU-Beitritt und gewichten nachhaltige Kriterien weitaus höher. Erfreulich dann auch die sehr klare Ja-Mehrheit kürzlich bei der Parolenfassung der Kantonalpartei zur Vollgeld-Initiative.

Weniger erfreulich dann die sehr dümmlich wirkende Kommunikation der Grünen Schweiz, dass es grüne Argumente gegen das Vollgeld gebe und deshalb die Stimmfreigabe beschlossen wurde. Da wurde von einzelnen Parteiexponenten der Kopf ganz tief in den Sand gesteckt.
Diese desinformative und ignorante grüne Position sagt mir aus der Erfahrung nur schon mit dieser Partei, dass die politische Schweiz im Sinne einer freiheitserhaltenden Eidgenossenschaft mit dem Nein zur Vollgeldinitiative Geschichte geworden ist. Man hat sozusagen beschlossen, den eigenen Hitler im Land zu belassen. Dumm stellen kann man sich ja.
Eine Zäsur in der Schweizer Geschichte, da erstmals rational und mit Beweisen begründbar. Wie 1933 die demokratische Wahl der Hitlerpartei mit all ihren Konsequenzen. Damals bereits zog man absichtlich einem Vollgeldsystem den Weltkrieg vor. Mit Propaganda die Bevölkerung desinformiert und aufgewiegelt und dann an ihr abgelassen. Man kann darin ja Vieles sehen, aber stolz darauf kann niemand sein.
Auf die nationale Politik sowohl der Grünen wie auch sonst ist definitiv kein Verlass. Konsequenz der Negativselektion.

Die Vollgeld-Idee wird nicht sterben; nicht mal das Nazireich hatte das geschafft. Sobald die nächste Finanzkrise kommt, stellt sich das Problem erneut. Wie geht die Schweiz dann mit gewissen überschuldeten Kantonen um? Lässt sich die Bevölkerung zu einer Schulden-Union und gar in die EU gängeln? Oder entstehen zuvor bereits vollgeldbasierte neue Staaten, evtl. als Kantonsverbindungen oder interregionale Zusammenschlüsse wie hoffentlich bald eine 'Euregio Bodensee'?
Bereits das rechtzeitige Abstossen der 'Hyposwiss' durch die St.Galler Kantonalbank zeigt auf: Wer gut genug und rechtzeitig dran ist, hat mehr Möglichkeiten, frei zu entscheiden. In diesem Sinne bin ich mit der Kantonalpartei der Grünen verblieben. (http://baerenrunde.ch/wp/2016/05/wir-muessen-eigentum-neu-denken/#comment-13252)

Mittlerweile habe ich den Wiedereinstieg in meinen Erstberuf als Primarlehrer erfolgreich geschafft, kann Teilzeit arbeiten und habe einen grossen Freiraum bezüglich meiner Alltagsgestaltung. Mein Lohn kommt monatlich auf das Konto einer alternativen Bank, sozusagen als Vollgeld. Für mich persönlich habe ich alles, was ich mir wünschen kann. Jetzt kann ich die Ernte meines Engagements einfahren, mich aus dem Politischen zurückziehen. Alles Andere wäre auch nichts als kontraproduktiv, so wie ich mich öffentlich exponiert hatte. Zeit zum Geniessen also. Oder sozialarbeiterisch ausgedrückt: Ich habe mich erfolgreich entbehrlich gemacht.

Lernen kann man aus dieser Geschichte, dass sich basisdemokratische Vernetzung und Engagement sehr wohl lohnt, in allen Belangen. Bewährt hat sich dabei konkret auch das zu Unrecht verteufelte Konsensverfahren, wenn man alle mit dabei haben möchte und in der Komplexität Prioritäten setzen muss.
Man kann als Einzelner sehr weit gehen im Konfrontieren, wenn man nicht persönlich wird und weiss, wann genug ist. Auch öffentlich. Denn der Mensch ist ein soziales Wesen; man ist aufeinander angewiesen. Wie im Musikverein zählt der Vereinszweck, das 'Musizieren', es gemeinsam schön zu haben. Darauf kann man sich verlassen. Diese Grosszügigkeit, aber auch der Respekt ist in der menschlichen Natur angelegt. Und wenn Unkraut nicht vergeht, will man's auch. Das ist Schwarmintelligenz, wie sie die Natur kennt.

Vielen Dank für euer Engagement und herzliche Grüsse

Stefan Kirchgraber
Eichberg SG

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