Die unsichtbare Hand, die die Freiheit erst ermöglicht: ein Versuch einer Begriffsbestimmung von Liberalismus und bedingungsloser persönlicher Freiheit

In letzter Zeit wurde im Rahmen der Diskussion um die Vollgeldinitiative auf politnetz sehr oft über Kapitalismus und Liberalismus gestritten, ohne dass man sich über den Rahmen, in dem Freiheit überhaupt möglich ist, und der Macht, die dem Kapitalismus innewohnt, wirklich offen auseinandergesetzt hätte.

Gerade bin ich über eine sehr interessante Kolumne von Georg Diez im Spiegel gestolpert, die mir bei der Lektüre ein stilles Lächeln entlockt hat. Manchmal sind Dinge so einfach erklärbar, dass man sich echt wundert, wieso man nicht selber darauf gekommen ist:

Was ist zum Beispiel mit Adam Smith, dem Mann, der immer wieder präsentiert wird als "Vater des Kapitalismus", als "Urvater der Ökonomie", als Segensbringer des Egoismus, der im Eigennutz die Triebfeder des wirtschaftlichen Fortschritts sah und damit, so heißt es in der neoliberalen Auslegung seiner Lehren, ein radikales Konzept von Freiheit verfolgte - und dabei selbst abhängig war von den Bedingungen, die diese Freiheit ermöglichten, weil er seine Mutter brauchte, die ihm das Abendessen machte, sein Leben lang?

Adam Smith hat nie geheiratet, er hat all die Jahre, in denen er an seiner "Theorie der ethischen Gefühle" arbeitete und an "Der Wohlstand der Nationen", zu Hause gewohnt, und das ist nicht nur menschlich relevant, es ist vor allem theoretisch von Bedeutung, weil es auf einen Widerspruch hinweist, der eigentlich gar keiner ist: Freiheit braucht Bedingungen, die diese Freiheit ermöglichen.

Die Mutter aller Märkte

Mir gefällt an diesen Überlegungen, das die Marktgläubigkeit und der Drang zum von allem befreiten Individuum als das entlarvt wird, was sie tatsächlich ist: eine Ersatzreligion von wahrscheinlich unzufriedenen Männern, die weil sie mit sich selbst nichts anfangen konnten, sich in plumpe Theorien flüchteten und sich nach der Flucht aus dem eigenen Gefängnis sehnten:

Ökonomie, das zeigt Marçal deutlich, ist eben das, was Männer daraus machen - Männer, Ökonomen, Machtmenschen, Meinungsmacher, die Geschichten erzählen von Gestrandeten, die einsam und allein ums Überleben kämpfen, weil sie selbst gestrandet sind, nicht auf einer Insel, sondern in sich selbst. Und deshalb ist ihr Buch, obwohl schon 2012 zuerst auf Schwedisch und 2016 auf Deutsch erschienen, eine Art #MeToo-Moment der Ökonomie.

Nun, ich bin gespannt, was man mit soviel Querdenken auf politnetz anfangen kann...

Schönen Pfingsmontag!

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