Wie ich zum Vollgeld-Befürworter wurde und warum wir die höchst problematische und unfaire private Geldherstellung beenden und Vollgeld einführen sollten.

Vor über zwei Jahren habe ich in der «Expresszeitung», einem Werbeanzeiger, der damals in unserer Region gratis verteilt wurde, etwas schier Unglaubliches gelesen. Die beiden Herausgeber behaupteten in ihrem Einleitungstext etwas für mich so Unvorstellbares, dass ich sofort hellwach und verblüfft aber ebenso skeptisch und verunsichert war:

Private Banken können in der Schweiz seit quasi jeher selber Geld herstellen. Dieses selber erschaffene Geld verleihen sie dann selbstverständlich gegen Zinsen an ihre Kunden oder sie kaufen sich damit Anlagegüter (z. B. Immobilien, Aktien, Obligationen, usw.), die ebenfalls Erträge abwerfen. Das heisst (etwas vereinfacht dargestellt) nichts anderes als: Die Banken verdienen Geld mit Krediten oder Investitionen, für welche sie selber praktisch null Geld investieren mussten.

Ich fragte mich, wie man auf solch verrückte Ideen kommen kann und dachte, die Herausgeber dieser Zeitung hätten ein paar Schrauben locker. Da ich aber grundsätzlich unvoreingenommen neue Informationen und andere Meinungen entgegennehme und anschliessend zu verstehen versuche, was an ihnen dran sein könnte, forschte ich mit enorm grossem Interesse weiter an der Sache.

Bald schon stellte ich fest, dass die Behauptung, private Wirtschaftsteilnehmer könnten sich ohne dafür irgendeine Leistung zu erbringen bereichern, indem sie selber Geld erschaffen würden, durchaus fachlich fundiert begründet und somit richtig ist. Ich erfuhr auch, dass sich zu diesem Zeitpunkt sogar eine eidgenössische Volksinitiative im Sammelstadium befand, die ebendiesen – wie ich finde extrem ungerechten und skandalösen – Umstand beseitigen will.
Wenn Leute mit akademischen Titeln und beruflichem Bezug und zum Thema schon ihre Freizeit opfern und ihren Namen für eine Initiative zur Verfügung stellen, muss doch etwas an der Sache dran sein, dachte ich.

Seither, also schon über zwei Jahre lang, habe ich mich sehr intensiv und vertieft mit dieser komplexen und weitläufigen Thematik auseinandergesetzt. Ich las mir genau durch, was die Initianten der sogenannten Vollgeld-Initiative behaupteten und versuchte, neutrale oder gegensätzliche Darstellungen zu finden. Je länger je mehr zeichnete sich ab, dass die Darstellungen und Erklärungen zum heutigen Geldsystem, welche die Initianten der Vollgeld-Initiative propagieren, sehr genau der Realität entsprechen. Dies überzeugte mich und ich begann mich mit dem sogenannten Vollgeld-System auseinanderzusetzen, das die Initiative anstelle des heutigen Systems einführen will. Dies war mitunter auch ein Grund, weshalb ich beschlossen habe, Wirtschaft zu studieren.

Wie bereits angedeutet, will die Vollgeld-Initiative nicht nur die private Geldschöpfung verbieten, sondern gleichzeitig ein etwas anders aufgebautes System einführen. Dieses System überzeugte mich auf Anhieb:

Das Vollgeld-System ist (im Vergleich zum heutigen System) kinderleicht zu verstehen. Die Geldschöpfung würde genau so funktionieren, wie es heute die meisten Leute schon annehmen: Die Nationalbank stellt das Geld her und die privaten Geschäftsbanken sind nur für das Kreditwesen zuständig. Sie vergeben Kredite mit dem Geld, das ihnen von Sparern dazu übergeben worden ist. Im Prinzip würde das Geldsystem wie im Brettspiel Monopoly funktionieren – kinderleicht eben.

Das Vollgeld-System ist gerecht. Die Banken können kein eigenes Geld mehr herstellen, sondern arbeiten nur noch mit demjenigen Geld, dass sie selber besitzen oder von ihren Kunden ausgeliehen bekommen haben, um es weiterverleihen zu können. Sie haben also dieselben Bedingungen wie alle anderen Wirtschaftsteilnehmer.

Vollgeld ist viel sicherer. Vollgeld bedeutet «vollwertiges gesetzliches Zahlungsmittel», also «echtes» Geld von der Nationalbank. Vollgeldkonten sind dementsprechend vollständig sicher, da sie von der Nationalbank und nicht von einzelnen Unternehmen garantiert werden.
Die heute bestehende Einlagensicherung von 100 000 Fr. pro Person und Bank ist eine reine Alibi-Übung, denn sie kann nicht einmal 2 % aller Guthaben garantieren, für welche sie gilt. Schon nur in eine mittelgrosse Krise würde sie überfordern, was zu einem Totalverlust bei 98 % der Bankkunden führen könnte.
Zudem wären Banken dank Vollgeld nicht mehr aus systemischen Gründen gezwungen, bei einander verschuldet zu sein. Somit müsste es keine Kettenreaktionen wie in der Finanzkrise ab 2007 mehr geben, die die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen.

Die Allgemeinheit würde stark von der Vollgeld-Reform profitieren. Pro Jahr könnten Bund und Kantone rund 5 Mia. Fr. an Schuldzinsen einsparen und dank der öffentlichen Geldschöpfung zusätzlich nochmal rund 5 Mia. Fr. Mehreinnahmen erhalten. Und alles das, ohne dass irgendjemandem (ausser den Banken ihr ungerechtfertigtes Privileg selber Geld «drucken» zu können) etwas weggenommen würde.
Die Umstellung auf Vollgeld würde zusätzlich rund 300 Mia. Fr. für die Allgemeinheit bedeuten – klingt unglaublich, ist aber realistisch gerechnet.

Vollgeld ist stabiler aufgebaut und muss nicht zwangsweise in Schuldenkrisen führen. Im jetzigen System können die riesigen Schuldenberge der Staaten wie auch der privaten Haushalte und Unternehmen nie zurückbezahlt werden, da sonst die Geldmenge abnehmen müsste, was der Wirtschaft schaden würde. Da die Gesamtverschuldung der Gesellschaft ausschliesslich weiter zunehmen kann, ist die Wirtschaft bzw. Gesellschaft ständigem Wachstums- bzw. Spardruck aussetzt, da immer mehr Zinsen für die Gläubiger erwirtschaftet werden müssen. Heute muss auf das gesamte Buchgeld (90 % der Geldmenge) täglich jemand Zinsen zahlen, nur damit dieses überhaupt existieren kann. Das ist weder sinnvoll, noch nötig. Es ist zudem weder finanziell noch ökologisch über allzu lange Zeit verkraftbar und muss zu einer riesigen Krise führen.

Es gibt noch viele weitere Vorteile, hier nachzulesen: https://www.vollgeld-initiative.ch/kernbotschaften/

Mittlerweile habe ich u.a. zwei Bücher über das Vollgeld-System gelesen und im Rahmen meines Wirtschaftsstudiums eine sehr gute wissenschaftliche Arbeit über das jetzige Geldsystem, das Vollgeld-System und die möglichen Auswirkungen einer Einführung von Vollgeld geschrieben. Ich wage somit zu behaupten, dass es nur sehr wenige Leute gibt, die ein besseres Verständnis diese Thematik haben (zumal auch viele Ökonomen und «Experten» noch heute von längst überholten Vorstellungen über die private Geldschöpfung ausgehen).

Überdies dürfte meine Meinung/Einschätzung weitaus glaubwürdiger sein, als die Angstmache, welche von den Profiteuren des bisherigen Systems verbreitet wird, damit sie ihre Privilegien auch weiterhin erhalten können. Ich möchte nur ein System, in welchem ich als normaler Bürger besser dastehe und in dem sich die Banken nicht auf Kosten der Allgemeinheit bereichern.

Bis heute habe ich noch keine Gegenargumente gefunden, die mich nur annähernd so überzeugen, wie die ganzen Vorteile, die ein Vollgeld-System für die Schweiz hätte. Wer nicht selber von der heutigen Praxis profitiert, kann in meinen Augen nur gewinnen, wenn die Vollgeld-Initiative in der Volksabstimmung am 10. Juni 2018 angenommen wird.

Wer es genauer wissen will, findet auf der offiziellen Website viele weitere Infos: Link

Ich empfehle ebenfalls das ca. 20-minütige Video auf YouTube: Link

Diese Seite legt den Fokus auf Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und die Befreiung von den Schulden im Zusammenhang mit Vollgeld: Link

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