Heimatschutz für die SRG?

Der NoBillag-Abstimmungskampf geht in die Endrunde: am kommenden Wochenende stimmt darüber an der Urne ab, wer nicht

  • schon brieflich gestimmt hat,
  • keine Meinung hat und auch nicht mit einer Leereingabe zur Legitimation des Abstimmungsergebnisses beitragen möchte
  • vielleicht eine Meinung hätte, aber zu gleichgültig ist, als dass sie bzw. er sich an der Abstimmung beteiligen möchte oder
  • das Ganze aus bestimmten Gründen boykottiert.

Die Fronten verlaufen in der Billag-Frage absolut klar: Rechtsaussen und Teile von Rechts gegen Teile von Rechts, die Mitte, Mittelinks und Links. Oder: wer nicht rechts oder rechtsaussen steht, aber trotzdem für die Abschaffung der Billag-Gebühr einsteht, hält bei einem derart klaren Frontenverlauf am besten den Mund, wenn sie/er nicht auf ewig in Ungnade fallen will - auf das gegenseitige Schultergeklopfe des Medien-Establishments nach der (absehbaren) Abfuhr für die NoBillag-Initiative dürfen wir uns jetzt schon freuen. Schawinski und wie sie alle heissen werden den Champagner wohl schon kalt gestellt haben, die Korken werden knallen, keine Frage. Und vae victis, die Häme, die sich nach diesem emotionalen Abstimmungskampf nach der Abfuhr für die Initiative über die Initianten ergiessen wird, wird sich voraussichtlich wohl sehen lassen dürfen...

Vor dem Abstimmungssontag möchte ich nun hier noch etwas zu bedenken geben:

Dass ich kein Fan des Schweizer Fernsehens bin, habe ich schon an anderen Stellen auf Politnetz durchscheinen lassen. Ob dies an den Schweizern liegt oder an den Fernsehmachern? Eher letzteres, denn vor über 20 Jahren habe ich generell TV aus meinem Lebensprogramm gekippt. Ohne Entzug. Ohne es zu vermissen. Es gibt genug valable Alternativen. Jedenfalls würde ich SRF in seiner heutigen Form persönlich nicht vermissen, sollte das Schweizer Volk ihm am Wochenende quasi den blauen Brief schicken.
Politisch allerdings fände ich es höchst problematisch, wenn Blocher TV, Köppel TV, Gujer TV und - wie heisst der Typ von der Kako-BAZ schon wieder? - Somm TV das Vakuum füllen würden. Pfui deibel! Andererseits würde gerade dies die behäbige, verwohlstandete, verwöhnte Schweizer Linke unter Druck setzen. Unter Druck, den sie nötig hat. Unter Innovationsdruck auch. Ihrer elitären Arroganz und Ignoranz müsste sie sich dann wohl über kurz oder lang entledigen. Sie müsste vom hohen kakademischen Ross herunter kommen und dem Volk wieder mal Hoi sagen.

Citizen Journalism staat Staatssender?

Was würde das für die Medienlandschaft in der Schweiz bedeuten? Die Linke müsste den Finger aus dem Füdli nehmen und mal was unternehmen. Das heisst, die Leute wären gefragt: zum Beispiel mit Programmen, die alle ansprechen, auch auf alternativen Plattformen, vielleicht sogar im Wohnzimmer aufgenommen (Ton, Radio) und geschnitten und dann ins Netz gestellt. Es würde in der Medienlandschaft sehr viel bunter, davon bin ich überzeugt. Der behäbige Institutionalismus der Schweizer Medienlandschaft, ihr behäbiger sogenannter "Professionalismus" würde zwangsläufig bröckeln und schliesslich zusammenbrechen. Eigentlich wäre NoBillag so ganz gesund für die Schweizer Medienlandschaft. Schief gehen kann nichts. Die Zukunft gehört dem Internet. Und damit ein Stück weit auch wieder dem citizen journalism - Journalismus in seiner ursprünglichsten und unabhängigsten Form, Journalismus ohne fremde Herren, deren Agenda der Berichterstattung die Leitplanken setzt.

Kurz, wir hätten ohne Billag endlich den Journalismus, den diese Gesellschaft verdient: werbefinanziert echt demokratisch. Bringst du nicht, was sich das Publikum wünscht, haste keine Klicks, keine Werbeeinnahmen, kein Geld, keine Existenz. Schminkkurse auf YouTube sollen zum Beispiel der Renner sein, habe ich gehört. Und die Instagram-Channels von Models, Rockstars usf. sollen auch gut laufen, sogar von Männern - als "Instagram-King" zum Beispiel gilt Dan Bilzerian. Auch Produkteblogs laufen gut. Im Prinzip läuft medial alles gut, was der Konsumgesellschaft beim Konsumieren hilft. Wer dem aus weltanschaulichen Gründen Gegensteuer geben möchte, pocht derzeit auf Billag und SRF? Aber genau hier gehören sie wahrscheinlich zu den ersten, die sich die Konsumprogramme auf YouTube, Facebook, Instagram usw. reinziehen...

Presse vs Schläger in Uniform

Ach, um die teuren, professionellen Grossproduktionen und Reportagen, deren Produktion sich nur eine SRG leisten könnte, wäre es geschehen, wenn der SRG die Flügel gestutzt werden?
Irgendwie finde ich dieses Argument verdammt anmassend. Denn SRF liefert an wirklich kritischem Journalismus genau nichts, überlässt "gutschweizerisch" die Drecksarbeit anderen. Ein bisschen "Kassenstutz" ist ja schon gut. Aber dieses Format allein rechtfertigt noch keine 450.- Franken Billag-Gebühr im Jahr.
Nehmen wir zum Beispiel den ersten Sender Deutschlands, "Das Erste". Eine wirklich gute Reportage brachte das Erste im Jahr 2009: "Schläger in Uniform - Polizeigewalt wird kaum verfolgt". Es ging um Polizeigewalt und die Struktur dahinter, wie der Titel sagt. Dass SRF niemals mit einer solchen Reportage aufwarten würde, muss kaum noch erwähnt werden. Denn schliesslich gibt es Schläger in Uniform und Polizeigewalt in der Schweiz nicht. Scherz beiseite. Natürlich gibt es das in der Schweiz. Aber die Polizei ist nun mal eine der heiligen Kühe der Schweizerinnen und Schweizer. Da wird keine Kritik laut. Auch im "linken" Schweizer Fernsehen nicht. Na ja, wohl eher: erst recht nicht im Schweizer Fernsehen, das auch eine heilige Kuh vieler Schweizerinnen und Schweizer ist und damit ist - und auch nach der Ablehnung der NoBillag-Initiative bleiben wird - was es ist: gutschweizerisch-unkritisches Staats-TV.

Fazit:

Anders gesagt: lieber ein Gujer TV, das über Polizeigewalt und Justizmissbrauch berichtet, als ein Staatsfernsehen, dem die Linke zwar Beifall klatscht, weil es ein paar ihrer Stars gutbezahlte Staatsjobs garantiert, das aber weitgehend gutschweizerisch-unkritisch berichtet, zumindest Missstände im Inland totschweigt, allenfalls auf Missstände im Ausland mit dem Finger zeigt, statt vor der eigenen Tür zu kehren. Nein danke, Leute, einen solchen Sender braucht niemand. Die ARD hingegen, "das Erste" in Deutschland, das ist ein Sender von Format, der wirklich ein Lob verdient für die vorerwähnte kritische Berichterstattung über Polizeigewalt.

Und nein, ich glaube nicht wirklich, dass Geheimdienstfan-Gujer als Chefredakteur der NZZ oder mit einem hypothetischen TV-Sender in einer Post-Billag-Ära wirklich kritisch über Missbrauch und Missstände bei Militär, Polizei, Justiz berichten würde. Das Beispiel "Gujer TV" habe ich nicht ganz ohne Ironie gewählt. Und nein, ich glaube auch nicht, dass ein Blocher TV, ein Köppel TV oder ein Somm TV in einer Post-Billag-Ära mit kritischen Reportagen wie dem oben erwähnten, herausragenden Werk der ARD über Schläger in Uniform aufwarten würden. Ganz sicher nicht. Das ist offensichtlich und jedermann klar, dass rechtsbürgerliche Medien polizeidevot sind und Missstände bei der Polizei einfach totschweigen würden, ihre heilige Kuh Polizei vermutlich höchstens kakophonisch-repetitiv in höchsten Tönen loben würden... Nur leider setzte das Schweizer Fernsehen SRF dazu bisher keinen wahrnehmbaren kritischen Kontrapunkt in seiner Berichterstattung. Aber wie soll man das erklären? Damit, dass es Schweizer sind, die bei SRF die Strippen ziehen? Dann wollt ihr SRF vielleicht gleich unter Schweizer Heimatschutz stellen? Das wäre noch Plan C, falls die NoBillag-Initiative angenommen wird. :x

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