Im Zweifel für die Lebenden: Organspende fördern

Heute gilt: Wer zur Organspende schweigt, kommt als Spender nicht in Frage. Doch dieser Standard kostet Leben. Mit der Volksinitiative „Organspende fördern – Leben retten“ können wir die Verhältnisse endlich umdrehen und dem Leben den Vorrang einräumen.

Es gibt Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind. Fragen, die über unseren hektischen Alltag hinausreichen. Die unser Leben und unseren Tod betreffen – und das Schicksal anderer Menschen gleich mit. Es sind Fragen, die unsere ethisch-moralische Grundhaltung herausfordern und vor denen wir uns gerne drücken. Solche Fragen müssen mit grösster Sensibilität behandelt werden. Zu diesen Fragen gehört die Regelung zur Organspende.

Heute muss sich ausweisen, wer spenden will

Heute sieht diese Regelung folgendermassen aus: Wer in der Schweiz bereit ist, nach seinem Ableben alle oder nur bestimmte Organe zu spenden, erklärt dies mittels einer Spenderkarte. Als Spende in Frage kommen die Nieren, die Lunge, die Leber, das Herz, die Bauchspeicheldrüse und der Dünndarm. Auch Gewebeteile, wie die Hornhaut oder Blutgefässe, können gespendet werden. Die Spenderkarte liegt in vielen Arztpraxen aus, es gibt sie bei Krankenversicherern oder in Spitälern. Liegt eine solche Karte nicht vor, werden die nächsten Angehörigen zur Spendenbereitschaft des Toten befragt. In keinem Fall kann eine Spende ohne den ausdrücklichen Willen des Toten oder der Hinterbliebenen erfolgen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Transplantation eines Spenderorgans einem anderen Menschen das Leben retten könnte.

Diese Regelung trägt mit dazu bei, dass lebenswichtige Spenderorgane fehlen. Immer mehr Patienten müssen mit der zermürbenden Unsicherheit leben, wann und ob ihnen überhaupt jemals durch eine Organspende eine Chance auf Heilung gegeben wird. Betroffen sind derzeit etwa 1’500 Schweizer_innen. Sicher ist aber andererseits: Die Spender nehmen keinen Schaden. Nur nachdem ihr Tod zweifelsfrei feststeht, darf ein Organ entnommen werden.

Die Volksinitiative „Organspende fördern – Leben retten“ strebt eine Umkehr dieser Regelung an. Zukünftig soll die Zustimmung des Verstorbenen zur Organspende standardmässig vermutet werden. Dann müssten diejenigen, die nicht spenden wollen, ihren Willen melden, sozusagen durch eine „Nichtspenderkarte“.

In Zukunft soll der Schutz der Schwächsten Vorrang haben

Bei einer so schwerwiegenden Frage wie der Organspende hilft es, sich an übergeordneten Prinzipien zu orientieren. Ein solches Prinzip ist der Anspruch unseres Staates, die Schwächeren zu schützen. Im Zweifel soll sich der Staat auf die Seite derer stellen, die sich nicht selbst helfen können. Bei der Organspende wird dieses Prinzip tagtäglich durchbrochen – ausgerechnet wenn es um Leben und Tod geht. Stellen wir das Schutzprinzip also wieder vom Kopf auf die Füsse: Die Schwächsten sind hier diejenigen, die auf eine Organspende angewiesen sind. Ihre Not ist höher zu bewerten als der Unwille der Gesunden, sich durch das unterlassene Ausfüllen der Spendenkarte wenigstens mit dem Thema zu befassen. Denn nichts anderes fordert die Volksinitiative. Niemand wird durch sie zur Organspende gezwungen.

Die Medizin hat in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Fortschritte gemacht. Erst vor einem Monat, am 3. Dezember, jährte sich die erste erfolgreiche Herztransplantation am Menschen zum 50. Mal. Seitdem ist dieser komplizierte und lange für unmöglich gehaltene Eingriff chirurgischer Alltag. Unzähligen Menschen konnte dadurch das Leben gerettet werden. Doch wir bringen uns selbst um die heilsamen Wirkungen solcher moderner Wunder, indem wir Organspenden unnötig schwer machen. Niemand weiss, wie viele Menschen genau sterben mussten, weil es an Spenderorganen fehlte. Aber wir wissen: Es waren zu viele. Um damit endlich Schluss machen zu können, braucht die Volksinitiative jetzt jede Unterschrift.

Bis im April 2019 werden für die Volksinitiative „Organspende fördern – Leben retten“ Unterschriften gesammelt. Jede Unterstützung ist wichtig, damit eine politische Diskussion zu diesem Thema auf eidgenössischer Ebene ermöglicht wird.

Diesen Text habe ich auch auf meinem Blog veröffentlicht. Er steht somit unter einer CC BY-ND 4.0 Lizenz.

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