Die grösste gesellschaftliche Veränderung der letzten 70 Jahre nimmt Fahrt auf

Das autonome Auto ist da. Was vor wenigen Jahren noch als Träumerei von ein paar Freaks galt, nimmt endgültig Fahrt auf. Ein wahres Rennen hat begonnen. London will ab 2021 selbstfahrende Autos. Singapur ab 2022. Düsseldorf, Berlin, Sylt sind auch dabei. In der Schweiz hat es schon Versuche gegeben und der Bund will führerlose Laster auf der A1 testen.

Nicht nur Kommunen, Städte und Länder wollen autonomes Fahren, auch die Autohersteller sind dabei. Audi lanciert ihr erstes Level 3 Auto (hochautomatisiertes Fahren) und wollte den Amerikanern damit die Führerschaft wegschnappen. Kurz darauf meldete das Google Unternehmen Waymo, dass sie mit Level 4 einen Schritt weiter sind (vollautomatisiertes Fahren) und in Phoenix mit bis zu 600 selbstfahrenden Minivans starten.

Was bedeutet dies für unsere Wirtschaft?

Den grössten Umbruch seit über 70 Jahren. Denken Sie einmal die Konsequenzen durch. Ganz offensichtlich fallen Taxi-, und Lastfahrer weg - doch ist das alles? Nein, bei weitem nicht. Es braucht keine Politessen, weil selbstfahrende Autos nicht in der Stadt parken müssen. Wenn die Autos nicht in der Stadt parken müssen, braucht es auch keine Parkhäuser und viel weniger Parkplätze.

Es braucht weniger Automechaniker, weil es weniger Unfälle gibt und wenn es weniger Unfälle gibt, braucht es auch weniger Ärzte für Unfallopfer und weniger Klinikaufenthalte mit entsprechend weniger Personal. Damit werden auch die Versicherungsprämien sinken. Womit bei den Versicherungen das Grauen kommt, weil selbstfahrende Autos mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht von Einzelpersonen gekauft werden, sondern in der Flotte. Vermutlich fällt gleich 90% des Verkaufspersonal bei den Autoversicherungen weg. Und damit auch die Stellen in der IT, im Büro und in der Verwaltung von Bürogebäuden. Dann braucht es auch keine TV-, Radio und Internet-Werbung für die Autoversicherung. Ist ja schon im Preis inbegriffen.

Wenn wir von Preisen reden, statt kaufen werden wir vermutlich mieten - im Abo. CHF 149 für 1’000 Kilometer pro Monat oder gleich die Flatrate für CHF 99 von Uber? Da wird es für BMW richtig hart, Freude am Fahren für viel Geld zu verkaufen. Ja, die deutsche Autoindustrie wird keine Freude haben. Wer heute VW, Mercedes, BMW, Audi und Porsche an der Börse kaufen möchte, müsste rund 260 Milliarden Dollar ausgeben, um alle Automarken auf einen Schlag zu erhalten. Alphabet, die Google Mutter, ist an der Börse über 700 Milliarden wert. Da das selbstfahrende Auto vor allem auf Software setzt, werden die traditionellen Autohersteller vermutlich in Zukunft das sein, was Samsung, HTC & Co. in der Handy-Branche sind: Auftragsfertiger.

Und für die “Autofahrer”?

Für die Autofahrer wird Autofahren massiv günstiger. Laut Comparis kostet ein Musterauto Herrn und Frau Schweizer CHF 11’027 pro Jahr. Wenn wir uns das Auto teilen, wenn all die obigen Kosten wegfallen, kann es gut sein, dass wir noch 2’000 oder 3’000 Franken für Mobilität im Jahr bezahlen. Wenn dem so ist, werden wir massiv mehr unterwegs sein. Ältere Leute und Kinder sind mobil, ohne auf jemand anderes angewiesen zu sein. Wir können Zeit im Auto anders nutzen, also ist eine weitere Fahrt plötzlich nicht mehr so schlimm (wir reden jetzt noch nicht einmal vom Drohnen-Transport).

Auch das Energie- und damit Umweltproblem wird vermutlich schnell gelöst sein. Verschiedene Verfahren ermöglichen die Umwandlung von z.B. CO2 in Ethanol oder andere Treibstoffe. Diese Verfahren sind etwas teurer als herkömmlicher Diesel oder Benzin. Fallen aber die Kosten für das Auto allgemein, kann man sich den teureren und dafür umweltfreundlichen Sprit locker leisten. Zusammen mit der allgemeinen Elektromobil-Entwicklung, wird dieser Umbruch vermutlich schneller vonstattengehen, als wir uns dies heute vorstellen.

Das Auto ist einer der grössten Investitionen in unserem Leben. Wenn wir auf einmal 8’000 Franken weniger pro Jahr ausgeben müssen, bedeutet dies, dass jemand anderes 8’000 Franken weniger verdient. Das kann Angst einflössen oder Mut machen, denn es bedeutet auch, dass man neue Dinge für 8’000 Franken kaufen kann. Egal wie es ausgeht, es wird vermutlich die grösste wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung seit 70 Jahren sein.

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