Freihandelsverträge im Mittelalter: Drei Bünde und Venedig

Die Geschehnisse im Mittelalter sind vielleicht heute nicht mehr so bekannt. Um dieses Manko etwas aufzuheben, handelt dieser Artikel von einem Vertrag zwischen zwei Partnern.

Wir schreiben das Jahr 1589.

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Gegenstand sind die zwei Republiken Graubünden und Venedig.

Es sind etwas komische Republiken, da nicht sehr viele aus dem Volk wirklich viel zu sagen haben. Aber das ist heute ja mancherorts nicht viel anders, wie man auf Politnetz lesen kann.

Der im folgenden beschriebene Bündnisvertrag enthält ausser den Bestimmungen zum freien Handel noch weitere Vereinbarungen, die zu jener Zeit wohl wichtig waren.

So begab sich Johann von Salis auf seine dritte Gesandtschaft in die Lagunenstadt. Dort unterbreitete er Ende Mai 1589 ein neues, aus 24 Punkten bestehendes Bündnisprojekt, das wie folgt lautete:

◈ 1. Sofern es die venezianische Republik für nötig erachtet, sollen die Drei Bünde verpflichtet sein, bis höchstens 6000 Mann auszuheben, die unter dem Befehl bündnerischer Hauptleute und Obersten, von Venedig bezahlt, in der Terra Ferma (Festland) oder in Feldzügen in den besetzten Gebieten dienen.

◈ 2. Die beiden Republiken gewähren allen ihren Landsleuten und Untertanen gegenseitig freien Handel und Wandel, Niederlassung und Bewegungsfreiheit für jedes Gewerbe, Handwerk, jede Kunst- und Handelstätigkeit, sowohl kaufmännischer als auch militärischer Natur. Alle Abgaben mit Ausnahme der bisherigen Zölle werden aufgehoben. Vorbehalten bleiben die Immunität der Person sowie Handels- und Verkehrseinschränkungen in Pestzeiten.

◈ 3. Beide Teile sind verpflichtet, einander auf Gesuch hin freien Transit der Kriegsleute und ihrer Anführer zu gewähren.

◈ 4. Beide Teile verwehren jedem Feind der beiden Staaten den Durchmarsch und sind einander dabei behilflich.

◈ 5. Venedig entrichtet den Drei Bünden die Pensionen jeweils zu Beginn des Monats Juni in Chiavenna. (das damals mitsamt dem Veltlin zu Graubünden gehörte, Anm. GP)

◈. 6. Die Personen jeder Religion aus den Drei Bünden und ihren Untertanenländern können im Territorium von Venedig frei wandeln und handeln, verweilen und Gewerbe treiben, ohne jede Behinderung durch die Inquisition, vorausgesetzt, dass sie weder verbotene Bücher einführen, noch mit Worten oder Taten etwas gegen die katholische Religion vorkehren.

◈ 7. Keiner der beiden Teile darf irgendwelche Rebellen, Banditen, oder gerichtlich Verfolgte aufnehmen, sondern soll sie dem anderen Teil ausliefern.

◈ 8. In Zeiten der Teuerung sind beide Teile verpflichtet, einander bis zu 2000 Saum Getreide zukommen zu lassen, ohne dafür Gebühren zu erheben, mit Ausnahme der gewöhnlichen Zölle.

◈ 9. Sollten die Drei Bünde Salz benötigen, verpflichtet sich Venedig, solches im Brescianischen oder Bergamaskischen anzubieten, in der erforderlichen Quantität und zum Preis, der in Bresia oder Bergamo üblich ist.

◈ 10. Werden die Drei Bünde auf ihrem eigenen Territorium kriegerisch angegriffen, ist Venedig verpflichtet, ihnen 2000 italienische Büchsenschützen zu Hilfe zu schicken, oder den Drei Bünden das für dieselben aufzuwendende Geld zur Verfügung zu stellen.

◈ 11. Diese Kapitulation soll 20 Jahre dauern; danach können die Parteien nach Belieben handeln. Imm Falle der Nichterneuerung des Bündnisses soll die Kündigung ein Jahr vor Ablauf erfolgen.

◈ 12. Im Falle von Differenzen zwischen den beiden Parteien aus obenerwähntem Grund sollen von jedem Teil je ein Kommisar gewählt werden. Im Falle von Uneinigkeit ist gemeinsam ein dritter Schiedsrichter zu bestimmen. Diese sollen sich an der Grenze treffen, um die bestehende Differenz zu bereinigen.

◈ 13. In Bezug auf DIfferenzen aus Verträgen und zwischen Einzelpersonen ist das Recht am Ort des Vertragsabschlusses zu suchen, und jede am betreffenden Falle beteiligte Gerichtsperson hat dafür zu sorgen, dass das erlassene Urteil auch prompt ausgeführt wird; sowohl in Urteilen als auch bei der Durchführung ist summarisch vorzugehen.

◈ 14. Die gegenwärtige Kapitulation versteht sich ohne Präjudiz früherer Abkommen.


Dieser Vertrag ist dann nach längerem Hin und Her und kleinen Änderungen im Jahre 1603 ratifiziert worden. Allerdings ist er von den Bündnern nach Ablauf der Zehnjahresfrist um 1613 nicht erneuert worden.
Wenig später begann die Zeit in Graubünden, die als "Zeit der bündner Wirren" bekannt ist. Schlimme Dinge sollen sich da ereignet haben, sagt man.....


Quelle des Auszugs:
M.Bundi, Frühe Beziehungen zwischen Graubünden und Venedig (15./16. Jahrhundert). Herausgegeben vom Staatsarchiv Graubünden. ISBN 3 907036 07 7

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