Eine unerwünschte Nebenwirkung des Kapitalumlageverfahrens und ein Lösungsvorschlag

kurz vorweg: Die Essenz meines Beitrags befindet sich in den letzten beiden Absätzen. Beim Rest handelt es sich um weniger wichtige Ausführungen.

Das Prinzip der AHV ist den meisten klar. Die Jungen zahlen für die Alten, gespart wird kaum etwas. Lohnbeiträge und ein Beitrag vom Bund über Steuern sind die Finanzierung. Alle bekommen etwa gleich viel Rente, zahlen aber proportional ein. Also gibt es eine Umverteilung von reich zu arm. Alles klar soweit.

Kommen wir nun zum kontroversen Teil. Heute sind wir mit einer Finanzierungslücke konfrontiert, weil sich die Demographie verändert. Die Politiker stellen dies als vorübergehendes, einmaliges Problem dar. Dies beruht jedoch auf der Annahme, dass sich die Demographie in Zukunft auf ein stabiles Niveau einpendeln wird. Möglich wäre auch eine konstante Zu- oder Abnahme der Bevölkerung, gleichmässig auf die Generationen verteilt (oder sogar eine unregelmässige Entwicklung, ungleichmässig auf die Generationen verteilt). Auf alle möglichen Entwicklungen der Demographie kann man mit zwei Möglichkeiten reagieren. Zum einen kann das Rentenniveau konstant bleiben, oder die Lohnbeiträge / Steuern können konstant bleiben. Die meisten Politiker plädieren vor allem dafür, das Rentenniveau zumindest gleich hoch zu halten, alles andere wäre politischer Selbstmord. Schauen wir uns jedoch beide Möglichkeiten ein bisschen genauer an.

  • Konstantes Rentenniveau: Bei einer Zunahme der Bevölkerung wäre das Steuerniveau relativ tief, bei einer konstanten Bevölkerung wäre das Steuerniveau etwa gleich hoch wie die ausbezahlten Renten und bei einer Abnahme der Bevölkerung wäre das Steuerniveau relativ hoch.
  • Konstantes Steuerniveau: Bei einer Zunahme der Bevölkerung könnten die Rentner mehr konsumieren als sie selbst einbezahlt haben, bei einer konstanten Bevölkerung könnten Rentner etwa gleich viel konsumieren als sie einbezahlt haben und bei einer Abnahme der Bevölkerung könnten die Rentner nur weniger konsumieren als sie selbst einbezahlt haben.

Diese beiden Vorgehensweisen kann man auch kombinieren, hier ein Beispiel:
Bei einer kontinuierlich wachsenden Bevölkerung könnte das Steuerniveau ein bisschen tiefer sein, als bei einer konstanten Bevölkerung, und das Rentenniveau könnte trotzdem ein bisschen höher sein, als bei einer einer konstanten Bevölkerung.

Falls eine Bevölkerung gleichmässig wächst oder schrumpft, lassen sich aus den vorhergegangenen Erkenntnissen keine Probleme erkennen. Auch scheint das System die verschiedenen Generationen gerecht zu behandeln. Doch was passiert, wenn sich eine Bevölkerung nicht gleichmässig Entwickelt? Zur Veranschaulichung gehen wir im folgenden Gedankenspiel von einer Bevölkerungsentwicklung aus, welche wie eine Sinuskurve aussieht. Auf eine geburtenstarke Generation folgt eine geburtenschwache und dann wieder eine geburtenstarke. Diese Schwankungen erfolgen (wieder zur Veranschaulichung) in Abständen von etwa dreissig Jahren. Dies hat zur Folge, dass es alle dreissig Jahre vorkommt, dass eine bevölkerungsstarke Generation grösstenteils arbeitet (und damit einzahlt) und eine bevölkerungsschwache sich grösstenteils in der Rente befindet (und damit konsumiert) oder umgekehrt.

Unsere Überlegungen beginnen in einer Periode, in denen es wenige Arbeiter und viele Rentner gibt. Das Steuerniveau und das Rentenniveau sind gesetzlich so festgesetzt, dass Einnahmen und Ausgaben des Umlageverfahrens im Lot sind. Während den nächsten 30 Jahren werden die Ausgaben kontinuierlich steigen, obwohl die Anzahl der Arbeiter stetig schrumpft. Wie wir heute sehen hat diese Entwicklung zur Folge, dass der stetig schrumpfenden Arbeitergeneration immer mehr Geld genommen werden muss. Schliesslich kann das Rentenniveau nicht sinken, da die Versprechungen bereits gemacht wurden. Kein Politiker kann es sich leisten, bereits gemachte Versprechen zu hinterfragen - auch wenn dies bedeutet, der Arbeitergeneration tiefer in die Tasche zu greifen. Was passiert nun nach dem Höhepunkt dieser Entwicklung? Der arbeitende Bevölkerungsteil wächst wieder, wobei die Rentner weniger werden. Dies ermöglicht es nun, das Steuerniveau langsam zu senken oder das Rentenniveau langsam zu erhöhen. Wenn das Rentenniveau erhöht wird, dann sieht es erst mal so aus, als ob die bevölkerungsschwache Generation als Kompensation für die hohe Besteuerung der Vergangenheit mit höheren Renten kompensiert wird. Wir müssen aber davon ausgehen, dass auch Rufe nach Steuersenkungen lauter werden, in Zeiten, in denen der Ausgleichsfond der AHV überquillt. Gehen wir vielleicht davon aus, dass das Rentenniveau soweit gesteigert wird, bis die AHV einen "menschenwürdigen Lebensstandard" sichern kann. Falls dann noch Geld für Steuersenkungen übrig bleibt, so werden diese Vollzogen. Hier ist es Zeit, kurz inne zu halten. Die bevölkerungsstarken Arbeiter zahlen nun prozentual ein bisschen weniger in die AHV ein, als das die vorhergegangene bevölkerungsschwache Generation getan hat. Den wachsamen Leser beschleicht langsam das Gefühl, dass die momentanen Renter in unserem Gedankenspiel weniger bekommen, als sie eigentlich verdient hätten. Aber gehen wir weiter. Nun sind wir also auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung angekommen, es gibt wenige Rentner und viele Arbeiter - der AHV geht es gut. Jetzt dreht sich das Blatt wieder und die Entwicklung geht in die andere Richtung, mehr und mehr Arbeiter gehen in Renten wobei weniger und weniger hinten nach kommen. Wir stehen wieder vor der selben Entscheidung, wie am Anfang: Entweder werden die Steuern erhöht, um die demographische Entwicklung aufzufangen, oder das Rentenniveau wird gesenkt. Wir haben bereits gesehen, dass aus politischen Gründen ersteres geschehen wird. die Steuern werden also erhöht. Nun müssen diese Steuern aber um einiges mehr erhöht werden, als sie das das erste mal wurden (!), schliesslich muss das Rentenniveau nun einen "menschenwürdigen Lebensstandard" gewährleisten können. Diese zweite bevölkerungsschwache Generation wird also stärker zur Kasse gebeten, als die erste. Nun sind wir also beim nächsten Höhepunkt angekommen, wo sich die Entwicklung wieder drehen wird: Das Rentenniveau ist bei einem "menschenwürdigen Lebensstandard" und die Steuern sind so hoch wie noch nie, Arbeiter gibt es wenige und Rentner gibt es viele. Nun werden die Rentner wieder weniger und die Arbeiter werden wieder mehr. Wieder haben wir zwei Möglichkeiten: Steuern senken oder Rentenniveau erhöhen. Das Rentenniveau zu erhöhen wird nun aber massiv unbeliebter sein, als wir uns das erste mal in dieser Situation befanden. Schliesslich ist das Rentenniveau bereits so hoch, dass eine Erhöhung nur zu zusätzlichem Luxus für alle Rentner führen würde. Die Rufe nach "verschwenderischem Giesskannenprinzip" werden laut. Ausserdem ist die Wirtschaft mit hohen Steuern gebeutelt. Wir sehen also, dass aus politischen Gründen die Steuern gesenkt werden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt in unserem Gedankenspiel dürfte allen Lesern klar sein, dass die zweite bevölkerungsschwache Generation hier schlichtweg hintergangen wird. Sie musste hohe Steuern bezahlen und bekommt dafür keine Rappen mehr Rente. Wir dürfen auch davon ausgehen, dass das Rentenniveau in Zukunft relativ konstant bleiben wird, eine Senkung ist schliesslich politisch unmöglich, weil Versprechen gemacht wurden, und auch eine Erhöhung ist politisch unmöglich, da dies zu sinnloser Verschwendung führen würde.

Wir haben gesehen, dass sich beim Kapitalumlageverfahren ein relativ konstantes Rentenniveau entwickeln wird und die Steuern je nach demographischer Entwicklung erhöht oder gesenkt werden. Weiter haben wir gesehen, dass bevölkerungsschwache Generationen hohe Steuern bezahlen werden und bevölkerungsstarke Generationen tiefe Steuern bezahlen werden. Unter der Annahme, dass es auch in Zukunft demographische Schwankungen geben wird, führt das Kapitalumlageverfahren also zwangsläufig zu einer Umverteilung von bevölkerungsschwachen zu bevölkerungsstarken Generationen. Diese Tatsache kann weder von Links, noch von Rechts gewollt sein.

Ich bin ein Libertärer und hätte am liebsten gar keine staatliche Altersvorsorge. Ich freue mich dennoch über jegliche Verbesserungen in unserem staatlichen System. Lassen Sie mich also einen Vorschlag machen, wie wir dieses Problem beheben können und die Sozialdemokraten ihre geliebte Umverteilung von reich zu arm trotzdem behalten können:
Ich schlage vor, die AHV durch eine Art solidarisches Kapitaldeckungsverfahren zu ersetzen. Dabei würde jeder Jahrgang auf ein separates Konto einzahlen. Dieses Ersparte wird wie heute bei den PK angelegt und vermehrt sich. Die ausbezahlten Renten berechnen sich dabei aus dem angesparten Kapital der gesamten Generation und der erwarteten Lebenszeit der jeweiligen Generation; der Betrag, der jeder einzelne einbezahlt hat, hätte dabei höchstens einen kleinen Einfluss auf die Höhe der Rente - wie bei der AHV heute. Folglich könnte jede Generation autonom darüber entscheiden, welches Rentenalter sie gerne hätte, wie flexibel dieses Rentenalter sein soll usw.
Was meinen die anwesenden Etatisten zu diesem Vorschlag? Eine schöne Nebenwirkung wäre ebenfalls, dass nicht ständig mit dem "Generationenkonflikt" polemisiert werden könnte. Wir sehen das ja gerade auf den Plakaten des Nein-Komitees: Junge verraten und Rentner bestrafen. Ich bin auch gegen die Reform, aber es ist unschön, dass über Generationengerechtigkeit überhaupt gestritten werden muss. Wird das Kapitalumlageverfahren langfristig weitergeführt, so wird der Streit um den Generationenkonflikt auch in Zukunft weitergeführt werden.

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