Welche Alternative gibt es zur Energiestrategie 2050?

Mal abgesehen davon, dass die Übertreibungen der Gegner des EnG aufzeigen, dass vernünftige Argumente eben fehlen, versuchen sie gar nicht erst, eine Alternative aufzuzeigen. Man geisselt den staatlichen Eingriff und verschweigt, dass es ohne den gar keine AKWs gäbe. Man geisselt die Subventionen und fordert im gleichen Atemzug eine zuverlässige Versorgung im Inland mit Strom – selbstverständlich ohne einen einzigen Investor beizubringen, der das Nein zum EnG mit seinem eigenen Kapital glaubwürdig machen würde.

Kucken wir mal auf den «freien Markt», den wir angeblich gefährden:

Grosse Schweizer Unternehmen können ihre Stromlieferanten frei wählen, nicht aber Haushalte und KMU. Das wird noch eine Weile so bleiben, denn die Marktöffnung kommt nicht vor 2020. Doch das stört in der Schweiz kaum jemanden.

Gegenüber einer Liberalisierung skeptisch sind auch die Privathaushalte und KMU. Zwar könnten sie mit der vollständigen Marktöffnung den Produzenten frei wählen, doch günstiger würde der Strom für sie kaum werden.

Gnadenfrist für Schweizer Stromproduzenten

Teile der Schweizer Elektrizitätsbranche erleben ihr unternehmerisches Marignano. Während vor 501 Jahren Frankreich den Expansionsgelüsten der Eidgenossen ein jähes Ende setzte, bekommen heute Kantone und Gemeinden, die an Stromunternehmen beteiligt sind, ihre Grenzen aufgezeigt. Im schwierigen Marktumfeld sind ihre einstigen Cash-Cows zu risikobehafteten Investitionen geworden.

Die aktuelle und zukünftige Marktbeurteilung hat auch Einfluss auf die Höhe und Zusammensetzung der Investitionen (vgl. Grafik). 2010 investierte die Schweizer Elektrizitätsbranche insgesamt 3,6 Mrd. Franken, 43% davon flossen in den Neu- und Ausbau von Produktionsanlagen, da man von zukünftigen Engpässen in der Energieversorgung ausging. Der Begriff «Stromlücke» wurde benutzt, um politisch Druck zu machen für einen Ausbau der Energieerzeugung.

In diesem dynamischen, risikobehafteten Marktumfeld besteht keine Notwendigkeit der heute mehrheitlich öffentlichen Eigentümerschaft von Stromproduzenten. Die Mitgestaltung der Unternehmensstrategie, gerade auch auf ausländischen Märkten, gehört nun wirklich nicht zu den Kernkompetenzen kantonaler oder kommunaler Regierungen. Ein geordneter Rückzug, wie damals in Marignano, ist dringend zu empfehlen.

Von Expansionsträumen und harter Realität

Und wenn wir diese Auslandsengagements von den mehrheitlich in der Öffentlichen Hand befindlichen Stromerzeugern genauern ankucken, finden wir folgendes raus:

Der Produktionsmix der Schweizer Grosskonzerne ist deutlich dreckiger als der Landesmix (55% Wasserkraft und knapp 40% Atomkraft). Im vergangenen Jahr haben die vier Stromkonzerne mehr als die Hälfte (54%) ihres Stroms mit Atomkraft produziert und über einen Zehntel mit Gas- oder Kohlekraftwerken im Ausland. Die Wasserkraft machte einen Anteil von knapp einem Drittel (30%) aus. Total haben die vier Betreiber zusammen nur gerade einen Anteil von 2.4% Windstrom produziert. Zum Vergleich: Die Alpiq alleine hat im selben Jahr mehr Strom aus Kohle erzeugt. «Die grossen Schweizer Stromproduzenten sind nicht nur die Bremsen der Energiewende, sondern schaffen auch eine Menge Dreck in Form von Atommüll und CO2», fasst Projektleiterin Sabine von Stockar zusammen.

Schmutziger Strom von Schweizer Produzenten

Wenn wir diese Überlegungen mal zusammen fassen, stellen wir fest:

  • Der Energiemarkt wird von Stromproduzenten beherrscht, die nach wie vor in Öffentlicher Hand sind. Es gibt weit und breit keine privaten Investoren.
  • Der Energiemarkt spielt EU-weit, Importe und Exporte sowie Engagements im Ausland sind ganz normal. Die Risiken für die Öffentliche Hand sind es jedoch weniger und können zu höheren Preisen führen.
  • Die Strommarktöffnung wurde nur für die Grossverbraucher durchgeführt, die übrigen müssen weiterhin ihren lokalen Versorgern den Strom zu hohen Preisen abnehmen und profitieren nicht von der Stromschwemme und den wegbrechenden Preisen.

Wer die AKWs als Klimaretter darstellen will, erwähnt ganz bewusst nicht, dass unsere Stromproduzenten längst in grossen Kapazitäten an Erneuerbaren und eben auch Kohle- und Gaskraftwerken investiert sind. Wer nach dem Markt ruft, sollte sich überlegen, ob es nicht genau der ist, der diese Entwicklung antreibt.
Da die AKW ohnehin nicht mehr kostendeckend produzieren können und damit weder ihre Wartung noch ihr Rückbau über längere Zeit nach den Gesetzen des Marktes gesichert sind, ohne dass die maroden Meiler quersubventioniert werden, stehen hier noch massive Abschreibungen an, die weder Gegner noch Befürworter des EnG auf ihren Rechnungen ausweisen. Im Gegensatz dazu sind Pumpspeicherkraftwerke auch in Zukunft ein gutes Geschäftsmodell für günstigen oder gar bezahlten überflüssigen Flatterstrom in potentielle Energie zu speichern und dann abzurufen, wenn es ihn braucht und er wirtschaftlich ist. Wenn aber nicht einmal mehr dieses Geschäftsmodell im liberalisierten EU-Strommarkt mehr profitabel betrieben werden kann, dann sollte jeder, der eine inländische Stromproduktion haben will, damit rechnen, dass er massiv höhere Preise bezahlen werden muss.

Diese Entwicklung ist völlig unabhängig von der gewählten Strategie sondern nur der vollständigen Öffnung des Strommarktes geschuldet, die die Gegner des EnG aus unerfindlichen Gründen NICHT fordern. Warum eigentlich?

Es ist relativ einfach, gegen die ES 2050 zu sein. Eine gangbare Alternative zu definieren, die mehrheitsfähig ist, scheint offensichtlich nicht möglich zu sein. Kunststück, denn wenn man die Fakten leidenschaftslos betrachtet, fallen die ganzen ideologischen Worthülsen in sich zusammen. Und es ist nicht redlich, die Kosten von falschen Strategien zu verschweigen und die Kosten von politisch gewollten Veränderungen zugunsten des Klimas völlig einseitig zu übertreiben. Liebe Gegner, stellt Euch doch mal eigenverantwortlich hin und übernehmt die Kosten für den Mist, den Ihr angerichtet habt. Wenn es jemand wirklich nicht versteht, den Energiemarkt zu verstehen, so seid es offensichtlich Ihr.

Man kann es gar nicht schlechter machen. Marignano lässt grüssen:

juhuu, wir haben verloren.

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Kommentar von Felix Jäger:

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