Wenn die real existierende «Demokratie» ausgedient hat

Das Problem ist lange bekannt: Teile der Gesellschaft kommen mit der rasanten technischen Entwicklung nicht mit, geschweige denn vermöchten sie mit den der technischen Entwicklung auf den Fuss folgenden gesellschaftlichen Entwicklungen mitzuhalten.
Ein weiteres Problem ist lange bekannt - die technische Entwicklung macht nicht nur nicht halt, sie schreitet auf Basis von immer mehr wissenschaftlichen Erkenntnissen, technischen Fortschritten und neuen Materialien immer schneller voran. Dass elektronische Datenverarbeitung und Roboter Jobs killen, ist beispielsweise seit Jahren bestens bekannt. Dass auch diese Entwicklung global nicht aufzuhalten ist, dass sie sich immer schneller entfalten wird und was sie für die nächsten 20, 30 Jahre für die Weltwirtschaft wie für die hiesige Gesellschaft bedeutet, wird indessen (noch) geflissentlich verdrängt. On verra voir, eh?

Aber auch die Legislative hinkt der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung chronisch hinterher. Nicht zu sprechen von ihrer kurzen Voraussicht. Wie die meisten Exekutiven re-agiert auch die Legislative statt in weiser Voraussicht zu regieren. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Dabei nimmt ihre Distanz zum aktuellen Stand der Technik und den Bedürfnissen der Gesellschaft tendenziell eher zu statt ab: man könnte locker von zunehmender «Verkalkung» der Legislativen sprechen, die zunehmends unfähiger werden, dem Zeitgeist und seinen aktuellen Erkenntnissen zu folgen, ihm und seinen technischen und gesellschaftlichen Anforderungen und Herausforderungen zu entsprechen. Als Feigenblatt dient den werten Volksvertreterinnen und -vertretern vermeintlicher «Konservatismus».

Erstaunt? Nein, ich nicht. Dass die Legislative nicht mitkommt, ist kein Kunststück, bildet sie in der Schweiz doch - abgesehen von der notorisch überproportionalen Einsitznahme von Gutbetuchten und Juristen in den Parlamenten - zumindest intellektuell einen relativ repräsentativen Querschnitt einer Bevölkerung ab, die nur schon mit der gegenwärtigen Entwicklung teils nicht mitkommt (wohlgemerkt ist das jeweilige Alter der Volksvertreterinnen und -vertreter diesbezüglich unbedeutend).
Oder finden Sie, Akademiker und Techniker sind im Parlament übervertreten? Naturwissenschaften, technische Wissenschaften, Ingenieurwesen und medizinische Berufe sind sicher nicht übervertreten: vom «Debattierclub», den das Parlament darstellt, fühlen sich wenn dann also wohl vor allem jene «akademischen» Kreise angezogen, die sich auch sonst gern Schwätzen hören?

Mit der gegenüber der Realität der Menschen und auch den verfügbaren Technologien zunehmenden Distanz, die sich unschwer aus Gesetzen (und darauf basierenden Gerichtsurteilen, die offenbar auch nicht von zeitgemässeren Menschen gefällt werden) heraus lesen lässt, manövriert sich die Demokratie allerdings selber ins Abseits.
Vielleicht riskiert sie sogar, obsolet zu werden oder, schlimmer noch, sich zum unkonstruktiven Störfaktor zu reduzieren?

Was wird der zunehmende Graben zwischen Theorie der Legislative, der heilen Welt im «Elfenbeinturm» des Parlaments einerseits und andererseits der Wirklichkeit der Menschen und ihrer Praxis im Leben über kurz oder lang bewirken?

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