Das Frauenstimmrecht von 1971 - ein Klecker auf der weissen Demokratieschürze der Schweiz?

Die vergleichsweise späte Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz im Jahre 1971 auf Bundesebene wird gemeinhin als ein Makel der schweizerischen Demokratie gedeutet. Nicht ganz zu Recht, wie ich finde.

Tatsache ist, dass die Schweiz lange eine vorwiegend bäuerlich-bürgerliche geprägte Gesellschaft war, in der das klassische Geschlechterrollenverständnis kaum in Frage gestellt wurde. Das aus heutiger Sicht zu kritisieren und die damalige Gesellschaft pauschal als rückständig und gar frauenverachtend zu diskreditieren, ist eine historisch unzulässige Moralisierung, da sie sich auf der heute geltenden Wertvorstellung als Beurteilungsgrundlage stützt. Eine Entwicklung darf nie von ihrem historischen Kontext losgelöst betrachtet werden, sondern muss stets auf die zeithistorischen Bedingungen, sowohl materiell als auch gesellschaftlich-diskursiv, Bezug nehmen.

So gesehen war das Frauenstimmrecht ein staatspolitisch bemerkenswertes Ereignis und zwar in vielerlei Hinsicht. Erstens hat eine notabene männliche Mehrheit die Halbierung ihrer eigenen Stimmkraft in Kauf genommen. Zweitens gab es gerade viele weibliche Stimmen, die sich dezidiert gegen das Frauenstimmrecht aussprachen. Drittens war die Schweiz eines der wenigen Länder, in denen das Frauenstimmrecht überhaupt per Volksentscheid eingeführt wurde. In anderen Ländern, wie zum Beispiel im benachbarten Frankreich, wurde das Frauenwahlrecht zwar bereits nach der Befreiung von der deutschen Okkupation 1944 eingeführt und im Folgejahr erstmals angewendet, aber im Gegensatz zur Schweiz wurde dieses durch eine einseitige Verordnung der Regierung implementiert. Ob das französische Volk in einem Plebiszit das Frauenwahlrecht angenommen hätte, ist mehr als fraglich.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 alles andere als eine Peinlichkeit der "Vorzeigedemokratie Schweiz", sondern ein ausgesprochener Reifeakt eines bis dahin rein männlichen Demos. Diese Tatsache bedarf einer gesellschaftlichen Huldigung, gerade auch durch feministische Kreise.

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