Teil 1: Wie Firmen ihre Macht gewannen und wieder verlieren

Aktuell stehen wir vor einer der grössten Umwälzungen der letzten 100 Jahre. “Firmen” werden massiv an Macht und Einfluss verlieren. Das klassische Angestelltenverhältnis wird damit für viele Menschen infrage gestellt. Das ist eine Umwälzung, die Angst machen kann. So wie die lokalen Bauern, Metzger, Schmiede und Bäcker vor mehr als 100 Jahren ebenfalls Angst hatten, als sich die Welt mit dem Aufstieg von Firmen um sie herum dramatisch veränderte.

Warum entstanden Firmen?

Es ist noch nicht lange her, da hatten Firmen in unserer Gesellschaft keine Bedeutung. “Die Wirtschaft” bestand vor allem aus Bauern. Mehr als 90% der Menschen arbeiteten entweder in Pacht oder als Eigentümer als Selbstversorger auf dem Bauernhof. Auf dem Bauernhof wurde man aufgezogen, beschäftigt und pensioniert. Quasi ein Staat auf Familienebene.

Damit Firmen aufsteigen konnten, mussten gewisse Voraussetzungen geschaffen werden. Zum Beispiel funktionierte die Migros erst, als der Transport von Waren billig genug wurde. Duttweiler benötigte 1925 Autos und Strassen, damit er mit einer Investition von 100’000 Franken seine Migros starten konnte. Gegenüber den klassischen Bauern, die damals die wenigen Städter und Dorfbewohner belieferten, hatte er grosse Vorteile. Er konnte Waren zentral einkaufen und einfach wie schnell verteilen. Er konnte Spezialisten beschäftigen. Autofahrer. Verkäufer. Einkäufer. Buchhalter. Er brachte den Konsumenten einen Gewinn durch günstigere Preise und Zeitersparnis, weil die Migros Wagen in die Nähe der Eigenheime fuhren. Mit seinen Wagen hatte er einen Reichweitenvorteil. Während ein Bauer oder ein kleiner Dorfladen nur Leute in unmittelbarer Nähe beliefern konnte, konnten die Migroswagen in derselben Zeit mehr Kunden ansprechen und damit auch mehr Geld verdienen. Die Migros stieg in der Käufergunst auf und legte den Grundstein für ihren Erfolg.

Firmen gewinnen an Macht, wenn sie unter anderem einen Trend, wie zum Beispiel billigere Transportwege, nutzen und den Konsumenten damit einen Gewinn bringen.

Als Duttweiler 1935 das Reisebüro Hotelplan gründete, nutzte er mit seiner Migros einen anderen Vorteil, den Firmen damals gewannen. Reisebüros verfügten über einen Informationsvorsprung gegenüber den Kunden. Es ist noch nicht lange her, dass eine Reisebuchung mit dem Flugzeug ans Meer ohne Reisebüro für eine Privatperson viel zu aufwendig war. Wer wollte schon fünf verschiedene Fluggesellschaften per Telefon anrufen oder gar mit einem Brief anschreiben, um die Konditionen zu vergleichen? Hotels im Ausland über ein Telefonbuch in einer fremden Sprache herausfinden, war ebenfalls eine Herausforderung. Denken wir dann noch nicht einmal daran dort anzurufen oder sogar andere Gäste zu finden und sie nach deren Erfahrung zu fragen….viel zu aufwendig! Das Reisebüro dagegen hatte alle diese Informationen, also buchte man dort, weil es bequemer war, und bezahlte den Mehrpreis für diese Dienstleistung - was Arbeitsplätze in Firmen schaffte.

Firmen gewinnen an Macht, weil sie unter anderem einen Informationsvorsprung effektiv nutzen und den Konsumenten damit eine Erleichterung bringen.

Duttweiler war ein umtriebiger Mann, der wusste, wie man Vorteile für den eigenen Erfolg nutzt. Als er 1944 die Migros-Klubschule gründete, profitierte das Unternehmen davon, dass ein Bedarf bestand, der bis zu jenem Zeitpunkt offenbar niemand zu einem bezahlbaren Preis anbot. In kleinen Gruppen und zum konkurrenzlos günstigen Preis von fünf Franken pro Monat erhielten Lernfreudige Unterricht in Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch oder Russisch. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen – statt 200 gingen 1400 Anmeldungen ein. Kurz darauf wurde das Angebot laufend ausgebaut: Kurse in Fechten, Malen, Schönheitspflege, Tanzen oder Pflanzenbetreuung kamen hinzu.

Firmen gewinnen an Macht, weil sie unter anderem einen Bedarf decken, der vor ihnen so noch niemand verstand.

Damit kommen wir zum letzten Beispiel, wie Firmen an Macht gewinnen. Indem sie es mit der etablierten Konkurrenz aufnehmen, deren Strukturen mit einer neuen Idee frontal angreifen und die Mitbewerber überflüssig machen. 1951 legte sich Duttweiler mit dem Zürcher Taxigewerbe an. Er kaufte 100 günstige Autos, kündigte an, dass er massiv günstiger Fahrten anbieten will, und stellte eine gesamte Branche auf den Kopf.

Firmen gewinnen an Macht, weil sie unter anderem bestehende Strukturen angreifen und den Konsumenten ein besseres Angebot bieten.

Keine Firma ist sich aber ihrer Macht sicher. Den die nächste Veränderung steht vor der Tür.

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