Der beste Schutz der Ehe ist ihre Öffnung

Müssen wir die Ehe schützen? In Wahrheit ist ihre Anziehungskraft doch ungebrochen. Wir sollten nur endlich dafür sorgen, dass auch heiraten darf, wer heiraten will – anstatt nur einen exklusiven Kreis zu privilegieren.

Alles ändert sich: Globalisierung, Digitalisierung, Gentrifizierung. Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Nicht einmal unser Privatestes bleibt davon unberührt. Noch vor ein paar Generationen war es ganz normal, mit der Grossfamilie unter einem Dach zu wohnen. In der Nachkriegszeit wurde dann die Kleinfamilie mit der Ehe von Vater und Mutter im Zentrum zum Ideal. Und heute ist das Beziehungs- und Familienleben wieder bunter. Wir können frei wählen, ob und mit wem wir unser Privatleben teilen möchten.

Etliche Konservative sehen darin eine Bedrohung für die Ehe. Die EDU im Kanton Zürich hat mit ihrer Initiative «Schutz der Ehe» den angeblichen Angreifer_innen den Kampf angesagt. Sie will die Ehe in eine eiserne Rüstung stecken und sie als Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau in die Kantonsverfassung bringen. Das soll die Ehe dauerhaft vor Angriffen schützen.

Die Initiative «Schutz der Ehe» ist doppelt falsch

Die Ehe schützen? Vor wem? Ein Grossteil der Erwachsenen in der Schweiz hat sich für ein Eheleben entschieden. Auch von den Tausenden gleichgeschlechtlich Liebenden, die in der Schweiz in festen Partnerschaften leben, würden viele gerne heiraten. Und etwa zwei Drittel der Schweizer_innen sind laut Umfragen dafür, die Ehe für weitere Paare rechtlich zu öffnen. Tatsächlich steht die Ehe also überhaupt nicht in Frage. Im Gegenteil, sie steht hoch im Kurs.

Darum ist die EDU-Initiative «Schutz der Ehe» inhaltlich falsch. Die Ehe sollte nicht als exklusives Privileg für ausgewählte Paare festgeschrieben werden, weil das früher mal die verbreitete Vorstellung war. Wir sollten die Ehe stattdessen öffnen für alle Paare, die sich heute zu dieser Partnerschaftsform bekennen wollen. Je mehr Paare die Ehe eingehen können, desto besser ist sie vor Bedeutungsverlust geschützt.

Ausserdem ist die EDU-Initiative «Schutz der Ehe» vom Vorgehen her falsch. Eine Ehe-Definition in der Kantonsverfassung ist wertlose Symbolpolitik, da diese ohnehin dem Bundesrecht untergeordnet ist und nur solange Gültigkeit hat, wie sie ebendiesem nicht widerspricht. Wir sollten lieber eine offene, schweizweite Debatte darüber führen, wie wir die Ehe im 21. Jahrhundert gestalten wollen. Am Ende sollte das Stimmvolk der ganzen Schweizerischen Eidgenossenschaft über diese Frage entscheiden dürfen.

Klares NEIN zur EDU-Initiative «Schutz der Ehe»

Alles ändert sich? Für die Anziehungskraft von Partnerschaft und Familie gilt das nicht. Vielleicht liegt es gerade an unseren stürmischen Zeiten, dass die Ehe als emotionaler Unterschlupf beliebt bleibt. Wir sollten uns darüber freuen, dass so viele Menschen Ruhe und Verlässlichkeit in einer festen Partnerschaft finden. Um niemanden von diesem Glück auszuschliessen, muss am 27. November 2016 im Kanton Zürich NEIN gestimmt werden.

Diesen Text habe ich auch auf meinem Blog veröffentlicht. Er steht somit unter einer CC BY-ND 4.0 Lizenz.

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