USA


Trump-Wahl - eine Chance für die Vielfalt

Für einmal waren wir den Amerikanern voraus. Als am 9. Februar 2014 die Mehrheit der Schweizer an der Urne die Masseneinwanderung annahm, herrschte dasselbe Gefühl. Liberale, Linke, Städter waren entsetzt. Das Ausland berichtete schockiert über den Schweizer Volksentscheid. Die heile Welt der Weltbürger vor dem Untergang. Der ländliche Teil der Schweiz sagte laut Nein zu den Städten und deren Lebenshaltung. Genauso in den USA.

Schaut man sich die Wahlresultate in den USA an, hat Clinton die Wahl in den Städten gewonnen, während Trump die Wähler auf dem Land überzeugte. Wie Trump vom Land gewählt wurde, so wurde auch in der Schweiz die Masseneinwanderungsinitiative auf dem Land angenommen. Das Tessin und Appenzell, beides Kantone mit einer schwachen SVP, nahmen die Initiative am deutlichsten an.

Die grosse Überraschung war aber die Überraschung. Hier in Europa konnte sich fast niemand vorstellen, dass Trump als Sieger aus der Wahl hervorging. Zu klar waren die Meinungen verteilt, zu deutlich die Berichterstattung aus den USA. Clinton wird das Rennen machen - sie machte es nicht.

Was war passiert? Seit Jahren spricht man von der sogenannten Filterblase. Anfangs waren es Algorithmen von Google, Facebook & Co., die uns nur weitergeben, was uns interessiert und wir so ein falsches Bild der Welt erhalten. Jetzt stellen wir fest, dass auch die Medien und die Freunde einen grossen Teil der Filterblase ausmachen. Wir nehmen in erster Linie wahr, was wir wahrnehmen wollen. Wir lesen die Zeitungen, die zu uns passen. Surfen auf den Websites, die unsere Meinung wiedergeben. Und wir reden vor allem mit Leuten, die unsere Meinung teilen. Dabei verpasst man schnell, dass es nicht nur die eigene Wahrheit, die eigenen “Fakten” gibt.

Ich hoffte lange für Clinton und traute der Sache doch nie ganz, weil ich diesen Sommer in den USA die Ablehnung gegenüber Clinton und ihren Werten erlebte. Im beschaulichen San Clemente, eine Stunde von der Grenze entfernt zwischen Los Angeles und San Diego sprach ich mit mexikanischen Einwanderer, die für Trump waren, weil sie keine illegalen Mexikaner im Land haben wollten. Surfer auf den Wellen draussen, die gebildet mit gutem Job sich für Trump einsetzten, weil sie ihr Recht auf Waffen “verteidigen”. Junge Frauen die Trump wählen, weil sie aus Glaubensgründen gegen Abtreibung sind und Clinton dafür. Schlussendlich setzte sich Clinton in San Clemente durch. Aber selbst im liberalen Kalifornien war der ländliche Teil für Trump.

Wie weiter?

Ja, wir können genauso weitermachen wie bis anhin. Die eine Seite sagt von der anderen Seite, dass sie ignoranten sind. Dass sie die “Fakten” nicht kennen und einen dummen Entscheid trafen. Wir können die Gründe suchen, welche uns passen. Ein Linker kann zum Beispiel sagen, dass die Amerikaner wirtschaftlich abgehängt wurden. Deswegen fielen sie auf einen Demagogen herein. Damit analysieren sie aber nicht wirklich die US-Wähler, sondern bestätigen sich nur in ihrem eigenen Weltbild, dass die wirtschaftliche Ungleichheit für Trumps Wahlsieg sorgte. Sie leben auch nach der Wahl in ihrer eigenen Filterblase und fühlen sich gut dabei. Auch wenn die Analyse für einige Trump Wähler passt, so erkennen sie aber nicht die vielen verschiedenen Gründe, warum Amerikaner für Trump stimmten. Zum Beispiel Ara Nomani eine Muslime, die bei den letzten Wahlen noch für Obama stimmte. Dieses Mal wählte sie aber Trump, weil sie befürchtete, dass Clinton von muslimischen Diktatoren aus Qatar und Saudi Arabien zu stark beeinflusst wird. Waffenfreunde, Abtreibungsgegner, Unternehmer, die auf tiefere Steuern hoffen und Gegner von illegaler Migration offerierte Trump die bessere Wahl. Ob er alle Versprechen einhalten wird? Bestimmt nicht - das erwarten viele Wähler von Trump auch gar nicht. Die Amerikaner sind nicht so dumm, wie wir sie in Europa gerne sehen. Peter Thiel meinte, einer der wenigen Anhänger Trumps aus dem Silicon Valley, der grosse Fehler der Medien sei, dass sie Trump wortwörtlich aber nicht ernst nahmen. Ich muss ihm zustimmen. Viele Wähler sagten mir, dass sie nicht den Mauerbau erwarten, aber sie erwarten ein strengeres Vorgehen gegen illegale Einwanderer. Wer so denkt, musste Trump wählen.

Wir erhalten mit der Wahl von Trump die grosse Chance zu lernen, was Filterblasen sind und wie wir in Zukunft damit umgehen. Wir entscheiden, ob wir die “Fakten” suchen, welche unser Bild der Welt bestätigen oder aber, wir machen uns auf den Weg, die andere Seite kennenzulernen.

Wer sich auf diesen Weg machen will, hier ein paar interessante Links dazu. Denn jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt:

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