President Trump: How the f*ck did we get here?

Es ist Mittwoch der 09. November 2016: Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten der USA heisst Donald J. Trump. Eine Aussage, welche ich (und mit mir viele andere) vor einem Jahr, einem Monat selbst vor einer Woche für unmöglich oder zumindest für unrealistisch gehalten habe. Ein Szenario, welches viele unvorhersehbare Änderungen mit sich bringen wird. Ich habe den Wahlkampf für über ein Jahr intensiv mitverfolgt: Nicht nur aus der Sichtweise eines Europäers bzw. der Europäischen Medien. Ich habe mich auch oft mit Amerikanern unterhalten; und dabei habe ich viele interessante Argumente gehört. Jetzt, fast 24 Stunden nachdem die ersten Nachwahlbefragungsergebnisse (die sogenannten "Exit Polls") bekanntgegeben wurden, möchte auch ich meine Meinung kundtun.

Ich möchte mich grössten Teils mit einer Frage auseinandersetzen: How the f*ck did we get here?

DAS ANNOUNCMENT
Interessant diese zu beantworten: Im Juni 2015 gab Donald J. Trump in einem gut inszenierten Medienevent seine Kandidatur bekannt. Relativ schnell war sein Wahlslogan "Make America great again" (oder #MAGA, wie er nun genannt wird) weltberühmt. Seine radikalen Ideen und seine skurrilen, rassistischen Äusserungen, welche er sobald er die Chance dazu hatte, in jedes Mikrophon, welches sich in seiner Nähe befand, so laut es nur ging, schrie, wurden zu seinem Markenzeichen:
• Das Problem der illegalen Immigration aus Mexico will er mit einer Mauer an der südlichen Grenze (seiner "Border wall") beseitigen, denn (illegale) Immigrant_innen aus Mexico sind ohnehin alles Vergewaltiger_innen, Mörder_innen, Diebe etc. "They're bringing drugs, they're bringing crime", wie er es so schön ausdrückte. "We will build the wall! And who's gonna pay for it? Mexico is gonna pay for it!"
• Auch beim Thema Waffenbesitzbeschränkung war Trump ein ganz Grosser: Seine uneingeschränkten Ideen bzgl. Waffenbesitz und -Vertrieb brachten ihm schnell die Unterstützung ("Endorsement") der "National Rifle Association NRA", der Amerikanischen Waffenlobby, ein.
• Themen wie Abtreibung wurden von ihm in einem sehr konservativen Stil behandelt: Obwohl er im Vorfeld seiner Präsidentschaftskampagne vielerorts eine "Pro Choice"-Haltung vertrat, war er plötzlich auf der Seite der "Pro Life"-Unterstützer zu finden.
• Nach verschiedensten nationalen Katastrophen, so beispielsweise dem Attentat vom 12. Juni auf den LGBTIQ* Club "Pulse", verhielt er sich kindlich, fast schon kindisch, und gar nicht "presidential". Kurz nach dem Attentat twitterte Donald Trump beispielsweise: "I called it!", zu Deutsch: "Ich hab's euch doch gesagt!" Er sprach damit das Problem an, welches angeblich nur er wagte, auszusprechen: "Radical islamic Terrorism" Seiner Meinung nach nahm weder Hillary Clinton, noch Barack Obama diese Worte in den Mund. Grund für diesen islamistischen Terror seien vor Allem die Imigrant_innen aus Syrien, welche sich ganz einfach über das "totally disfunctional" Immigrationssystem nach Amerika geschlichen haben. "Imagine: If you had a bowl with, let's say, a hundred peanuts in there and you knew two of them were poisoned, would you still eat them?" - "Stellt euch vor: Wenn ihr eine Schale mit, sagen wir, einhundert Erdnüsschen vor euch habt und ihr wüsstet, dass zwei davon wären vergiftet, würdet ihr sie immer noch essen?" Ein Vergleich, der keineswegs der Realität auch nur ansatzweise entspricht, doch das muss ich euch nicht erklären. Falls es euch interessieren sollte: Teilt doch die Anzahl an Syrischen Migrant_innen durch die Anzahl an terroristische Attentate, welche von islamistischen Migrant_innen begangen wurden.
• Aus verschiedenen Gründen, beispielsweise den Anschlägen vom November 2015 in Paris oder den terroristischen Aktivitäten im Dezember 2015 in San Bernardino, sprach Trump am 7. Dezember von einer Einreise- und Einwanderungssperre für muslimische Personen in die USA: "Donald J. Trump is calling for a total and complete shutdown of Muslims entering the United States until our country's representatives can figure out what is going on." Mit diesem Aufruf wurde die Debatte um Trump immer heisser: Die Lager wurden immer gespaltener und eine enorme Polarisierung fand statt.
Nebst all diesen Punkten sprach Trump natürlich unzählige andere Themen an, welche total hirnrissig und falsch sind, beispielsweise äusserte er sich unzählige Male diskriminierend gegenüber der sogenannten "African-American Community", unter Anderem im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen von Amerikanischen Polizisten an dieser Minderheit, doch all diese Themen hier anzusprechen würde Jahre dauern; und im Grunde genommen kennt ihr sie ja! Zusammenfassend: Trump stieg in den Vorwahlkampf ein als rassistischer, misogyner, homo-, trans, xenophober und im Grunde genommen total verrückter ("batshit crazy") Sprengkandidat, der von allen zuerst (vielleicht etwas herablassend) belächelt wurde.

DER (VOR-) WAHLKAMPF
Der Vorwahlkampf, welcher in republikanischer Manier mit gefühlt eintausend Kandidaten geführt wurde, war für Donald Trump sehr unterschiedlich. Den lange als "Frontrunner" gegoltenen Jeb Bush schlug er im Handumdrehen aus dem Rennen. Auch Marco Rubio, Carly Fiorina und Chris Christie schlug er während dem Vorwahlkampf relativ früh. Die einzigen, welche sich an Donald Trump festgebissen zu haben schienen waren John Kasich und Ted Cruz. Cruz gewann sogar den sogenannten "Iowa Caucus", die Vorwahl in Iowa , was ihm im Endeffekt jedoch nichts nützen würde, denn Trump erreichte die vorgegebene Anzahl an Delegiertenstimmen erhalten. Der Parteitag der Republikaner war die letzte Hürde, die Trump dann noch zu seiner Nominierung überspringen musste. Und es geschieht das Undenkbare: Ted Cruz ergreift das Mikrophon und spricht sich GEGEN Donald Trump aus. Er meint: "I want you to go out in November, and I want you to vote for the candidate that represents you! Vote candidates up and down the list, vote you conscience!" Er forderte die Anwesenden auf, den Kandidaten bzw. Die Kandidatin zu wählen, welche sie mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten. Ein Schlag in Trump Gesicht: Doch auch Cruz, wie viele vor ihm, unterstützten den republican Nominee schlussendlich.

TRUMP IN DEN MEDIEN
In der Theorie hätte das Verhalten Trumps in der Öffentlichkeit ihm das Genick brechen sollen: Seine Äusserungen beiseite, sein Verhalten war schlicht und ergreifend nicht präsidentenhaft. Selbst bei der Wahl Ronald Reagan im Jahr 1981 wurde weniger darüber diskutiert, ob er geeignet sei, Präsident der USA zu werden. Doch genau dieses Verhalten brachte Trump das ein, was er so unerschöpflich und verzweifelt suchte: Medienpräsenz. Zeitschriften und Zeitungen sprachen von 2 bis 5 Millionen US$ gratis Werbung. War es das, was Trump später zum Sieg verhalf? Vor den Wahlen wurde oft das Thema "Er wollte gar nicht Präsident werden, er wollte die 'Publicity' " angesprochen. Das kann so sehr gut stimmen. Doch heisst das, dass Trump die Fassade, welche er für mehr als ein Jahr gehalten hatte, nun ablegen würde? Wird er jetzt ein ernstzunehmender Kandidat, der, wie Reagan damals, nach 8 Jahren als einer der besseren Präsidenten in die Geschichte eingehen wird?

TRUMPS SIEG
Wieso gewann ein Mensch, welcher offensichtlich lateinamerikanische US Bürger diskriminiert hat, auch bei dieser Minderheitengruppe viele Wahlprozente? Wie kann ein Mann, welcher ehrlich gesagt einer der misogynsten und frauenfeindlichsten Personen ist, die ich kenne, auch bei Frauen viele Stimmen gewinnen? Wieso gibt es ein Unterstützergruppe "Blacks for Trump" für ebendiesen Kandidaten, wenn dieser, ohne einmal das Gesicht zu verziehen, behauptet, dass "Police Brutality" und "White Privilege" keine ernstzunehmenden Faktoren im Leben afroamerikanischer Bürger sind? Die Antwort ist mehrteilig:
1. Populismus: Trump stand schon immer für den "stillen Riesen", die weisse Arbeiterklasse, sogenannte "Blue collar Americans" ein. Dieser ging es "schlecht", weil der Arbeitsmarkt ja nicht meritokratisch, das Sozialsystem ohnehin nur für Minderheiten vorgesehen und das System im ganzen vollkommen "rigged" ist. Nur diese Meinung wurde von ihm akzeptiert; und sie steht für die vernachlässigte Mehrheit ein. Populismus vom feinsten.
2. Seine Gegnerin: Hillary R. Clinton ist für viele Amerikaner_innen ein Dorn im Auge, denn sie ist der Inbegriff einer Establishment-Politikerin: Eine eigene Foundation, welche teilweise dubiose Geschäfte und Zahlungen hinter sich hatte, ihre Meinung hat sie, auf Grund von Lobbying, das eine oder andere Mal gewechselt und sie gehört, für den Ottonormalverbraucher, zum sogenannten "Washington Cartel". Der Fakt, dass ihr Mann bereits Präsident der USA war macht all dies gar nicht besser. Und dann war da noch ihre Emailgeschichte: Als "Secretary of State" besass Clinton, ohne die Einwilligung der Administration, einen privaten Emailserver, auf welchem sie auch Emails für das "State Department" sandte und empfing. Nach der Abgabe ihrer Aufgabe im "State Department" löschte sie diese Mails ausnahmslos. Bei Befragung zu diesem Umstand vom Federal Bureau of Investigation FBI sagte sie immer aus, dass all dies so nicht stimme. Obwohl Clinton mit diesem Vorgehen zwar "confidential Emails" gefärdete, konnte ihr vom FBI "no wrongdoing" nachgewiesen werden. Doch die Medien fokussierten sich auf diese Prozesse. Auch die Mediensprecher Trumps brachten immer das Argument, dass "crooked Hillary" doch im Grunde genommen ein schlechter Mensch und eine Lügnerin sei. All das und einiges mehr (z. B. ihr "ungeklärter" Zusammenhang mit dem Attentat in Benghazi) brachte viele Amerikaner dazu, die Meinung zu vertreten, dass Hillary Clinton die schlimmere von Beiden sei.

ZUKUNFT: PRESIDENT TRUMP
Was uns die Zukunft bringen wird, weiss niemand. Waren Trumps Ideen nur ein "Publicity Stunt"? Wird er sich nun mässigen? Was bedeutet Trumps Politik für die Schweiz? Es weiss niemand genau, und alle hoffen, dass der "Crazy Clown" aus Donald Trump weichen wird.

Mir persönlich ist es sehr unangenehm, dass ein Politiker (eigentlich nicht mal ein Politiker, denn seine politische Erfahrung ist ungefähr gleich null), welcher sich im letzten Jahr mit solchen Aussagen in den Medien über Wasser gehalten hat, der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten wird. Das Gespräch zwischen Trump und Barack Obama klang gestern zwar relativ gemässigt, fast schon kitschig. Doch trägt Trump jetzt eine Maske? Oder war er in den letzten über 12 Monaten maskiert? Ausserdem stellen sich mit Trumps zukünftigem Verhalten einige Frage: Wird er mit einer Verharmlosung seiner Standpunkte einen Teil seiner Wählerschaft enttäuschen und damit die "Anti-Establishment" Bewegung bestärken? Wird dieser Teil der Wähler dadurch nicht enttäuscht? Oder wird er seine radikalen Positionen so beibehalten? Es helfen nur 3 Dinge: Abwarten, Tee trinken und hoffen.

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