Into the Darkness

Mein Grossvater erlebte am Ende des vorletzten und zu Beginn des letzten Jahrhunderts die langsame Elektrifizierung. Am Anfang waren es die Kleinunternehmer, welche sich zum Antrieb ihrer Maschinen Wassergeneratoren anschafften. Später dann wurde auch in den Häusern und kleinen Wohnungen die Petrollampe langsam gegen die Glühlampe ausgetauscht. Damals regierte die Schreibmaschine mit Färbeband, die Handschrift, der geschriebene Brief. Das Telefon war kaum verbreitet, entweder gab es eins im Gasthaus im Gang, oder bei betuchten Leuten. Heutige Selbstverständlichkeiten wie beispielsweise der Kühlschrank oder der Elektroherd penetrierten unsere Gesellschaft nach dem Krieg langsam aber stetig. Doch heute regiert der Strom, weil alles mit Strom funktioniert.

Intelligente Technologien haben den Stromableser weg rationalisiert. Sogenannte Smart Meter, Endgerät im Smart Grid, steuern unseren Verbrauch. Mit dem Smart Meter kann man auch über Powerline die Zufuhr von Strom regulieren wie der Internetanbieter die abonnierte Bandbreite. Von dort aus lassen sich auch beispielsweise Waschmaschinen steuern, oder ein Haus komplett vom Strom trennen.

Toll. Doch in Kombination auch mit dem „Internet der Dinge“, bei welchen beispielsweise über das Internet Steuerbefehle in alle möglichen elektrischen Verbraucher einfliessen können, steigen auch die Gefahren. Man stelle sich vor beim Tesla werden die Bremsen beeinflusst, oder der Microwellenofen grillt plötzlich auch bei offener Türe. Oder jemand oder etwas nimmt mit Schadsoftware Einfluss auf den Smart Meter, und stellt flächendeckend den Strom ab. Und wieder ein, und wieder ab… Das Stromnetz würde europaweit zusammenbrechen, und könnte kaum mehr wieder hochgefahren werden, weil die Schadsoftware auch über einen Source Code auf die Steuerungsoftware Einfluss nehmen könnte.

Europa 10 Tage ohne Strom…

…klingt nach Abenteuer und wie die letzten Ferien auf dem Maiensäss. Hier aber nun mal eine kurze Übersicht.

Zuhause
Moderne Telefone gehen nicht mehr, die Handys auch nicht, weil auch die Notstromversorgung in den BTS nur für Stunden ausgelegt ist. Der Kühlschrank und der Freezer werden warm, das Licht ist aus, die Computer laufen mit dem Akku und bis zum Ende. Der Wasserhahn bleibt trocken, weil entweder das Wasserwerk oder aber der Haushalt irgendwo eine elektrische Wasserpumpe dazwischen geschalten hat. Dadurch geht natürlich auch die Dusche und die WC Spülung bei den allermeisten Häusern nicht mehr, vor allem in den Städten. Nach 24 Stunden breitet sich ein entsprechendes Geschmäcklein aus, die Seuchen kommen später. Auch die Pumpen für das Abwasser und nachgelagert die Kläranlagen werden ohne Strom den Dienst versagen.

Die Wohnung wird kalt, egal ob mit Öl oder mit Wärmepumpen geheizt wird. Umwälzpumpe und Brenner brauchen auch Strom. Einige Clevere haben vorgesorgt. Ein Generator sorgt für Strom, aber nur so lange bis der Most ausgeht. Tanken ist ohnehin nicht mehr, weil auch die Treibstoffpumpen oder Raffinerien mit Strom laufen. Und dann wird das Zeugs ohnehin nach 36 Stunden rationalisiert. Und da niemand mehr ein Batterieradio hat, bleibt das Volk ohne offizielle Information. Und da nun die Leute in der Not in der Wohnung offenes Feuer anzünden, ist es eine Frage der Zeit, bis ganze Städte brennen, weil ja wegen Fehlen des Stroms und der Wasserpumpen auch kein Wasser zum Löschen da ist, und beispielsweise Feuerwehren gar nicht mehr alarmiert werden können.

Dann haben wir unser geliebtes „verdichtetes Bauen“, besonders in die Höhe. Lifte funktionieren nicht mehr, die Älteren oder Behinderten werden keine 20 Stockwerke bei Dunkelheit steigen können, und wer sofort einen medizinischen Notdienst braucht, kann diesen weder alarmieren, noch wirklich einen erwarten. Sterben in der Dunkelheit.

Nahrungsversorgung
Die Lebensmittelverteilung erfolgt heute mit LKW in die Detailhandelsmärkte, welche von grossen Verteilzentren gespeist werden, der persönliche Notvorrat ist nur für Spinner. Es fahren keine LKW mehr, weil es auch kein Diesel mehr gibt, den man schnell mal eben tanken kann. Aufgrund der unterbrochenen Kühlkette werden Frischwaren schnell verdorben sein. Der Nachschub funktioniert nicht mehr, weil auch Kräne in den Häfen, Schiffe und Züge nicht mehr fahren können. Kein Strom. Zudem sind die meisten Verteilanlagen heute vollständig automatisiert, es herrscht Chaos und Stillstand, weil die Leute an den schwarzen Monitoren nicht sehen können, was da ist und was nicht.

Dann die immer grösser gewordenen Kuhmilchfarmen, welche ohne automatisches Melken der bis zu 40 Liter gebenden Kühe nicht mehr nachkommen. Die Tiere können nicht mehr gemolken werden, die Milch verrottet ohnehin, weil diese Mengen nicht mehr verarbeitet werden können, weil auch die Molkereien mit Strom arbeiten. Und wenn die Tiere nicht mehr automatisch gefüttert oder gemolken werden können, dann verrecken Sie. Totes Fleisch, das nicht mehr abgeholt werden kann. Gestank und Seuchen. Natürlich betrifft das auch die Hühnerfarmen, in welchen die Viecher mit Infrarotlicht beheizt und automatisch befüttert werden.

Aber auch bei den Zwischenlagern und Feinverteilern sieht die Lage schlecht aus. Ohne Treibstoff oder Strom kann niemand beliefert werden. Auch elektronische Zahlsysteme arbeiten natürlich nicht mehr. Somit wird zuerst mit Bargeld bezahlt, anschliessend geplündert. Simple Dinge wie elektrische Türen die verschlossen bleiben.

Und überhaupt: Wer würde dann noch zur Arbeitsstelle gelangen und wie?

Wirtschaft und Geldversorgung
Natürlich funktionieren ohne Strom nicht nur die Karten, Twint, Apple Pay oder Maestro Interfaces nicht mehr. Aufgrund des fehlenden Stroms gehen auch die standardisierten Überweisungen nicht mehr. Unternehmen können Lieferanten nicht bezahlen, die Lieferanten deshalb weder Löhne noch Verbindlichkeiten. Ohne Zahlungsverkehr wird das eintreten, an welchem die Welt Ende der 0er Jahre anlässlich der Finanzkrise haarscharf vorbeigeschlittert ist: Der totale Stillstand.

Die Bankfilialen können eventuell noch Bargeld auszahlen, das wird aber pro Person und Konto auf wenige Hundert Franken/Euro pro Woche beschränkt werden müssen, weil der Nachschub aus den Nationalbanken ebenso gestört wäre. Trotzdem dass die Börsen wohl geschlossen wären, gäbe es einen Kurssturz sondergleichen. Die Wirtschaftwelt wäre Geschichte, nach den Seuchen, Plünderungen würde Schwarzmarkt und Tauschgeschäft blühen.

Gefährdete Industrieanlagen wie Chemie- oder Atomkraftwerke hätten zwar redundante Notstromgruppen, aber auch dort würden die Dieseltanks wohl nach einigen Tagen versiegen. Grossräumige Havarien wären die Folge.

Gesundheitssystem
Natürlich haben auch Krankenhäuser Notstromgruppen, welche für einen Stromausfall für einige Stunden ausgelegt sind. Aber für Tage? Die Regionalspitäler müssten in die Zentralspitäler dislozieren, welche die Patienten inzwischen in den Gängen und Nebenräumen parkieren müssten. Natürlich stauen sich auch unter dem Spital die Abwasserrohre. Intensivstationen müssten reduziert werden, genauso wie die Stationen für zu früh Geborene. Wie die Patienten in den Häusern ohne Strom und Lift transportiert werden, ist dann eine Frage der Improvisation.

Natürlich könnten auch die Apotheken nicht mehr beliefert werden, einerseits wegen dem fehlenden Treibstoff, andererseits wegen der elektronischen Verteillogistik. Selbstverständlich klappt auch die Kommunikation mit den Krankenkassen nicht mehr, der Apotheker gibt die Medis nur noch gegen Bares, das man aber nicht hat. Die Herzpatienten oder die Diabetiker werden früh aus dem Leben scheiden, zusammen mit den Tausenden, welche täglich oder wöchentlich an die Dialyse müssen.

Die Alten- und Behindertenheime sind von Beginn weg äusserst gefährdet, weil diese Häuser nur in seltensten Fällen Notstromgruppen installiert haben. Dort würde das Licht bei allen schnell ausgehen.

Gesellschaft und Sicherheit
Bereits nach einigen Tagen besonders im Winter werden Hunger und der Durst seltsame Blüten treiben, wobei Plünderungen und Mord gegen Apfel noch harmlos wirken würden. Millionen von Menschen werden sich in diese Gegenden aufmachen, von welchen erzählt wird, dass sie noch Strom haben. Diese Gegenden werden dann aber kollabieren. Man stelle sich eine Stadt im Dunkeln und in der Kälte vor, und plötzlich entdeckt man ein Haus, beleuchtet und mit rauchendem Schornstein. Eine Frage der Zeit, bis dieses Haus gestürmt würde.

Die Polizei oder nachgelagert die massiv reduzierte Armee wäre für den verbleibenden Ordnungsdienst hoffnungslos überfordert, wenn diese Leute überhaupt noch zum Dienst erscheinen. Bei Hunger, Kälte und Durst wären die Grundsätze der Zivilisation am Anfang noch sehr solidarisch, aber mit der Zeit würde Aggression und Plünderei die Oberhand gewinnen. Jeder wird sich selbst der Nächste sein.

Schwarzmalerei? Ich weiss es nicht. Jeder der im Berufsalltag einen Computerausfall, einen Netzwerkfehler, einen Wurm- oder Virenangriff schon mal miterlebte, der merkt schnell, dass bereits ein Ausfall von wenigen Stunden die Produktivität massiv einschränkt oder völlig zum Erliegen kommt. Doch bisher funktionierte Wasser- Abwasserversorgung, und auch die Lebensmittelkette war davon kaum beeinträchtigt. Was aber wäre, wenn nun ein Cyberangriff, ausgeklügelter als je zuvor, das Herz der Infrastruktur angreift, um die Energienetze empfindlich so zu stören, dass diese vernetzen und redundanten europäischen Grids nicht mehr funktionieren? Marc Elsberg schrieb dazu ein äusserst spannender Thriller, welcher dieses Szenario realistisch und unter Mitwirkung von Experten zum Thema recherchierte. So schien die Manipulation von SCADA damals unmöglich, bis 2010 Stuxnet entdeckt wurde.

Die Auswirkungen hat Herr Elsberg gut recherchiert. Ich habe das Buch zum Anlass genommen, um meinen Mitarbeitern Fragen zur Sicherheit unserer Stromnetze zu stellen. Dass Kraftwerke mit einer Software gesteuert werden, die angreifbar ist, hielt ich zunächst für reine Fiktion – da wurde ich eines Besseren belehrt.

Jochen Homan, leitet seit 2012 die Bundesnetzagentur und ist damit einer der Chefplaner der Energiewende.

Nein, ich will hier keine Buchbesprechung. Es geht mir aber darum dem lesenden Publikum aufzuzeigen, dass eben der Strom nicht einfach nur von der Steckdose kommt. Die Energiewende mit allen tollen Ideen und elektronischen Helferlein steht auf sehr fragilen Füssen, und zum Thema Energiespeicherung besonders in der dunklen und kalten Jahreszeit ohne verfügbaren Bandstrom aus Kernkraftwerken zusätzlich noch auf jenen der „sauberen“ Braunkohlewerke. Die Energiewende benötigt das Smart Grid, welches eben auch auf Cybrangriffe empfindlich reagiert.

Somit empfehle ich, auch Abenteurergedanken ohne geprobte Realitätschecks der Öko-Freaks abzulehnen. Deshalb unterschreiben Sie noch heute das Referendum gegen das Energiegesetz, und stimmen Sie am 27. November gegen die Verdunkelungs-Initiative der Grünen.

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