Flugzeuge im Bauch

Am 10. April 2014 hatte ich noch eine andere Meinung, damals stand die Ersatzbeschaffung mittels dem Gripen auf der politischen Agenda. Ich war damals dafür, und zudem der Ansicht, dass dieses Flugzeug der richtige Evaluationsentscheid darstellt. Natürlich, der F-35 wäre auch mir lieber gewesen, aber im Rahmen der ewigen Kompromissfinderei zählt ja nicht das fachliche, sondern immer das politische Gedankengut.

Das Stimmvolk hatte sich mit 53,4% gegen die Beschaffung ausgesprochen, wobei die Mehrheit der deutschen Kantone knapp dafür votierte. Die Meinungsforscher waren damals der Ansicht, dass dieses Nein kein Nein zur Armee bedeute. Eine merkwürdige Vorstellung, denn die internationale Berichterstattung zeigt doch geradezu exemplarisch auf, welche Wirkung eine Luftwaffe in der bewaffneten Auseinandersetzung besitzt.

Die Überlegung, ob ein Land eine Armee haben soll oder nicht, müsste zusätzlich mit der Frage verknüpft werden, welche Aufgaben dieser Armee zuteilwerden sollen. Hat diese Armee den Auftrag, ausländische Aggressionen erfolgreich abzuwehren, dann sollten politische Kompromisse keine Rolle spielen. Einzig die Professionalität wäre gefragt, um einem Willen eines Aggressors Widerstand zu leisten, und es wäre geradezu dumm, einem Aggressor in dieser Frage keine Professionalität an zu dichten.

Die Schweiz kann sich eine höchst professionelle Armee leisten. Aber kann sich die Schweiz auch eine „Ein-Bisschen-Armee“ leisten? Bei einem massierten Angriff auf die Schweiz wäre die Kapitulation eine Frage von Stunden, wobei unsere heutige Armee, ganz offen formuliert, bloss eine Alibiübung auf sehr tiefem Niveau darstellt. Man hat sie weil man sie hat, nicht weil man sie wirklich braucht. Ein schlichtes „Aufrechterhalten“. Der von Linken gewählte Begriff „Folklore“ ist nicht ganz unberechtigt.

Grosse Imperialmächte wie die USA, China oder Russland verfolgen sicherlich ein anderes Ziel. Selbst gegen das damalige Deutsche Reich als Aggressor inmitten von Europa hätte die Schweizer Armee wohl nichts auszurichten gehabt, wäre die Schweiz damals ein strategisches Ziel gewesen. Frauen und Kinder hätte man im Mittelland als Kollateralschaden zurück gelassen, die Männer in Uniform wären ins Reduit in den Alpen gezogen, was vorausgesetzt hätte, dass das Land vor der Familie Priorität genossen hätte, und ein Leben im Bunker unter Männern das Mass aller Dinge gewesen wäre. Zumindest heute nicht vorstellbar. Dass die Schweiz von Besatzung verschont blieb, ist der weisen Planung der damaligen Regierung, und den Gegebenheiten der Geografie zu verdanken. Die Schweiz macht als Land kein strategisches Ziel aus, ist nur als Nord-Süd-Verkehrsachse wirklich zu gebrauchen. Die Schweiz hat ausser ein paar Bergkristallen keine Ressourcen, und funktioniert im Vergleich hervorragend wegen unserer liberalen Wirtschaftlichkeit. Eine kriegerische Auseinandersetzung in unserem Land hätte alles vernichtet, womit wir heute unser Geld verdienen. Ein Krieg in der Schweiz macht somit weder für uns selbst, noch für einen Aggressor Sinn, ausser er liebt eine zerstörte, aber noch immer attraktive Landschaft. Die damals zweckmässige Armee in Kombination mit dem Kooperationswillen mit den Achsenmächten verhinderte den Einmarsch, zumindest beim effektiven Kriegsverlauf. Hätten die Achsenmächte damals den Krieg gewonnen, dann wäre wohl die Schweiz trotz Armee heute nicht mehr existent.

70 Jahre nach Kriegsende sieht die Welt anders aus. Seit Beginn des Kalten Krieges rüsten wir Milliarden um Milliarden in die Schweizer Armee, und schreiben dieselben Beträge laufend ab. Waffensysteme wurden gekauft, und nach Jahren wieder verschrottet, ohne dass sich für unser Land etwas geändert hätte. Der Generalstab ist jährlich bemüht, eine aktuelle Bedrohungslage realistisch aufzuzeigen, und scheitert damit regelmässig in der Lächerlichkeit. Derweil stürzen die Flugzeuge der „besten Armee der Welt“ am Laufband ab, weshalb sich die Armee gleich selbst entwaffnet.

Gleichzeitig steigt das Misstrauen in die eigene Bevölkerung, welche gemäss Milizauftrag die Soldaten genau aus diesem Pool bezieht. Die persönliche Bewaffnung wird nur noch knapp geduldet, Taschenmunition ist abzugeben, und das Sturmgewehr des Wehrmanns kann man in diesem Zustand nur noch als Spazierstock gebrauchen. Die gänzlich fehlende Bedrohung dividiert die Bevölkerung, jeder hängt geradezu dekadent seinen politischen Inhalten einer trivialen Wundertüte nach. Die Schweiz hatte keine Armee, sie war eine. Ein Spruch, welchen man heute in unserer „pluralistischen“ Gesellschaft höchstens noch in Geschichtsbüchern nachliest. La Suisse n’existe pas, und das nicht nur in den Köpfen der linken Ideologen.

Ich denke dass der Wunsch einer eigenen Streitmacht in den Köpfen der Schweizer Stimmberechtigten weniger die militärische Notwendigkeit manifestiert, sondern viel mehr der Wunsch nach Eigenständigkeit. Wer heute die Schweiz militärisch angreift, ist international geächtet und bald tot. In Europa besteht keine militärische Gefahr, nur eine der EU – Schreibtischtäter, und die agieren bei der Annexion mit Anzügen und Kugelschreiber, die Wirbellosen nicken dazu.

Was wäre wenn?

Der mittelamerikanische Staat Costa Rica ging einen anderen Weg. Am 8. Mai 1949 schaffte das Land die Armee ab, und ersetzte diese gegen kleinere Sicherheits-Einheiten. Deswegen wurde das Land nicht von den Nachbarn angegriffen. Weswegen auch. So kann man sich die Frage stellen, wer heute die Schweiz militärisch angreifen will. Selbst dann, wenn es zu einem handfesten Konflikt zwischen Russland und der NATO kommen würde, wäre die Schweiz kein Primärziel der Mächte, sondern würde höchstens peripher belastet, vor allem bei der Lieferung der Rohstoffe. Dann werden als mögliche Bedrohungen immer wieder innere Unruhen genannt. Sind diese in der Grössenordnung der heutigen Vorkommnisse, reichen die Polizeikorps aus. Haben die Unruhen einen grösseren Kern, dürften wohl auch wichtige Einheiten unserer Milizarmee betroffen sein. Wobei grundsätzlich festgestellt werden kann, dass je weniger der Staat Einfluss auf das Leben nimmt, die Unruhen auch weniger heftig ausfallen. Staat gegen Bürger ist ohnehin äusserst kritisch.

Also bevor wir wieder ein paar Milliarden in neue Kampfflugzeuge stecken, sollte die Schweiz zuerst mal eine emotionslose Debatte über die Notwendigkeit einer Streitmacht führen. Dabei sollte man die Professionalität und die Bedrohungslage in Betracht ziehen. Falls beides nicht unter ein Lot kommt, ist die Schweizer Armee abzuschaffen, und die freiwerdenden Mittel in ein Sicherheitsdispositiv zu überführen, welcher der aktuellen Bedrohungslage gerecht wird: Kriminaltourismus, Kapitalverbrechen, Migrationsdruck und Cyber Crime.

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