Gefahreneinschätzung Atomenergie/Öl/Gas

Die letzten fünf Wochen fuhr ich rund 4’000 Kilometer zwischen Los Angeles und Dana Point, um Surfgäste vom Flughafen abzuholen und zurück zu bringen. Je nach Verkehr dauert ein Weg ein bis zwei Stunden und fast immer taucht bei den frisch Angereisten die Frage nach den Haien auf. Jeder Surfer hat irgendwo im Hinterkopf dieses unbehagliche Gefühl, dass da einmal ein Hai mit aufgerissenem Maul aus der Tiefe hochschnellt. Doch wie begründet ist diese Angst?

Menschen können Risiken und deren Folgen nur schwer einschätzen

Der letzte tödliche Unfall mit einem Hai in Kalifornien fand im Jahr 2012 statt. Obwohl eine grosse Anzahl von Leuten täglich im Meer surfen, schwimmen und fischen passiert sehr selten etwas. In diesem Jahr war es bis jetzt eine Frau, die angegriffen wurde und überlebte. Dennoch glauben wir Menschen, dass Haie eine riesige Gefahr für uns darstellen, auch wenn die handfeste Gefahr woanders lauert. Von allen Gästen hat mich noch nie jemand gefragt, wie sicher denn die Fahrt mit dem Auto vom Flughafen zu unserem Surfcamp ist. Und dies, obwohl in Kalifornien pro Jahr rund 3’000 Menschen auf den Strassen sterben (im Verhältnis etwa 1.8x mehr als in der Schweiz). Es kann mit gutem Gewissen gesagt werden, jeder Schweizer, der ins Ausland surfen geht, hat ein massig höheres Risiko auf dem Weg zum Flughafen, im Flugzeug und dann auf dem Weg zum Strand in eine Gefahrensituation zu gelangen, als dass er von einem Hai angegriffen wird. Trotzdem haben wir nur vor den Haien Angst.

Was hat dies mit dem Titel “Gefahreneinschätzung Atomenergie/Öl/Gas” zu tun? Haie scheinen uns Angst zu machen, weil wir sie nicht beherrschen. Sie sind eine unberechenbare Gefahr, und wenn sie uns angreifen, haben wir keine Chance. Ähnlich ist die Atomenergie eine gefährliche Sache. Ein Unfall kann zu schrecklichen Folgen führen. 1’000e Tote. Auf Jahre unbewohnbares Land. Würde in der Schweiz ein Fukushima passieren, würden kaum mehr 20’000 Flüchtlinge in die Schweiz reisen wollen, viel eher würden 100’000e Schweizer zu Wirtschaftsflüchtlingen werden und das Land verlassen wollen. Für die Schweiz ein fatales Szenario, wenn auch die Eintrittswahrscheinlichkeit klein ist.

Dagegen scheinen wir kein Problem mit dem verbrennen von Öl & Gas zu haben, auch wenn es nachweisslich unsere Umwelt zerstört. Ein Blick auf die Energiestatistik verrät nämlich, dass vom Gesamtenergieverbrauch Erdöl & Gas 65% ausmachen. Der Atomstrom aber nur 11%.

Was ist schlimmer, die Gefahr eines Atomunfalls oder die Gefahr durch den Klimawandel?

Wenn wir über den Atomausstieg wegen der GAU-Gefahr reden, müssten wir als Erstes eine Risikoeinschätzung über alle Energieträger machen. Also einschätzen, wie hoch ist die Eintrittswahrscheinlichkeit des von Menschen gemachten Klimawandels vs. einem Super-GAU und anschliessend müssten wir das Schadenspotenzial betrachten. Sprich was verursacht den grösseren Schaden.

Glaubt man der grossen Anzahl an Wissenschaftlern, dann ist die Sachlage klar. Der Klimawandel hat für eine grössere Anzahl von Menschen fatale folgen, die Eintrittswahrscheinlichkeit ist höher und vor allem leiden Menschen an Orten, die für den Klimawandel nicht einmal verantwortlich sind. Es gibt mehr Flüchtlinge, mehr Tote und mehr kaputtes Land.

Allein die Tatsache, dass beim Klimawandel jene die grössten Opfer tragen, die nicht einmal Schuld daran sind, sollte zu denken geben.

Dieser Artikel ist keine flammende Rede für die Atomenergie. Er soll nur nüchtern feststellen, dass die Atomenergie mehr der Angst vor Haien gleicht, als die viel grössere Gefahr eines Verkehrsunfalls (Klimawandel) beachtet. Der oft kontrovers zitierte Patrick Moore, ein ehemaliges Greenpeace Mitglied der früheren Jahre (kein Gründer), stellt fest:

Die Atomkraftwerke abschalten zu wollen, ist nicht nur unverantwortlich, wenn man sich die Energieversorgung anschaut. Auch was die Senkung der Kohlenstoffdioxidemissionen angeht, ist es falsch.

Wenn wir die Atomenergie verteufeln, nehmen wir uns eine mögliche Option weg, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Aus meiner Sicht kann es nicht sein, dass wir in der Schweiz Atomkraftwerke abstellen, um Gaskraftwerke aufzustellen. Es sollte auch nicht sein, dass man in Deutschland dreckige Kohle verbrennt, nur um die Atommeiler früher als sicherheitsrelevant nötig abzuschalten, wenn dadurch die Gefahr des von Menschen mitverursachten Klimawandels steigt.

Ja. Auch ich bin dafür, dass wir mit Fotovoltaik, Wind & Co. Atomkraftwerke überflüssig machen. Unbedingt sogar! Dass dies geht, muss nur schnellstmöglich bewiesen werden. Uns aber in eine Sackgasse zu bringen, indem wir eine mögliche Alternative zum Verbrennen von Öl & Gas verteufeln, scheint mir wenig rational. Vielmehr gleicht dies der unverhältnismässigen Angst vor Haien.

PS: Ja, ich bin mir der Tatsache bewusst, dass die nicht verbrauchte Energie die günstigste und ungefährlichste Energie ist. Dass es nicht umweltfreundlich ist, wenn wir Europäer nach Kalifornien locken, damit sie surfen gehen. Warum ich es dennoch tue? Ich bin überzeugt, dass der Mensch nicht bereit ist, freiwillig zu verzichten. Deswegen sind technische Lösungen und nicht der Verzicht gefragt - zumindest solange wir noch die Aussicht auf Erfolg haben.

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