Das Theaterstück am Bosporus

Als am Freitag die ersten Meldungen von ‘Panzer in Istanbul‘ in den Medien zu vernehmen waren konnte ich meine Überraschung kaum verbergen. Was war passiert und vor allem was wird noch alles passieren?
Für die Türkei ist ein Putsch nicht sonderlich neu aber je mehr Abstand ich nahm desto mehr wurde mir bewusst, dass der Dilettantismus bei diesem Sturz sehr wohl neu war.

Ein Coup d’état wird im 21 Jahrhundert also an einem Freitagabend losgetreten und anders als bei anderen Staatsstreichen oder gar Terrorattacken blieb das Internet die ganze Zeit über am Laufen – beinahe als wollte man die ganze Welt daran teilhaben lassen. Eine feindliche Übernahme wo der Präsident nicht zum ersten Ziel mutiert ist die taktische Dummheit die man eher von einem billigen Hollywood Streifen erwartet aber nicht von einer NATO Streitkraft.

Was aber bei mir zu wesentlich mehr Verwunderung geführt hat war der Zaubertrick, der selbst David Copperfield ganz alt aussehen lässt; ein Trick wo eine Reporterin trotz Einmarsch von Truppen in der Lage war mit dem Herrn Präsidenten einen Skype-Schwatz zu halten. Ich frage mich wie viele Journalisten in der Schweiz innerhalb weniger Stunden, oder gar Minuten in der Lage wären mit einem der Bundesräte zu kommunizieren.

Das sind aber nicht die einzigen Ungereimtheiten bei diesem ganzen Theater: Wie wir wissen war der Sultan gerade in den Ferien um seine Wampe in der südtürkischen Sonne zu bräunen. Das ist an sich nichts Besonderes, aber jetzt beginnt das Aluhütchen richtig zu glühen: Wir wissen, dass der Boss vom Bosporus in Marmaris in den Ferien weilte und es ist naheliegend, dass er vom Flughafen in Dalaman seine Rückreise angetreten hätte – mal abgesehen von der Reisezeit hätte sich der Grossvizier sehr sicher sein müssen, dass der Putsch scheitert, schon beinahe so sicher, dass ich mir überlege ihn anzufragen was die Lottozahlen von nächstem Freitag sind. Wie dem auch sei, laut Reuters Nachrichtenmeldungen entkam er dabei nur knapp seinem Tod, denn angeblich waren zwei F-16 Kampfflugzeuge hinter der Gulfstream der Regierung her. Die F-16 welche dank ihrem Radars auch Tiefflieger ohne Probleme aufspüren kann und mit doppelter Schallgeschwindigkeit durch den Himmel zieht. Die F-16 die problemlos eine russische Su-24M vom Himmel holte scheint nun Schwierigkeiten zu haben bei einer G4 dasselbe zu tun.

Bemerkenswert ist auch, dass man direkt schon wusste, dass irgend ein alter Sack der seit 1999 in den USA wohnt für den Putsch verantwortlich ist. Was aber an ein Wunder grenzt ist die gottesähnliche Vorsehung welche 2‘700 Richter man entlassen muss – als hätte man eine Liste in der Schublade gehabt und nur auf einen Grund gewartet – fantastisch!

Der andere Vorteil dieses Coups war auch die Schliessung des Militärflugplatzes Incirlik, von wo aus die Alliierten Angriffe auf die Daesh flogen. Endlich konnten die etwas durchatmen und vielleicht sogar ihren Ölhandel wieder beleben.

Das alles ist so dermassen unterhaltsam, wenn da nicht diese hässliche Nazi-Rhetorik wäre: von Säuberung wird gesprochen und die ganze Show erinnert stark an den Röhm Putsch wo der GröFaz ebenfalls an jeder Ecke Gespenster sah und mal kurzerhand ebenfalls anfing seine Streitkräfte, in dem Fall die Braunhemden der SA, mit Hilfe der Männer in Schwarz von der Schutzstaffel und der Gestapo zu ‘neutralisieren‘.

So, was sollten wir davon halten? Also ich hab viele Fragen – speziell frage ich mich warum ein Putsch mit so wenig Leuten veranstaltet wurde und warum die Soldaten auf den Bilder nicht aussehen wie kampferfahrene Veteranen sondern eher wie Rekruten frisch aus dem Grundkurs (ihr wisst, die armen Säue die sich nicht vom Militärdienst freikaufen konnten). Des Weiteren frage ich mich warum man nicht gleich geputscht hat wie in den 80er wo man die Zivilbevölkerung erst davon Wind bekam als alles vorüber war und das Militär vor die Kameras stand als sie die Herrschaft hatten (ihr wisst, die Kameras die vorher komplett aus waren). Wo eine Ausgangssperre für das ganze Land galt und nicht nur 2 Städte. Tja, mal sehen wie das Märchen weiter gelesen wird.

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