Woher kommen wir, wohin gehen wir?

Das Interview mit dem Historiker Philipp Blom («Wir werden ärmer werden») hat mich an den Beitrag erinnert, für den ich hier auf politnetz die ersten Kommentare geschrieben habe («Wann hören wir wieder ein "Heil ...." ?») – es war im August 2012. Es berührt all die Fragen, die für mich unsere Gegenwart bestimmen:

Die Produktivitätssteigerungen durch Rationalisierung, Digitale Revolution und Automatisierung sowie die neuen disruptiven Technologien verändern die Arbeitswelt und machen sehr viele Leute schlicht überflüssig, andere dürfen wenigstens Maschinen oder ihre Kollegen überwachen. Immer mehr schlechter bezahlte Menschen fehlen als Konsumenten und führen zu einer Stagnation, die seit 2008 ihresgleichen sucht. Die Spaltung der westlichen Wohlstandsgesellschaft in Prekariat und bedingungsloses Einkommen durch ererbtes Vermögen setzt sich immer schneller fort, der Mittelstand als Investitionsmotor stottert und muss immer mehr die Steuerlast tragen, die die weniger Erfolgreichen nicht tragen können und die sehr Vermögenden nicht tragen wollen.

Wachse die Wirtschaft nämlich langsam, so Piketty, steige die Ungleichheit in einer Gesellschaft, da Vermögen anders als Löhne unentwegt weiter wüchsen. Die Reichen hängen also die Mittelklasse gerade in Krisenzeiten, die derzeit fast alle Industrieländer durchmachen, schlichtweg ab.

Wegen diesen Entwicklungen gibt es neuerdings sogar Stimmen aus dem Silicon Valley, die das bedingungslose Grundeinkommen befürworten.
Wenn Vermögen schneller wächst als die Wirtschaft, bedeutet dies, dass sich eine Ballung an Macht aufbaut, die mit den realen Verhältnissen nichts mehr zu tun haben kann. In die gleiche Richtung argumentiert auch Prof. Rainer Mausfeld:

Die Hauptverantwortung einer Regierung in einer "Demokratie" ist, die Minorität der besitzenden Klasse gegen die Majorität der Nicht-Besitzenden zu schützen. Eine repräsentative Demokratie repräsentiert NICHT den Willen des Volkes. Die bewusste und intelligente Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften.

Neben diesen Problemen der Wohlstandsgesellschaft, die einem an das Schlaraffenland erinnern, begegnet man Nachrichten wie die heute aus Kenya, Kenia will gigantische Flüchtlingslager schließen oder wie die aus Äthiopien, „Die Menschen haben keine Reserven mehr“ und die üblichen Nachrichten aus Syrien, dass es wieder so und so viele Tote gegeben habe, neuerdings schiesst man ja auch auf Flüchtlingslager und baut Selbstschussanlagen an der Grenze zur Türkei.

In Kenya wie in Europa werden Flüchtlinge zu potenziellen Terroristen und vor allem Wirtschaftsflüchtlingen gemacht, damit man sich gleichzeitig als aufgeklärte Humanisten mit den richtigen Werten und wahrer Demokratie präsentieren und auf der anderen Seite die potenziellen Übeltäter alternativlos möglichst hart anpacken und mit ihnen kurzen Prozess machen kann. Die ganze (Verlust-)Angst der Wohlstandsgesellschaft wird so kanalisiert, dass man es ohne weiteres einsieht, dass sämtliche Kommunikation und Mobilität überwacht werden muss. Das Bild des faulen Einwanderers und Terrorists, der an unsere Honigtöpfe will, verstärkt den Willen zur Garantie eines Eigentums, von dem die meisten Bürger gar nicht so viel haben, dass sie zum Beispiel von einem Bankgeheimnis profitieren könnten oder sich über eine Briefkastenfirma von völlig unnötigen Steuern befreien könnten. Aber eben: die Mitglieder der syrische Familie, die vor dem Wahnsinn flieht, sind die potenziellen Terroristen, die uns das wenige, was wir haben, auch noch wegnehmen wollen – und selbstverständlich die Scharia einführen, vor der sie gerade geflohen sind. Warum und wieso der Konflikt überhaupt ausgebrochen ist und das heute noch täglich Bomben abgeworfen werden, bleibt kaum erwähnt.

Diese Gemengelage beschreibt Blom:

Die Moderne gibt uns enorme Freiheiten, Gestaltungsmöglichkeiten, doch sie entwurzelt uns damit auch. Sie mutet uns zu, uns selbst zu konstruieren. Und das ist schwierig, unbefriedigend, weil wir dann immer aus Kompromissen und Versatzstücken bestehen, wie ein kubistisches Gemälde. Wir haben nie diese tiefe metaphysische Ganzheit, nach der wir uns alle zu sehnen scheinen. Von dieser Anstrengung erlöst der autoritäre Traum.

Und Mausfeld ergänzt:

Fakten unsichtbar zu machen, gehört zum leichten Teil von Medien und Politik. Das gehört zu ihrem Tagesgeschäft. Die schwieriger Aufgabe - das gilt es zu erkennen - ist, ganze Denkmöglichkeiten unsichtbar zu machen. Das Verschwinden von Alternativen. Es gibt Experten - da können Sie Angela Merkel fragen - die sagen: unsere Zeit ist alternativlos. Wie kann man Alternativen zum Verschwinden bringen? Der erste Weg ist ganz real. Man eliminiert sie einfach. Es darf keine Alternative geben. Wie kann man Alternativen zu Kapitalismus und Neoliberalismus zum Verschwinden bringen? Durch System Change, Regime Change - das Austauschen von Regierungen.

Wir sollten uns fragen, ob die ganze Kakophonie, die die Medien täglich über uns ergiessen, wirklich alternativlos ist bzw. ob es tatsächlich um die Fragen geht, die man uns vorlegt. Die Diskussion um den Klimawandel wurde nachweislich durch Koch Industries mit sehr viel Geld gesteuert und wenn die 2 Grad Erwärmung tatsächlich eintreten, warnt Blom davor, die Folgen zu unterschätzen, denn mit Wirtschaftswachstum lassen sich die Folgen einer Übernutzung unserer Lebensgrundlagen kaum beheben. Selbstverständlich werden sich die Staaten, die den grössten Teil des CO2 Ausstosses verursacht haben, sich nicht in der Verantwortung sehen, die zerstörten Lebensgrundlagen von anderen zu entschädigen. Der Klimaflüchtling wird wohl der nächste Wirtschaftsflüchtling und hat wohl einfach Pech, wenn er auf der Flucht im Mittelmeer ertrinkt. Bei Blom kann man lesen:

Man kann die Umwälzungen annehmen und zu gestalten versuchen – oder negieren. Angela Merkels ursprünglicher Ansatz in der Flüchtlingspolitik war intelligent: Sie hat erkannt, dass es darum geht, das Flüchtlingsproblem anzupacken. Als sie keinen politischen Rückhalt fand, begann sie den türkischen Präsidenten Erdogan dafür zu bezahlen, dass er uns die Flüchtlinge vom Leib hält – egal wie.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar", ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung - und im übrigen sogar eine zutiefst christliche Auffassung. Wenn sich unsere Gesellschaft daran gewöhnt, dass diese Würde höchstens für «echte Flüchtlinge» bis zu einer tiefen Obergrenze gilt und alle anderen zuhause verhungern sollen, dann wir diese sehr dünne Schicht von Zivilisation brechen und die zwischenmenschliche Gefühllosigkeit auch bei uns stärker werden. Wahrscheinlich ist unser Stolz bis dahin über die Angst derart sturmreif geschossen, dass wir einsehen, dass es keine Alternative zu einem starken Führer geben kann. Denn dieser weiss, was für uns am besten ist, und wir sind selbstverständlich der alternativlosen Meinung, dass man ihn nicht kritisieren darf.

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