Probleme löst man nicht, indem man sie ignoriert

Gestern am späten Nachmittag sorgte eine um 16:26 Uhr abgesetzte Meldung von SRF für Aufregung. Laut SRF wurde das meistfrequentierte Schweizer News-Portal «20 Minuten» mit einem gefährlichen Schadprogramm infiziert. Bereits am Mittwochnachmittag sei die Melde- und Analysestelle Informationssicherung des Bundes, kurz «Melani», durch die Bundesverwaltung auf die von der 20-Minuten Webseite ausgehenden Infektionsversuche aufmerksam gemacht worden. Ohne Genaueres über die Ursache und Wirkung des Virus zu wissen, beschlossen mehrere Unternehmen und auch die Bundesverwaltung am frühen Donnerstagnachmittag vorausschauender Weise, den Online-Zugang zur 20-Minuten Webseite intern zu sperren.
Ich halte fest: Um 16:26 wurde die Öffentlichkeit, also auch die Nutzer von 20 Minuten, durch SRF (und nicht durch 20-Minuten) auf die Problematik aufmerksam gemacht. Das, obwohl bereits mehr als 24 Stunden zuvor Infektionsversuche von der 20 Minuten-Seite seitens der Behörden festgestellt wurden.
Wie auch immer. Die NZZ wusste bereits um 17:13 Uhr, dass es sich bei der Schadsoftware um den äusserst gefährlichen und aggressiven E-Banking-Trojaner «Gozi» handelt, der «Nutzerdaten an Server von Cyberkriminellen» sende. Mit diesen hochsensiblen Daten sind die Kriminellen dazu in der Lage, Geldtransaktionen vom E-Banking-System des Gehackten auszulösen.
Erst rund eine Stunde später (18:17 Uhr) trudelte dann auch ein Communiqué von 20 Minuten ein — ganze zwei Stunden nach der Publikation von SRF nota bene. Gemäss dem Communiqué von 20-Minuten seien sie erst am Mittag von Melani über die Sachlage in Kenntnis gesetzt worden. Laut einem Update wussten sie auch erst seit 18:23 Uhr, dass es sich um den Virus Gozi handelt, was die NZZ schon eine Stunde zuvor in ihrem Artikel festhielt.
Doch die grosse Frage lautet: Warum handelte 20-Minuten nicht gleich am Donnerstagmittag, nachdem sie (zumindest nach eigenen Angaben) erstmalig über die Sachlage in Kenntnis gesetzt wurde? Gemäss ihrem aktualisierten Comminuqué «wussten die Experten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, um welches Problem es sich handelte und wie akut es war». Das ist höchstens halbwahr. Denn Melani hatte 20-Minuten bereits am Mittag über den Angriff informiert, wenn auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Einzelheiten über das Virus bekannt waren. Ganze sechs Stunden liess 20-Minuten also ihre Nutzer wissentlich nicht nur in informationeller Unkenntnis, sondern setzte sie durch ihr Nichtstun auch direkt der Bedrohung aus.
Selbst als 18:23 Uhr auch dem letzten 20-Minuten-Redaktor die Tragik der Situation bekannt gewesen sein muss, wurden keine entsprechenden Massnahmen eingeleitet. Die infizierte Webseite war dem Massenpublikum bis zur vermeintlichen Beseitigung des Problems um 21:45 Uhr weiterhin zugänglich. Abgesehen vom mageren Communiqué hatte 20-Minuten weder auf auf Facebook noch auf Twitter ihre Leserschaft darüber informiert, dass die Webseite von einem äusserst gefährlichen Virus infiziert war. Nicht einmal das Communiqué wurde geteilt.
Doch als wäre das Beispiel gescheiterter Krisenkommunikation und -managment nicht schon perfekt, wurde heute bekannt, dass Gozi «aufgrund eines menschlichen Versagens» erst am Morgen gegen 10:15 Uhr endgültig gelöscht wurde. Die ganze Nacht hindurch konnte das Virus also weiter Nutzer infizieren.
Es fällt mir schwer, mich dem moralischen Vorwurf an 20-Minuten zu erwehren, dass sie aus reiner Profitgier ihre Nutzer einer enormen Bedrohung ausgesetzt haben. Sollte ein Nutzer nachweislich einen Schaden als Folge des ignoranten Verhaltens von 20-Minuten davongetragen haben, wäre wohl die Verletzung medienethischer Standards das geringste Problem.

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