Religion und Politik, passt das zusammen?

Auf dem Weg zur Sekte

Der erzkonservative Botschafter des Heiligen Stuhls beschwört den Zorn progressiver Schweizer Katholiken herauf. Es ist aber nicht an der Politik, den innerkirchlichen Konflikt zu lösen.

Es eilt, denn der Nuntius ist der Drahtzieher bei der Neubesetzung des Churer Bischofsstuhls. Ein weiterer Oberhirte, der wie Vitus Huonder und Wolfgang Haas mehr Unruhestifter als Integrationsfigur ist, würde der Kirche im ganzen Land schaden. Dadurch erhöhte sich das Risiko, dass sie von einer Volkskirche, die wie das gallische Dorf noch lebendig und vielschichtig ist, zu einer fundamentalistischen Sekte der «wahren Gläubigen» verkommt.
http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/auf-dem-weg-zur-sekte-1.18693845

Hier treffen rechtskatholische, erzkonservative auf liberale Positionen aufeinander. Sollte man nicht meinen, dass innerhalb einer Konfession Einigkeit herrscht und nicht im selben Bistum der einte ein reges Interesse an der sogenannten Lateinmesse hat und mit der erzkatholischen Piusbruderschaft sympathisiert und der andere den liberalen Katholizismus?

Alle Welt redet bedeutsam von der Wertefrage, von den Tugenden, vom Kampf der Kulturen, ja sogar von der Gottesfrage. Doch kaum jemand packt die Frage bei den Hörnern und versucht, direkt zu antworten. Es hat -zugegeben - auch etwas Größenwahnsinniges, eine Frage zu beantworten, der sich jahrtausendelang die gescheitesten und weisesten Menschen gewidmet haben, ohne zu abschließenden Ergebnissen gekommen zu sein. Dennoch glaubt man sich als schwacher Mensch nur nach der Lektüre von Bergen von hochgelehrten Büchern berechtigt, sich der Frage überhaupt zu nähern. Man hat Sorge, geistig aus den Latschen zu kippen, um ein bekanntes religionsgeschichtliches Motiv zu benutzen, wie Moses, der sich vor dem brennenden Dornenbusch in der Gegenwart Gottes seiner Sandalen entledigte.

Zugegeben, eigentlich bin ich Atheist und aus der Kirche ausgetreten. Aber ich kenne solche, die mir erklärten, wie sie den Glauben verloren haben. Es sind Erfahrungen, zum Beispiel mit einem merkwürdigen Pfarrer, wie eben diesen Nuntius Gullickson. Manche meinen, man muss diese Gründe ernst nehmen, denn wenn das Christentum darauf besteht, dass man in der Begegnung mit Menschen Gott begegnen kann, dann ist die Begegnung mit einem ernannten Religionsvertreter nicht irgendeine Begegnung.

Die besondere Brisanz kann man offenbar nicht einfach schnell mit der üblichen Antwort wegwischen: Man tritt doch nicht wegen einem blöden Pfarrer aus der Kirche aus! Denn, Hand aufs Herz, wer oder was ist denn die Kirche für viele? Die Theologen sagen: Die Kirche sind wir alle. Doch für den Einzelnen hat die Kirche mit konkreten Gesichtern zu tun und da ist der Pfarrer nun mal der Fels in der Brandung oder der Stein des Anstoßes. Denn was der durchschnittliche Christenmensch sonst so in der Öffentlichkeit und in den Medien von seiner Kirche erfährt, ist jedenfalls in der Regel nicht geeignet, schlechte Erfahrungen mit seinem Pfarrer oder anderen Berufschristen vergessen zu machen. Andererseits sind aber auch Pfarrer nur normale Menschen. Bloß dass die Schäfchen von ihnen normalerweise erwarten, dass sie üblicherweise immer gut drauf sind, uneigennützig, Tag und Nacht aufopferungsvoll tätig für ihre Herde. Zumindest in ländlichen Gebieten.

Und wenn man wegen des Pfarrers oder wegen eines unsympathischen Bischofs empört ist, dann sind die in der Regel überhaupt nicht zu erreichen. So bleibt die wütende Entfremdung von der Kirche und irgendwann der Austritt.

Aber zurück zu meinem Titel.

Politik von der Kanzel

Während der Weihnachtstage wird Politik nicht im Bundeshaus gemacht –, sondern vielerorts in der Kirche. Wofür sich die Pfarrer einsetzen.
http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/politik-von-der-kanzel/story/21201450

Ist die Zeit gekommen, um den Mitgliederschwund zu stoppen, auch in den Landeskirchen zu politisieren?

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