Unter Freunden

Seit Jahren schon treffen wir uns ungefähr einmal im Monat zu einem Herrenabend, um bei einer feinen Zigarre über allerlei Unpolitisches zu diskutieren, zu fachsimpeln oder über neue Ideen zu schwelgen. Dabei geht es immer über Gott und die Welt, oder natürlich um die Gemütlichkeit des chillenden abends einfach unter Freunden. Doch neulich durchbrach einer der Anwesenden die traute Runde mit einer Tabufrage, weil er von mir wissen wollte, wie ich denn zu dieser Durchsetzungsinitiative stehe. Kaum war die Frage ausgesprochen verspürte ich die Brisanz und die Sprengkraft, denn politische Diskussionen unter Freunden des Alltags können auch heftig und polarisierend ausfallen.

Bisher waren wir uns einig, lachen über dieselben Witze, haben generell denselben Geschmack, und sind auch beruflich aus demselben Holz. Darunter hat es Inhaber von Kleinunternehmen, leitende Angestellte oder Menschen mit grosser Lebenserfahrung. Aus meiner Warte alles interessante und weitgereiste Leute. Bei der gestellten Frage wurde mir aber schlagartig bewusst, dass keiner der Anwesenden einen Vornamen hat, welcher aus dem „Handbuch Schweizer Namenskunde“ stammt. Da gibt es den Arber, den Maurice, den Faustino, den Ernesto oder den Paolo. Könnte es sein, dass von meinen Freunden der Zigarrentafel gar niemand den Schweizerpass hat? Bisher hatten wir daran ja nie Interesse gezeigt, weil die Sessions sowieso rein Ausländisch gepolt waren. Wir verköstigen ja Kubaner, Nicaraguaner, Dominikaner oder Honduraner, ich meine jetzt Longfiller Zigarren.

Ein Dilemma. Zuerst lachte ich gepresst und führte an, dass wir Jungs uns doch jetzt nicht etwa in die niederen Gefilde der Politik herablassen wollen, doch es nutzte nichts. Sechs Augenpaare hefteten sich an meine Figur, neugierig bohrend. Also gut, ich gestand vorsichtig, dass ich diese Vorlage annehmen werde. Der „Pablo“ brach das Schweigen unter der Zustimmung der anderen Kollegen, dass wenn er Schweizer wäre, diese Vorlage auch annehmen würde. Danach staunte ich über die Argumente, welche dazu von allen angeführt wurden, und stellte ganz nebenbei fest, dass ich das einzige Mitglied der Runde war, der einen roten Pass besitzt, wir uns aber bei dieser politischen Frage restlos einig waren. Ich erzählte dann zum Abschluss noch die Novelle mit unserer Reinigungskraft Giuseppe, dem ich, wissend über seine Italienische Staatsbürgerschaft vorgeflunkert hatte, dass ich die Vorlage ablehnen würde. Und über sein Entsetzen darüber. Er sei schliesslich aus Süditalien in die Schweiz eingewandert, weil er von der Kleinkriminalität und der staatlichen Ohnmacht darüber restlos genug hatte. Und jetzt kämen genau diese „Lumpen“ in die Schweiz, und würden genau so weitermachen. Ich solle mir das nochmals überlegen, und unbedingt ein Ja einlegen. Lieber Giusi, das werde ich.

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