Sensationsjournalismus hat Hochkonjunktur und wird für politische Interessen schonungslos instrumentalisiert

Der "Islamische Staat" (IS, vormals ISIL und ISIS, heute auch fam. "Daesh") ist in aller Munde.

Paranoiker und Hysteriker in westlichen Parlamenten, Exekutiven und Redaktionsstuben feiern Urständ in Sachen Angst, Überwachung und Kontrolle der Gesellschaft. Lobbyisten der Rüstungs-, Security- und Überwachungs Industrie sowie Legionen von im Sold des Militärs, der Polizei, der Justiz und der Geheimdienste stehende mittelbare Nutzniesser des islamistischen Terrors bekommen wohl ebenso feuchte Augen wie die Faschisten unter uns: "the stakes are high!"

Im Vergleich zu vielen anderen Geisseln der Menschheit zollt der Terror vergleichsweise wenige Opfer. Trotzdem erhält er von Politikern und Medien des Westens eine unvergleichliche Aufmerksamkeit.
Das hat seine Gründe nicht zuletzt im westlichen politischen System, in dem permanenter Wahlkampf herrscht und Politiker keine Gelegenheit auslassen dürfen, um ihren Wählerinnen und Wählern Potenz zu beweisen: was begehrt ihr Herz also mehr, als sich im Angesicht des islamistischen Terrors mit markigen Sprüchen und militaristischem Säbelrasseln zu profilieren? Zu verdenken ist es ihnen nicht, denn würden sie auf der Terrorwelle nicht mitreiten, würden sie das Feld jenen überlassen, die gekonnt die Angst der Wählerinnen und Wähler bewirtschaften und damit nur die eigene Wiederwahl gefährden.

Ob aber politische Hysterie und Paranoia der Weisheit letzter Schluss sind, darf bezweifelt werden. Ebenso ob der mit der islamistischen Terrorgefahr beziehungsweise mit der Angst davor propagierte Ausbau der Überwachung und Kontrolle der Gesellschaft zur Terrorabwehr beiträgt. Klar ist nur, dass die Rüstungs- und Securityindustrie profitiert. Klar ist zudem, dass der Ausbau der Kontrolle und Überwachung der Gesellschaft auch noch ganz anderen Zielen der Mächtigen und Reichen zudient. Die Angst vor Islamismus und IS scheint im Prinzip vor allem jenen Kreisen zu nützen, die sich den Überwachungsstaat vor allem deshalb wünschen, damit sie sich sicher fühlen können, wenn sie ihren unermesslichen Reichtum in vollen Zügen geniessen, Yacht um Yacht, Porsche um Porsche, Villa um Villa horten, Bordellparties feiern oder mit dem Jet auf Einkaufstour gehen, während mit steigender Tendez Menschen und Familien trotz Arbeit am Anschlag des Existenzminimums darben. Die Angst vor Islamismus und IS erlaubt den Ausbau von Überwachung und Polizei, ohne Verdacht auf andere Absichten zu erwecken.

Die ständigen Medienberichte über den IS scheint die Förderer des Überwachungsstaats zu bekräftigen: Terror hier, Terror da, gefilmt und ins Netz gestellt vom IS höchst persönlich. Damit ist im Zeitalter der Medien wohl zu rechnen und zu leben. Auch wenn es surreal anmutet, dass eine stockkonservative Islamistenbewegung moderne Hilfsmittel wie Audio und Video und das Internet überhaupt anfasst. Denn Krieg heilige bekanntlich jedes Mittel.
Was aber trotzdem auffällt und Fragezeichen aufwirft: ist wirklich jedes angebliche IS Video vom IS? Die Medien nennen keine Quellen. Überprüfbar ist die Behauptung, es handle sich um ein IS Video, eigentlich nie, so auch zum Beispiel bei diesem 20min.ch-Artikel nicht: "Islamischer Staat sieht Schweiz als Feind"

Sensationalismus hat in den gewinnorientierten westlichen Medien sowieso Hochkonjunktur. Der IS ist da sowieso wohl ein gefundenes Fressen. Die Gier der Sensationsjournalisten kennt erwiesenermassen auch keine ethischen Grenzen, wie etwa die massive Attacke des "Blicks" auf einen Winterthurer Imam, der als "IS-Pate" betitelt wurde, erschreckend vor Augen führt. Deshalb soll es uns nicht erstaunen, dass all die angeblichen IS-Videos nie mit einer überprüfbaren Quellenangabe versehen sind. Erstens ist die Recherche für viele unserer Journos zu mühsam und für die Verlagshäuser zu teuer. Ausserdem läuft man zweitens auch nicht Gefahr, eine Fälschung als solche zu entlarven oder zumindest nicht als authentisch verifizieren zu können und konsequenterweise auf die Schlagzeile über ein neues, "echtes" IS-Video verzichten zu müssen. Dieser Krieg ist zur Zeit vor allem eines: ein Krieg der profitorientierten Medien und ihrer Nutzniesser in Politik, Wirtschaft und Industrie. Solchem Hetz-Journalismus muss der Stecker gezogen werden. Zu verlangen ist bei solchen heiklen Themen seriöse, fundiert recherchierte Berichterstattung, die für ihre Behauptungen auch den Nachweis erbringt.

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