Qualitätsmediale Realitätsverweigerung

Europa erlebt derzeit eine der furchtbarsten Flüchtlingskatastrophen der Neuzeit. Menschen, die von Krieg, Terror und repressiven Regimes gequält ihr Zuhause verlassen haben und in Europa Zuflucht suchen, bekommen wie ein Faustschlag ins Gesicht die menschenverachtende europäische Flüchtlingspolitik zu spüren.

Soll das der modus operandi sein, mit dem wir den von Gewalt gezeichneten Flüchtlingen begegnen? Ist das der Ausdruck des europäischen Humanismus, mit dem wir uns ach so gerne rühmen? Ist das das Bild von Europa, das wir in der Welt hinterlassen wollen? Gewiss nicht.

Während sich vor den Toren Europas grauenvolle Szenen abspielen und Menschen um das nackte Überleben kämpfen, bevorzugen es in ihren Furzsesseln sitzende Qualitätsjournalisten, ihre Leserschaft vor der den unangenehmen Bildern (welche nichts geringeres zum Ausdruck bringen als die Brutalität der europäischen Flüchtlingspolitik) zu schützen, indem sie sie als "massenmedialen Voyeurismus" [1] abtun und sich aus dieser vermeintlich höheren moralischen Position sogar noch zu profilieren versuchen. Das ist nicht bloss hochgradig bevormundend und ignorant, sondern kategorisch realitätsverweigernd. Jede/r Leser/-in hat das Recht auf die ungefilterte Realität, besonders dann, wenn sie sich innerhalb des politischen Verantwortungszirkels abspielt und auf das eigene asylpolitische Versagen zurückzuführen ist.

Die Süddeutsche Zeitung ging sogar noch weiter und fragte ihre Leserschaft völlig unverfroren:

"Muss man Ihnen als Leserin oder Leser das Bild eines toten Kindes zum Frühstück zumuten, damit unmenschliche Aspekte der Asylpolitik in Ihren persönlichen Diskurs rücken?"

Die Antwort ist: Ja - das soll ja gerade die Aufgabe der Medien sein: In kritischer Manier die Leserschaft auf unangenehme realpolitische Umstände aufmerksam zu machen. Den Finger da draufhalten, wo es wehtut. Und sicherlich nicht darin, den Leser/-innen frühstücksverträgliche Nachrichten aufzutischen.

Es wurde lang genug weggeschaut, weggehört, schöngeredet und nichtsgetan. Es ist höchste Zeit, dass die Medien vollumfänglich und unzensuriert über die Tragik der gegenwärtigen Flüchtlingskatastrophe berichten.


[1] Neue Zürcher Zeitung, 03.09.2015, "Zweifelhafter Betroffenheitskult" von Rainer Stadler - siehe hier.

[2] Süddeutsche Zeitung, 03.09.2015, "Was uns der tote Junge von Bodrum lehrt" von Stefan Plöchinger - hier geht's zum Artikel.

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