Vor 70 Jahren erfolgten die Atombombenabwürfe auf die japanischen Grossstädte Hiroshima und Nagasaki durch die USA. Sie waren ein monströses Verbrechen.

Der Tod einer Legende

Der amerikanische Historiker Gar Alperovitz legt die bisher umfassendste Studie über den Abwurf der beiden Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki vor. Die beeindruckende Arbeit des renommierten Wissenschaftlers macht einer systematisch gepflegten Geschichtslegende den Garaus.

Für den Einsatz der Atombomben bestand keine militärische Notwendigkeit. Der Einsatz erfolgte auch gegen den fast geschlossenen Widerstand der führenden Militärs.

Zum Zeitpunkt der Atombombenabwürfe war Japan militärisch bereits besiegt. Das Land hatte überdies seine Bereitschaft zur Kapitulation bereits mehrfach signalisiert - u.a. auch über Schweizer Kanäle.

US-Präsident Truman und seinem Aussenminister Byrnes waren diese Fakten bekannt. Trotzdem entschieden sie sich für den Einsatz des schauerlichsten Mittels der Massenvernichtung. Damit war der Kalte Krieg und das ruinöse Wettrüsten im Weltmassstab lanciert.

»Es war nicht nötig, dieses furchtbare Ding auf sie abzuwerfen.«

  • US-Präsident Eisenhower 1963.

»Der Abwurf der Atombombe mit seinem unterschiedslosen Töten von Frauen und Kindern erfüllt mich mit Abscheu.«

  • Herbert Hoover, ehemaliger US-Präsident, 1945.

»Die Japaner waren schon besiegt und bereit zu kapitulieren.«

  • US-Admiral William D. Leahy, Stabschef von Präsident Truman, 1950.

»Die Bereitschaft, Atomwaffen gegen andere Menschen einzusetzen - gegen Menschen, die wir nicht kennen, die wir nie gesehen und über deren Schuld oder Unschuld wir nicht zu befinden haben - und so die natürliche Struktur zu gefährden, auf der alle Zivilisation beruht, als wären die Sicherheit und die vermeintlichen Interessen unserer Generation wichtiger als alles, was es je in der Zivilisation gegeben hat oder geben könnte, ist doch nichts anderes als eine Anmassung, eine
Blasphemie, eine Schande - eine Schande monströsen Ausmasses, die wir Gott antun!«

  • George F. Kennan, prominenter US-Historiker und ehemaliger Spitzendiplomat, 1982.

Alperovitz, Leiter des National Center for Economic Alternatives in Washington D.C., erforscht die amerikanische Atompolitik seit über dreissig Jahren. Bereits seine Doktorarbeit aus dem Jahr 1965 versetzte dem offiziellen Mythos um Hiroshima empfindliche Schläge und löste unter Historikern und in der amerikanischen Öffentlichkeit heftige Kontroversen aus. Seither sind zum Thema eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten geschrieben worden. Alperovitz wertet sie in seiner neuen Arbeit akribisch aus und vergleicht sie mit den Ergebnissen seiner umfangreichen neuen Archivstudien.

Ein beträchtlicher Teil dieser Archivstudien war wegen der rigiden Geheimhaltungspolitik erst in den letzten Jahren möglich - seit auch die US-Regierung den Kalten Krieg offiziell für (siegreich) beendet erklärt hat. Vor diesem Zeitpunkt hatte die staatliche Zensur groteske Ausmasse angenommen. Allein im US-Energieministerium, einer für die Atompolitik zentralen Amtsstelle, waren 23 Millionen Seiten Akten als geheim eingestuft. An der Allmacht der staatlichen Zensoren fand die Forschungsarbeit einer ganzen Generation anerkannter Wissenschaftler ihre Grenzen. Wie Alperovitz darlegt, dämpfte das Strafrecht den Forscherdrang zusätzlich. Verstösse gegen die Geheimhaltungsmanie zogen drakonische Strafen nach sich. Je nach politischer Opportunität bis zu lebenslänglicher Haft oder gar die Gaskammer. Und das im freiesten Land der Welt.

Amerikanische Schulkinder lernen bis auf den heutigen Tag, dass erst der Abwurf der Atombomben die Kapitulation der Japaner bewirkt habe. In der US-amerikanischen Öffentlichkeit herrscht bis heute der Glaube vor, dass damit das Leben vieler amerikanischer Soldaten gerettet worden sei. Präsident Truman nannte verschiedentlich die phantastische Zahl von einer Million Mann.

Dass es sich bei beiden Versionen um gezielte Täuschungen der US-Staatspropaganda handelt, hat die historische Forschung indes hinlänglich nachgewiesen. Alperovitz geht ausführlich darauf ein. Alperovitz schreibt: »Noch immer befremdet viele Amerikaner der Gedanke, dass zwischen dem Bombenabwurf auf Hiroshima und der diplomatischen Strategie gegenüber der Sowjetunion ein Zusammenhang bestehen könnte.« So ist zum Beispiel nur wenigen Menschen in den USA bekannt, was Albert Einstein 1946 zu diesem Themenkomplex geäussert hat. Einstein war überzeugt davon, dass die Atombomben abgeworfen wurden, »weil man den Krieg im Pazifik unbedingt ohne die Mitwirkung der Russen beenden wollte». Der Physik-Nobelpreisträger sagte auch offen: »Ich bin sicher, dass das unter Präsident Roosevelt nicht möglich gewesen wäre. Er hätte so etwas verboten.«

»Der Abwurf der Atombombe war nicht so sehr die letzte Kriegshandlung des Zweiten Weltkrieges, sondern vielmehr die erste grosse Kriegshandlung im kalten diplomatischen Krieg mit Russland.»

  • P.M.S. Blackett, britischer Nobelpreisträger für Physik, 1949.

Die Verantwortlichen für die Bombenabwürfe unternahmen nach dem Krieg alles, um ihre wahren Beweggründe zu vertuschen und zu verschleiern und der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen. Allen voran Präsident Truman, Kriegsminister Stimson und Aussenminister Byrnes lieferten sich einen eigentlichen Wettstreit im Verbreiten tatsachenwidriger Darstellungen.

Byrnes, immerhin ein ehemaliger Richter, schreckte selbst vor der eigenhändigen Manipulation von Akten in den staatlichen Archiven nicht zurück.

»Byrnes war bis ins Mark unehrlich.« Diese Feststellung trifft der US-Historiker Robert Messer. »Zu Byrnes´ Bemühungen, die Geschichte zu manipulieren, gehören das Korrigieren, das Retuschieren und manchmal das eigenhändige Fabrizieren von Material zu seiner Vergangenheit, wie sich sich in den offiziellen Dokumenten und andern Quellen darstellte.«
(…)
»Die Art und Weise, in der Byrnes seine persönlichen Unterlagen manipulierte, überschreitet die Grenzen vornehmer Unaufrichtigkeit. Eine umfassende Untersuchung dieser archivierten Dokumente führt unweigerlich zu der Schlussfolgerung, dass systematisch an ihnen herumgefeilt wurde.«

Alperovitz´ Herkulesarbeit ist das Nonplusultra der modernen amerikanischen
Geschichtsschreibung. Sein umfangreiches Buch gewährt einen atemberaubend tiefen Einblick in die Teufelsküche der Weltmacht USA. Es ist in höchstem Masse beunruhigend, dass selbst in einem demokratisch verfassten Staatswesen das eigentliche Machtzentrum bar jeglicher Kontrolle zu agieren und Entscheide von höchster Tragweite zu fällen vermag.

Ein besseres Argumentarium für eine starke weltumfassende Friedensbewegung lässt sich gar nicht denken.

Gar Alperovitz: »Hiroshima.« Die Entscheidung für den Abwurf der Bombe. Deutsch von Jürgen Bauer, Fee Engemann, Suzanne Annette Gangloff, Cornelia Langendorf, Annegrete Lösch und Edith Nerke. Hamburger Edition, Hamburg 1995, 963 S., 78.- Franken.

Quelle: »Unsere Welt« (Basel), September 1996

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