Bundesfeier 2015 im Schweizer Freilichtmuseum Ballenberg Ansprache von Ruedi Lustenberger

Als ich heute Morgen das Museumsgelände betrat, habe ich bewusst den Osteingang benutzt. Auf dem Weg durch das Museumsgelände hierher besuchte ich vier Objekte: das Wohnhaus von Blatten und die Kapelle von Turtig, das Bauernhaus von Lancy und das Bauernhaus von La Chaux-de-Fonds.

Ce matin, en arrivant sur le site du musée, j’ai délibérément choisi d’y entrer par la porte est. En cheminant parmi les bâtiments, j’ai visité quatre objets: la maison d’habitation de Blatten, la chapelle de Turtig, la ferme de Lancy et la ferme de La Chaux-de-Fonds.

Chers amis de la Confédération
Cari amici della Svizzera italiana
Caras convischinas e cars convischins dalla Svizra romontscha
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

Sie haben es natürlich bemerkt – es ist kein Zufall, dass ich diese vier Objekte ausgewählt habe. Wir feiern bekanntlich heuer das 200-Jahr-Jubiläum des Beitritts von Wallis, Neuenburg und Genf zur Eidgenossenschaft. Das ist ein gutes Ereignis, sowohl für die drei Kantone wie auch für die Eidgenossenschaft als Ganzes.

Genau genommen hat dieses Ereignis ihren Anfang damals nicht in der Schweiz genommen, sondern am Wiener Kongress. Als Europäer und als Eidgenossen zollen wir – nach 200 Jahren – den damaligen Diplomaten am Wiener Kongress, angeführt vom Gastgeber Fürst von Metternich, hohen Respekt. Die Grenzen innerhalb Europas wurden dort festgelegt, in den grossen Linien sind sie bis heute so geblieben. Auch das Territorium der Schweiz wurde damals abgesteckt: Wallis, Neuenburg und Genf vervollständigten 1815 die Eidgenossenschaft. Und seither ist es so geblieben.
Für unser Land mindestens so wichtig ist die vom Wiener Kongress anerkannte «immerwährende bewaffnete Neutralität und die Unabhängigkeit von fremdem Einfluss durch die europäischen Grossmächte». Wenn ich Ihnen, meine Damen und Herren, dies hier und heute in Erinnerung rufe, so in der Hoffnung, dass der Ruf bis ins Bundeshaus und speziell auch ins diplomatische Corps erschallen möge.

Um eine Brücke vom Wiener Kongress zum Ballenberg zu schlagen, versuche ich es mit dem Schriftsteller Charles Joseph Fürst de Ligne, Diplomat in österreichischen Diensten. Von ihm stammt das Bonmot «Le congrès danse beaucoup, mais il ne marche pas» (auf Deutsch: Der Kongress tanzt, aber er geht nicht weiter).

Seit der Grundsteinlegung des Freilichtmuseums hier im Ballenberg wurde zwar ab und zu an Veranstaltungen auch getanzt, aber sicher nicht so viel wie am Wiener Kongress. Hingegen hat man sich hier auf dem Ballenberg ebenfalls Zeit genommen, man ist Schritt für Schritt vorwärtsgegangen und hat innerhalb von 37 Jahren ein grossartiges Werk errichtet, das seinesgleichen in dieser hohen Qualität auf der ganzen Welt sucht. Der heutige Tag eignet sich ausgezeichnet, um den Verantwortlichen von damals und heute zu danken und ihnen unseren Respekt zu erweisen. Viele sind heute hier anwesend, stellvertretend erwähne ich den Vizepräsidenten des Stiftungsrates, alt Nationalrat Franz Brun.
Hier auf diesem 66 ha grossen Gelände begegnen wir der Eidgenossenschaft in ihrer vielfältigen Geschichte und in ihrer mannigfaltigen Kultur. Jeder Kanton findet sich mindestens in einem historisch wertvollen Objekt. Jeder Schweizer, jede Schweizerin fühlt sich von einem Objekt besonders angezogen – ich beispielsweise habe das Escholzmatter Bauernhaus noch gekannt, als es an seinem originalen Standort war. Man fühlt sich hier im Freilichtmuseum zu Hause und ist stolz auf die eigene regionale, kantonale und vor allem nationale Geschichte.

Ich habe eingangs das Jahr 1815 erwähnt. Am 7. August 1815 wurde der sogenannte Bundesvertrag in Kraft gesetzt und die Schweiz war wieder als loser Staatenbund konstituiert. So ist es während der Restauration und Regeneration dann auch geblieben bis 1848. Und seither, also seit nunmehr 167 Jahren, ist die Eidgenossenschaft ein moderner Bundesstaat, der seinesgleichen sucht in Europa und der ganzen Welt. Die Verfassungsgeber von damals haben ein Meisterwerk entwickelt. Sie schufen aus dem heterogenen Staatenbund:
eine kleine, mehrsprachige Willensnation, die auf Gleichberechtigung beruht und gleichwohl die Eigenheiten der Minderheiten berücksichtigt.
ein Land, das sich auf die Grundpfeiler des Föderalismus und der Subsidiarität abstützt.

ein Land, in dem nach 1874 die direkte Demokratie auch auf Bundesebene erfunden wurde und die Solidarität und gegenseitige Hilfestellung eine der wichtigsten Grundlagen der Gesellschaft ist.
und ein Land, das dank seiner bewaffneten Neutralität als souveräner Staat in der internationalen Gemeinschaft respektiert und geachtet wird.
Seit über 160 Jahren pflegen wir nun diese Errungenschaften. Wir entwickeln sie weiter und passen sie laufend neuen Herausforderungen an. Es sind durchwegs solid gewachsene Säulen, auf denen unser Erfolg, unsere Stabilität und unser Wohlstand beruhen. Gute Gründe also, auch einmal dankbar zu sein und durchaus auch ein wenig stolz auf uns selbst.
Wir haben es geschafft, ein System mit eigenen Werten zu bauen und die vielfältige, farbige Schweiz so zum Erfolgsrezept zu machen. Wir vereinen auf einer kleinen Fläche vier Landessprachen, eine grosse Kulturvielfalt und pflegen eine einmalig grosse Autonomie der Gemeinden und der Regionen. Unser Erfolg ist massgebend begründet im Umgang mit unserer grossen Vielfalt, die sich über die Zeit kontinuierlich auch verändert. Seit den ersten Bündnissen der alten Eidgenossen 1291 befindet sich die Schweiz stetig in einem Integrationsprozess. Diesen Prozess hat sie bis anhin ganz gut bewältigt.

Ein enorm wichtiges staatspolitisches Element ist das gegenseitige Vertrauen im Innern der Eidgenossenschaft. Der Begriff mag inzwischen etwas Staub angesetzt haben und aus dem Vokabular der jungen Generation verschwunden sein, doch die Schweiz ist (und bleibt) eine Willensnation.
Ernest Renan, ein gebürtiger Bretone, also Angehöriger einer Minderheit in Frankreich, hat sich Ende des 19. Jahrhunderts Gedanken darüber gemacht, was das Wesen einer Nation ausmacht. Ihr Fundament sei die Verarbeitung von gemeinsamen Erfahrungen in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Es seien die gemeinsamen Erinnerungen und Schicksale sowie die grossen Persönlichkeiten, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Oder in Ernest Renans Worten ausgedrückt: «Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eins gehört der Vergangenheit an, das andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch, zusammenzuleben.»

Unser Land bildet – um auf Ernest Renan zurückzukommen – einen grossen solidarischen Zusammenhang, der den Wunsch weckt, das gemeinsame Leben fortsetzen zu wollen. Ja, die Schweiz ist eine Nation mit einer Seele, in der sich die grosse Vielfalt und alle ihre Minderheiten vereinigen. Wenn man die jüngsten Entwicklungen in der EU und in der Währungsunion betrachtet, darf man sich fragen, ob diese Seele, dieses geistige Prinzip dort jemals in genügendem Mass vorhanden war und noch ist.

Die Schweiz ist gut beraten, auch davon etwas zu lernen. Die aktuelle Diskussion im Zusammenhang mit dem bundesstaatlichen Finanzausgleich etwa mahnt zu Vorsicht, Bescheidenheit und Demut. Und das auf beiden Seiten, bei den Empfängern und den Gebern.

Es gäbe noch viele Gedanken am heutigen 1. August, in diesem Gedenkjahr 2015:
700 Jahre sind vergangen seit der Schlacht bei Morgarten.
600 Jahre ist es her, dass die alten Eidgenossen den Aargau eroberten.
Vor 500 Jahren kämpften bei Marignano die Söldner aus den 13 alten Orten nicht miteinander, sondern gegeneinander.

Alle drei Ereignisse verdienen einen historisch wertvollen Platz in der Nationalgeschichte der Eidgenossenschaft. Das Jahr 1815 überstrahlt sie insofern, als es in erster Linie nicht nur nationale, sondern europäische, wenn nicht Weltgeschichte geschrieben hat. Mittendrin, mindestens geografisch betrachtet, die Schweiz. Damals, 1815, hat der Wiener Kongress der Eidgenossenschaft den Sonderstatus der immerwährenden, bewaffneten Neutralität zugeordnet. Das ist bis jetzt von aussen so respektiert und im Innern so bewahrt worden. Wir tun gut daran, weiterhin dafür besorgt zu sein.

Ich wünsche Ihnen allen einen frohen 1. August.

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