Entwicklungshilfe - der Grund aller Probleme?

Ist die Entwicklungshilfe wirklich so sinnvoll und zielführend, wie man das im Allgemeinen denkt und erwartet? Geht es nur noch um die Beruhigung des westlichen Gewissens, dem "armen" Afrika zu helfen? Ist es die Ethik, die uns verpflichetet, auch wider besseren Wissens? Jüngste Zahlen zeichnen ein erschreckendes Bild, wenn es um die Bevölkerungs-Entwicklung geht. Momentan gehen die groben Schätzungen davon aus, dass bereits über 1,1 Mia. Menschen in Afrika leben. Im Jahr 1980, d.h. vor gut 30 Jahren, waren es noch nicht einmal 500 Mio, d.h. die Hälfte. Die Bevölkerungs-Explosion geht unvermindert weiter, und man schätzt Afrika im Jahr 2050 auf 2 Mia. Menschen, und diese Schätzung ist sogar noch tief angesetzt. Die Realität dürfte diese Zahl sogar noch übertreffen. Andere sprechen eher von 2,5 Mia. Menschen, d.h. so viele wie China und Indien heute zusammen.

Wie enorm dieses Wachstum ist, zeigen Geburtenraten. Spitzenreiter weltweit ist hier der Niger mit einer fast unglaublichen (ich musste es selber aus verschiedenen Quellen überprüfen, um es glauben zu können) durchschnittlichen Geburtenrate von 7,5 Kindern pro Frau. Und wir reden hier von einem der ärmsten Ländern der Welt, welches unter unterschiedlichsten, schweren Problemen zu leiden hat. Lange, gravierende Dürreperioden, Heuschreckenplagen, ein fast durchgehender Analphabetismus und eine sich immer weitere Ausbreitung der Wüste sind nur einige davon. Dazu kommt die latente und steigende Gefahr vom Einfliessen von Terrorgruppen wie IS und Boko Haram. Der Niger liegt in einer kritischen Zone mit instabilen Ländern wie Tschad, Mali, Nigeria und Algerien, allesamt mit mehr oder weniger grossen Problemen mit Terrorismus und Extremismus sowie Spannungen zwischen Volksgruppen.

Wir alle erinnern uns vielleicht noch an die legendären Aufrufe vom inzwischen verstorbenen Karlheinz Böhm, oder das Live-Aid-Konzert von Bob Geldof, welches eine ganze Generation prägte und damals ein vorher noch nie dagewesenes Medienereignis darstellte. Sie machten die Welt aufmerksam auf die Hungerkatastrophen, die sich in Afrika abspielten, und sie zeigten rührende Bilder von Menschen mit aufgeblähten Bäuchen, die wie die Fliegen starten, von Hungersnot gezeichnet. Keine Frage, die Absichten dieser Initiativen waren sicher nobel und ehrenwert. Sie spielten und spülten Geld in die Kassen diverser Organisationen, ob nun christliche Missionars-Vereine oder säkulare Organisationen, die den Menschen vor Ort helfen wollten. Allesamt mit guten Absichten ausgestatten, zogen sie in einen Kreuzzug, um Afrika vor dem Hunger zu retten. Doch was war das eigentliche Ziel davon? Machten sich die Helfer und ihre Spender wirklich Gedanken, wie Afrika langfristig und nachhaltig davon profitieren kann? Denn es müsste doch jedem klar sein, dass dies kein Dauerzustand werden kann, vor allem weil der Westen, und insbesondere Europa, selber vor immer grösseren Problemen steht. Die Schuldenkrise, und paradoxerweise ein Bevölkerungs-Rückgang, eine Überalterung der Gesellschaft in den meisten Ländern sind Probleme, die es in den nächsten Jahrzehnten zu lösen gibt, ansonsten wird Europa selber zum Krisenfall und Hilfsempfänger, weil man durch seine eigene Schwäche ausgehöhlt wird.

Doch warum haben die Afrikaner so viele Kinder, obwohl sie von vornherein wissen, dass sie kaum ernährt werden können. Ein interessanter Artikel in der "Zeit" beleuchtet diesen Zustand sehr gut, auch wenn er schon einige Jahre alt ist, doch seine Aktualität ist ungebrochen. Die Gründe sind relativ einfach gestrickt. Kinder gelten vor allem als billige Arbeitskräfte, und von denen braucht es viele. Um noch ein mal kurz zum Niger zurück zu kehren. Niger ist der grösste Uranproduzent Afrikas, und aus der Kolonialgeschichte und seiner Verbindung mit Frankreich ist es nur offensichtlich, dass die "Grande Nation" auch der grösste Abnehmer ist. Doch von diesem Geschäft profitieren wie auch sonst überall auf der Welt, aber besonders in Afrika, nur ganz wenige im Land. Die Elite, die sich korrupt und wenn nötig durch Gewalt an der Macht hält. Dikatoren, die sich mit einer Schein-Demokratie schmücken, sind an der Tagesordnung, wie es auch im Niger der Fall ist. Und der überwiegende Rest der Bevölkerung leidet an bitterer Armut. Ein weiterer Grund für diese "Kinderflut" ist die Absicherung der Eltern, die im Alter jemand benötigen, der sich um sie kümmert. Von sozialen Netzen wie in Europa kann in diesen Gegenden keine Rede sein. Ein Rentensystem ist komplett unbekannt.

Eine ganz besondere Rolle im enormen Bevölkerungswachstum, und eine die immer vergessen wird, ist jedoch ein ganz anderes Phänomen. Dies ist mitunter auch ein Grund, wieso Demokratien nach westlichem Muster in Afrika kaum eine Chance haben, weil der Grundgedanke sich damit einfach nicht verträgt und es daher auch immer wieder zu schweren ethnischen Konflikten, Scharmützeln und ausgewachsenen Kriegen kommt. Es sind die Clans, Familiengruppen, Ethnien. Diese geben einen undurchsichtigen Mix von Spannungen, der selbst für Einheimische manchmal nicht mehr zu erklären ist. Jede Gruppe will in der Mehrheit sein, um Macht über andere ausüben zu können, und deshalb sehen es Stammesführer, Clan-Chefs usw. gar nicht gern, wenn verhütet wird oder die Geburtenrate sinkt. Sie torpedieren westliche Massnahmen zur Verhütung und Bevölkerungskontrolle mit allen Mitteln (wenn nötig auch mit Gewaltandrohung). Dass viele dann an AIDS erkranken, nehmen sie billigend in Kauf, ebenso den Fakt, dass viele Kinder später verhungern. Deshalb laufen viele Entwicklungs-Hilfen völlig ins Leere, einer der Gründe, wieso sie nur beschränkt hilft.

Der Anteil der Kinder in Afrika ist besonders hoch, wer einen Artikel über Kinder in Not sucht, ist bei "SOS Kinderdörfer" gut bedient. Diese Tatsache mag auf den ersten Blick positiv klingen. Doch es ist eben nur positiv, wenn diese eine angemessene Zukunft haben. Und bei vielerorts nicht vorhandenen Infrastrukturen, Arbeitsplätzen und Industrien wechselt dieses Bild schnell ins Negative. Irgendwann werden daraus Jugendliche und junge Erwachsene, die einen Sinn und eine Perspektive für die Zukunft suchen. Und da gibt es verschiedene naheliegende Optionen. Eine Option ist, sich extremistischen Gruppierungen anzubieten, die zudem oft ein geringes Gehalt zahlen. Das schürt die Probleme zusehends und stürzt viele Länder Afrika von einem Konflikt in den nächsten. Eine andere Möglichkeit ist es, den Weg z.Bsp. nach Europa zu suchen. Momentan halten sich die Ströme der Menschen aus Westafrika nach Europa noch in Grenzen, die meisten kommen aus anderen Gebieten wie Eritrea, Äthiopien, Libyen und Somalia. Doch es ist abzusehen, dass sich dies in naher Zukunft ändern wird, und dann wird Europa noch vor einer viel grösseren Herausforderung als heute gegenüber sehen.

Ist Europa auch Schuld an der Situation und am Hunger in Afrika. Selbstverständlich! Auch wenn es nicht alle so extrem sehen wie der unermüdliche (und manchmal übertreibende) Kämpfer Jean Ziegler, doch es ist schon schwer zu verstehen und gerade zu grotesk und paradox, wenn teure (aber hoch subventionierte) Lebensmittel aus Europa auf afrikanischen Märkten oder in Geschäften billiger sind als einheimische, lokale Produkte. Zudem sorgt die Flut von über Hilfsorganisationen gelieferten Nahrungsmittel in einigen Regionen dazu, dass diese in dunklen Kanälen verschwinden und nicht etwa kostenlos verteilt werden, sondern teuer verkauft. Und selbst wenn sie tatsächlich an die Bedürftigen verteilt werden, hat das nicht nur positive Auswirkungen. Die Menschen machen sich abhängig von den Lieferungen. Regierungen spielen und rechnen damit, dass sich diese Organisationen um ihre Landsleute kümmern. Warum sollte (ein überdies korrupter) Staat eine vernünftige Wirtschaft und Infrastruktur schaffen, wenn dies doch durch das Ausland frei Haus geliefert wird.

Die afrikanische Ökonomin Dambisa Moyo sagt, wie sehr diese Hilfen nur den Mächtigen in Afrika helfen und Afrika in noch mehr Abhängigkeit stürzen. Sie schlägt als Lösungen echte Direkthilfe, Mikrokredite und Anleihen vor. Ob China die Lösung für die Probleme ist, darf angezweifelt werden. Das Reich der Mitte investiert Unsummen in Afrika, stützt jedoch vor allem autoritäre Regimes, die eine Ausbeutung der Ressourcen garantieren und Menschenrechte nicht unbedingt als Priorität ansehen, um es vorsichtig auszudrücken, Und der Hunger China ist noch längst nicht gestillt. Und dass Europa, die USA und China nicht unbedingt an einer Besserung in Afrika interessiert ist, zeigen auch die zunehmenden Waffenausgaben in Afrika. Die Waffenlobby profitiert vom Elend, und das vielleicht noch mehr als die grossen Konzerne aus Nahrungsmittel-Industrie oder Energie-Konzerne.

Wie sehr ist der Rest der Welt also mitschuldig am Elend Afrikas? Länder und Konzerne beuten die Länder ohne Rücksicht aus sie predigen Fairness und Hilfe, profitieren aber alleine und nehmen den Menschen vor Ort jede Lebensgrundlage. Afrika hat unglaublich hohe Rohstoff-Vorkommen, doch sie sind für die Menschen vor Ort nicht zugänglich oder nützlich. Sie leiden und sterben auf einem wahrlich reichen Kontinent, der über das Potential zu wirtschaftlicher Grösse hätte. Aber eben nur in der Theorie.

Die erwähnten Probleme zeigen auf, wo die Probleme Afrikas liegen. Ethnien, Clans, korrupte Regierungen sorgen für ein Klima der kleinen Elite, die über die grossen Massen herrscht und einen Wirtschaftsaufschwung in eigenem Interesse verhindert. Der Westen, zusammen mit China, mit ihren Konzernen, Staaten und Hilfsorganisationen, helfen oberflächlich und kurzfristig, doch längerfristig wird das Problem noch verschlimmert. Dies führt zu einer gewaltigen Bevölkerungsexplosion aus den am Anfang erläuterten Gründen, die dann die Probleme vor Ort in einem Teufelskreis verschlimmern, und vor allem Europa ein immer schlimmer werdendes Problem von Flüchtlingen beschert. Ein Problem, welches in den nächsten Jahren Europas Sozialsysteme zum Kollaps bringen könnte. Die meisten Flüchtlinge sind wirtschaftlich motiviert, wollen ein besseres Leben, während ein geringerer Teil auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind. Diese Trennung ist nur für uns relevant, ein Flüchtling wird sich diese Frage kaum stellen, er will einfach ein anderes Leben, egal wo. Wenn Europa überleben will, muss es endlich seine Politik ändern und vor Ort direkt helfen, und zwar nachhaltig. Man darf zweifeln ob dies gelingt, vor allem weil China und die USA oft entgegen gesetzte Interessen verfolgen. Wie diese Zukunft dann für Europa aussieht, kann sich ein Bild in Marseille machen. So könnte es bald in vielen Städten des alten Kontinents aussehen.

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