Soziale, wirksame Lösungen für die wirtschaftlichen Probleme - die Forscher hätten Analysen und Vorschläge, doch ihre Chefs kennen sie offenbar nicht

Nach wie vor fast mantramässig predigen die Vertreter der EU-Institutionen den südlichen Euro-„Krisenländern“ so genannte Reformen. Im Fokus ist immer wieder der Arbeitnehmerschutz, der zu stark sei und die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen würde. So sahen es auch viele ÖkonomInnen zu Beginn der Eurokrise: Die „Ungleichgewichte“ zwischen den südlichen Krisenländern (Spanien, Portugal, Italien, Griechenland) und den „Überschussländern“ (Deutschland u.a.) seien zu einem grossen Teil auf die vergleichsweise zu hohen Lohnstückkosten in den Krisenländern zurückzuführen seien (s. z.B. die Analyse der EU-Kommission aus dem Jahr 2009).

Mittlerweile hat sich in die wirtschaftswissenschaftlichen Forschung aber stark weiterentwickelt. Leider sind die Erkenntnisse noch nicht oder nur bruchstückhaft bei den Vorstehern der internationalen Organisationen und den Politikern angekommen. Die Europäische Zentralbank hat im März 2012 ein Netzwerk von ÖkonomInnen aus verschiedenen europäischen Ländern eingerichtet, das den Auftrag hat, die Fragen der Wettbewerbsfähigkeit zu klären (CompNet). Dieses Netzwerk nahm den Auftrag ernst und veröffentlichte eine Fülle von Forschungsberichten, welche die viel zu einfache Sicht der „Reformer“ in wesentlichen Punkten in Frage stellten. Seit Juni liegt ein Abschlussbericht vor. Das CompNet kam beispielsweise zum Schluss, dass die in der Politik verwendeten aggregierten, durchschnittlichen Lohnstückkosten für die Exportaktivität in den meisten Ländern keine oder nur eine geringe Rolle spielen würden. Weil für den Absatz viele nicht-preisliche Faktoren wie die Art und die Qualität der Produkte, die Hauptabsatzregionen, die internationale Arbeitsteilung (internationale Wertschöpfungsketten) usw. eine wichtige Rolle spielen. Dazu und zu vielen weiteren Aspekten hat das CompNet Daten gesammelt und Indikatoren entwickelt.

Bedauerlicherweise wurden die Arbeiten bisher kaum zur Kenntnis genommen, obwohl sie für die Lösung der Probleme Wichtiges beitragen könnten. Positiv ist aber: Spätestens seit der Finanzkrise hat in zahlreichen internationalen Organisationen wie der OECD oder dem IWF eine intensive Forschungstätigkeit zu einem wirtschaftspolitischen Umdenken geführt. Wie bereits im vorherigen Blog beschrieben, wird beispielsweise der Arbeitnehmerschutz oder die Rolle der Gewerkschaften in einem anderen Licht gesehen. Die OECD sieht im gestern veröffentlichten Employment Outlook dringenden Handlungsbedarf bei der Aus- und Weiterbildung der Arbeitskräfte und Arbeitslosen, damit nicht eine steigende Zahl der Erwerbspersonen zwischen Arbeitslosigkeit und prekären, schlecht bezahlten Stellen hin und her pendeln müssen. Warum beispielsweise im Fall von Griechenland nicht eine einigermassen leistungsfähige Arbeitslosenversicherung als Reformmassnahme zur Diskussion steht ist angesichts der schlechten Leistungen dieser Versicherung nicht nachvollziehbar. Sie würde die Nachfrage stabilisieren helfen und gäbe den Betroffenen die Möglichkeit, sich neu zu orientieren.

Mit all diesen Arbeiten haben die ForscherInnen eine wichtige Basis für eine wirksamere Wirtschaftspolitik gelegt, die auch in der Bevölkerung eine grössere Akzeptanz haben wird, als die gegenwärtige. Unverständlich ist, dass die Führungsfiguren in der Politik und in den internationalen Organisationen mit veralteten Erkenntnissen arbeiten. Hier wäre dringend Weiterbildung nötig.

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