Jenische klagen beim Presserat: "Wir sind Menschen, nicht Symbolbilder!" Immer öfter werden Personen ohne Zusammenhang als "Symbolbilder" missbraucht.

„Es ist noch nicht lange her, da wurde mal ein Frankenstück oder ein Haus als Symbolbilder verwendet. Doch unter dem Konkurrenzdruck scheuen die Medien vor nichts mehr zurück. Sogar unsere Kinder werden als sogenannte „Symbolbilder“ missbraucht!“ klagt Venanz Nobel, Vizepräsident des jenischen Vereins schäft qwant. Schon die kleinste Pressenotiz muss heute mit einer Foto aufgepeppt werden. Dazu werden skrupellos Archive und das Material von Bildagenturen geplündert. „Sicher sind nicht nur Jenische davon betroffen. Wir wollen helfen, dass die Privatsphäre aller Menschen, deren Bild irgendwann in einem Pressearchiv gelandet ist, wieder besser respektiert wird,“ sagt Nobel. Doch besonders für Menschen aus Minderheiten wie den Jenischen, Sinti und Roma, die jederzeit von Rassismus und Ausgrenzung bedroht sind, sind die Gefahren, die sich aus Bildpublikationen ergeben, noch um ein Vielfaches grösser.
Der Verein schäft qwant hat heute beim Schweizer Presserat eine Beschwerde eingereicht. Diese richtet sich gegen Artikel, die kürzlich in der Weltwoche und im Bund erschienen sind. Doch die Wahl der angeklagten Medien ist zufällig, es geht um den Umgang der Medien mit der Illustration. Auf beiden eingeklagten Bildern stehen jenische Kinder unverpixelt und wiedererkennbar im Mittelpunkt. Die „Weltwoche“ missbrauchte ein Familienfoto von «Fahrenden» zur Dekoration eines Artikels über vermuteten Sozialhilfe-Missbrauch. „Wo beginnt der Schutz der Steuerzahler?“ schreibt das Blatt unter das Bild des Vaters, der als selbständiger Geschäftsmann nun um seine Geschäfte bangen muss. Die Zeitung „Bund“ thematisierte ein Projekt mit Lernateliers für Kinder «fahrender» Familien. Dass dabei nicht ein Bild eines Interviewpartners sondern eine Jugendliche auf einem Durchgangsplatz gezeigt wird, verstösst gegen mehrere Paragraphen des Schweizer Pressekodex, insbesondere dem Recht auf Privatsphäre und dem besonderen Schutz der Kinder. Diese können zwar noch nicht selber über die Verwendung ihres Bildes entscheiden, doch schon wenige Jahre später kann genau dieses Bild ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zunichte machen.

„Ein Adler auf einer Nationalflagge oder das rote Männchen auf der Ampel erleiden keinen Schaden, egal wie oft sie als Symbole abgebildet werden. Doch bei Fotos von Menschen ist alles möglich, von einer einfachen persönlichen Kränkung bis zur lebensbestimmenden Katastrophe,“ ermahnt Venanz Nobel und fordert deshalb die Medien auf, die Ethik im Umgang mit Bildern grundsätzlich zu überdenken. Die Klage beim Presserat soll den Stein dazu ins Rollen bringen.

Hintergrundmaterial:
Weltwoche Nr. 13/2015, S. 30, Artikel „Jenische: Undurchsichtige Hilfsgelder“ (verpixelt durch schäft qwant!):
http://www.yeniches.info/presserat/Weltwoche_13_2015_verpixelt.png
http://www.derbund.ch/bern/stadt/Stadt-stellt-zwei-Lehrerinnen-fuer-fahrende-Kinder-an/story/18681501
Beschwerde von schäft qwant beim Presserat:
http://www.yeniches.info/presserat/Anzeige_SQ_Presserat_Fotos_Kinder.pdf
Pressekodex 2008: http://www.presserat.ch/Documents/Erklaerung2008.pdf
Richtlinien zur «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten»:
http://presserat.ch/Documents/Richtlinien_2015.pdf

34 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.

3 weitere Kommentare

Mehr zum Thema «Minderheiten»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production