Ab dem 1. August dürfen nur noch Blütteler mit der SBB fahren, es sei denn sie lösen Einzeltickets.

Die SBB rührt mit grosser Kelle an: stolz verkündet sie, dass nun die digitale Welt endgültig auch auf ihrem Netz angekommen sei. Ab dem 1. August gibt es keine "normalen" Halbtax- oder Generalabos mehr, sondern nur noch ausschliesslich den sogenannten SwissPass. Abgesehen von ein paar wenigen billigen "Zückerli" wie wir sie von anderen Datensammelsystemen wie etwa der Coop-Supercard auch kennen, ist eigentlich kein wirklicher Nutzen für den Kunden erkennbar. Freier Zugang zu fast allen öffentlichen Verkehrsmittel hatte er bereits mit dem alten simplen GA. OK, künftig wird der Kunde auch sein Mobilityauto mit dem Swisspass abholen können, er spart also ein Kärtchen, gleichzeitig braucht er aber künftig eines mehr, dann nämlich, wenn er auf die wahnsinnige Idee kommen sollte, mit dem öV ins Ausland zu fahren und dort eine mit Schweizer GA oder Halbtax rabattberechtigte Strecke zu benutzen.

Der unmittelbare (Mehr-)Nutzen für den Kunden ist an einem sehr geringen Ort angesiedelt. Ausser dass da wieder irgendwelche Informatikfirmen einen grossen Reibach machen, scheint der Nutzen in erster Linie bei der SBB selber zu liegen, nämlich darin, dass sie diese ihr neu zugänglichen Datenmengen nutzen und vermarkten kann.

Auch an mir ist diese Meldung erst vorbeigegangen, fahre eh lieber Auto, was geht mich die Form des GAs an? Ach so, da werden sämtliche Fahrten gespeichert? Ja, müssen gar gespeichert werden? Es gibt ein Bewegungsprofil eines jeden Kunden (man vergesse nicht, diese Abos sind alle persönlich), es kann jederzeit abgerufen werden, wann und wo sich ein Kunde aufhält, resp. mit welchem Zug oder Postauto er unterwegs ist? Nö, das will doch kein vernünftiger Mensch, deshalb löst er wieder das alte Abo? Hm, ähem, naja, halt Fehlanzeige: Ab dem 1. August ist Schluss, danach gibt es keine herkömmlichen Abos mehr. Wer nicht - bildlich gesprochen - blutt unterwegs sein will, dem bleiben (noch) nur Einzeltickets oder das eigene Auto. Das eigene Auto ist auch schon heikel; je älter das Modell, desto besser, schliesslich gibt es in den Fahrzeugen immer mehr digitale Technik. Oft aber wenigstens nicht einfach so auslesbar. Wichtig: das Smartphone während der Fahrt ausschalten, denn sonst hinterlässt man auch im vermeintlich sicheren Auto, auf dem Velo, Mofa oder gar zu Fuss eine Datenspur, die so den meisten Menschen nicht bewusst ist.

Während man das Handy, das Tablet etc. einfach ausschalten (sicherer ist den Akku rausnehmen) kann, ist das beim Swisspass so nicht möglich, oft ist man auf die SBB angewiesen. Es ist schon in anderen Bereichen so, dass es heisst: "Vogel friss oder stirb!" Will heissen: Man beteiligt sich an den leckeren Datensammelprogrammen, oder dann kriegt man halt keine Jahreskarte (so etwa beim Zoo Zürich). Der Leser mag jetzt einwenden: "Was soll's? Ich habe nichts zu verbergen, sollen die doch wissen wann ich den Zoo besuche." Hm, wenn diese Daten beim Zoo bleiben? OK, meinetwegen? Was, wenn diese Daten nicht dort bleiben wo sie sind? Wer garantiert denn die Datensicherheit? Da mag es dann etwas harmlosere Beispiele geben, etwa dann wenn ihr Chef plötzlich erfährt, dass Sie ja gar nicht krank waren, sondern sich im Zoo vergnügten? Dieses Beispiel ist kein Problem, denn der Chef müsste darlegen, woher er an diese Info gekommen ist. Aber man sieht den Punkt?

Dieses Datensammeln ist an und für sich eine Frechheit, dies ganz besonders gegenüber den Stammkunden, wo bleibt die Entschädigung dafür, wo der Rabatt? Im Gegensatz zum Zoo ist es bei Institutionen wie der SBB besonders daneben, denn auf den Zoo kann man verzichten, auf die SBB je nachdem nicht.

Interessant finde, ich dass es da kaum Widerstand gegen solche und ähnliche Dinge gibt. Hm, vielleicht in Zeiten, wo jeder freiwillig auf Facebook und Konsorten die Hosen runterlässt gar kein Wunder? Die Schiene "Ich hab eh nichts zu verbergen!", sie erweist sich allzu oft als trügerisch. Vor allem ist das Pferd verkehrt herum aufgezäumt: Es geht schlicht niemanden irgend etwas an, wann ich mich wo herumtreibe! Dieses Bewusstsein muss irgendwie wieder geschaffen werden, denn heute muss man sich ja fast entschuldigen darür, wenn man nicht überwacht werden will. Wenn die Daten bei dem bleiben, der sie erhebt, ist das schon daneben. Aber wenn dann noch Missbrauch mit diesen Daten getrieben wird? Bewegungsprofile könnten beispielsweise nachträglich verändert werden?

Kritische Stimmen sind eher rar gesät (oder http://initiativevernunft.twoday.net/), insbesondere enttäuscht die Pro Bahn, die eigentlich für die Rechte der Bahnkunden eintehen sollte. Auf deren Hompage findet sich das Wort Swisspass nicht einmal. Ein Schelm der hierzu böses denkt, womit wurden die bestochen?

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