Embryo von der Stange?

Am 14. Juni wird das Schweizer Volk, oder zumindest ein Teil, über die «Änderung der Verfassungsbestimmung zur Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie im Humanbereich» abstimmen. Wie so häufig wenn es um Gentechnologie und Fortpflanzungsmedizin geht, gibt es heftige Debatten und gespaltene Parteien. Doch, was bedeutet eine Annahme der Initiative wirklich?

Mit einer Annahme der Präimplantationsdiagnostik (auch PID) wird der Wirtschaft die Tür zu einem der letzten Dinge geöffnet, die sie noch nicht kommerzialisieren konnte, nämlich den Embryonen, man könnte auch sagen, dem menschlichen Leben. Ich war lange nicht sicher, ob dies wirklich der Fall sein könnte, doch mittlerweile ist es für mich klar: Wenn diese Änderung angenommen wird, können wir bald Embryonen ab der Stange kaufen. Schon vorselektioniert und von den Forschern in der Embryonenfabrik zusammengebastelt, können wir dann Embroyen ausbrüten, die mit Sicherheit keine Erbkrankheiten oder irgendwelche genetischen «Fehler» haben. Denn genau so spricht man ja über Menschen mit Behinderung, sie sind Fehler.

Mit dieser Verfassungsänderung bewegen wir uns in die Richtung einer Gesellschaft, die nur noch die perfekten, fehlerlosen Embryonen zulassen wird. Denn: Behinderte Menschen bringen Kosten für die Gesellschaft mit sich. Sie brauchen bessere (also teurere) Betreuung und kosten die Kassen mehr. Ausserdem benötigen sie eine andere Bildung und müssen in einer Ausbildung oder bei anderen Tätigkeiten noch zusätzlich betreut werden. Nimmt das Schweizer Volk diese Vorlage an, so wird das Leben von diesen Menschen als minderwertig betrachtet werden und auf die Kosten reduziert. Wenn sich dann ein Paar gegen die Untersuchungen entscheidet, so wird im Falle einer Erbkrankheit oder einer Trisomie die Gesellschaft dem Paar den Vorwurf machen: „Ihr hättet es schon vorher wissen und das Risiko minimieren können!“ . Es wird also zu einem Zwang, diese Untersuchungen zu tätigen, da man sonst das schlechte Gewissen von der Gesellschaft aufgesetzt erhält.

Markus Brotschi schrieb in seinem Artikel vom 30. Mai in «Der Bund», Paare müssten heute für die PID ins Ausland gehen. Als Argument für die PID ist dies jedoch nicht relevant, denn seit wann lassen wir uns durch Gesetze anderer Länder unsere eigenen Gesetze diktieren? Dann können wir auch gleich die Todesstrafe einführen.

Ein weiteres seiner Argumente ist der gezwungene Verzicht auf Kinder, wenn die PID nicht angenommen wird und ein Verdacht auf eine schwere übertragbare Krankheit besteht. Obschon es andere Möglichkeiten gibt, Kinder zu haben (zum Beispiel durch Adoption), bringt er dies als Argument für die Präimplantationsdiagnostik.

Im weiteren Verlauf seines Artikels schreibt er über die Zumutung des schwerwiegenden Entscheids des Schwangerschaftsabbruchs, wenn man erst nach der Implantation eine Untersuchung tätigt (Pränataldiagnostik). Hierzu frage ich mich, wo denn der Unterschied zwischen dem Wegwerfen eines Embryos und dem Schwangerschaftsabbruchs ist. Das Argument, welches Brotschi hier bringt ist bloss eine Abwertung des menschlichen Lebens. Ist das bereits implantierte Kind mehr Wert, als der Embryo im Reagenzglas. Ist es nicht beides menschliches Leben?

Mit der Präimplatationsdiagnostik könnten nicht mehr nur drei, sondern maximal zwölf Embryonen erzeugt werden. Das bedeutet, das eine regelrechte Produktion angetrieben wird. Die Gefahr von Missbrauch der PID ist nicht nur eine These, sondern Zukunft, wenn sie angenommen wird. Obschon der Organhandel nicht legal ist, wird er weltweit in grossem Stil betrieben. Wieso sollte dann der Handel von Embryonen nur wegen dem Verbot nicht getätigt werden sollen? Was verkauft werden kann, wird auch verkauft. Der menschliche Embryo wird also zum Produkt. Die Embryofabriken können diese dann nach den persönlichen Wünschen der potenziellen Käufer selektionieren werden und einpflanzen. Die «Leitplanken», wie sie Brotschi nennt, die das Parlament gesetzt hat, werden also ungeachtet umgefahren. Mit der Annahme der Verfassungsänderung machen wir einen gewaltigen Schritt in die Richtung, die der Handel mit dem menschlichen Leben noch einfacher macht.

Der gerade angesprochene Dammbruch ist kein Trugschluss. Es kann sein, dass das Parlament die Leitplanken sehr eng setzt, doch mit der PID akzeptieren wir die Produktion von Embryonen viermal so hoch als sie bis jetzt war uns öffnen somit der Wirtschaft den Zugang zu einem Milliardengeschäft mit dem menschlichen Leben. Wollen wir das? Ich denke, nein.

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