"Professionelle Pflege ist vielschichtig"

"Wir Pflegende betreuen Sie in jeder Lebensphase, häufig mehr ohne ärztliche Unterstützung als Sie denken. Stehen Sie mit Ihrer Solidarität für gute Arbeits- und Studienbedingungen für Pflegefachpersonen ein, damit wir Sie auch weiterhin ihren Bedürfnissen entsprechend und professionell pflegen können."

Ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag beginnt offiziell um 07.00 Uhr…

… inoffiziell beginnt er jedoch bereits um 06.40. Diese Zeit bis zum Übergaberapport um 07.00 Uhr benötige ich, um mich möglichst umfassend in der aktuellen Patientendokumentation über "meine Patienten" zu informieren. Nur so bin ich auch in der Lage ohne Verzögerung mit der Arbeit zu beginnen. Ich beginne in einem Vier-Bett-Zimmer mit der Überwachung der einzelnen Patienten. Dazu gehört das Messen des Blutdrucks, fühlen und zählen des Pulses, messen der Temperatur und der Sauerstoffsättigung sowie das notieren der Schmerzen und die Nachfrage nach dem Befinden. Jeder Patient erhält von mir die vom Arzt verschriebenen Medikamente, wie auch die weiter nötige pflegerische Betreuung von Körperpflege bis zum Verbandswechsel.

Ca. zwei Wochen Überzeit ist das Ergebnis, des früheren Antretens auf der Station, welches in den meisten Kliniken nicht erfasst wird. Diese Erkenntnis über das Ausmass überrascht alle meine Studienkolleginnen und -kollegen im Rahmen einer Gruppendiskussion (Problem Based Learning kurz PBL genannt) an der Fachhochschule. Es ist jedoch auch ein Fakt, welchen wir uns alle bewusst sind. Die Frage die sich nun stellt ist, wie könnten wir das Problem lösen?

Der Pflegeberuf ist spannend, anspruchsvoll und befriedigend – mit guten Rahmenbedingungen während des Studiums und im Arbeitsalltag

Im Berufsalltag haben wir es immer wieder mit verschiedenen Situationen zu tun. Um diese zu meistern benötigen wir die entsprechende Fachkenntnis und das Handwerk:

Herr Meier leidet an den Folgen einer Wirbelsäulendekompression. Heute ist sein vierter postoperativer Tag und er hatte noch immer keinen Stuhlgang. Ich untersuche darauf hin Herrn Meier durch inspizieren (beobachten), auskultieren (abhören), perkutieren (abklopfen) und palpieren (abtasten) des Bauches (Abdomen) auf pathologische Auffälligkeiten, finde aber keine. Im Rahmen meiner Kompetenzen verabreiche ich deshalb Herrn Meier ein Abführmittel, welches ich ohne Verordnung durch den Stationsarzt abgeben darf. Im Skillscenter an der Berner Fachhochschule hatte ich diese Untersuchungstechniken und Warnhinweise von einer Ärztin und einer Pflegefachfrau vermittelt bekommen und an meinen Mitstudenten geübt.

Frau Klein ist eine 43-jährige Patientin, welche wegen rheumatischen Schmerzen schon mehrere Male die Klinik aufsuchen musste. Sie klagt bereits seit vielen Jahren über starke Schmerzen in ihren Händen. Hinzu kommt, das Sie immer wieder unter depressiven Episoden leidet, die sie dazu zwingen, sich regelmässig in psychiatrische Behandlung zu begeben.
Heute wirkt Frau Klein bedrückt auf mich. Ich nehme mir Zeit und spreche sie auf ihr Befinden an. Frau Klein fängt an schneller zu atmen und wird unruhig. Ich schaue Sie ruhig an und leite sie an, gleichmässig und tief zu atmen. Nach einem kurzen Gespräch beruhigt sie sich, ich verabschiede mich von ihr und begebe mich zum nächsten Patienten.

Patienten mit psychischen Erkrankungen gehören in allen Spitälern inzwischen zum Alltag. Die entsprechende Behandlung und der professionelle Umgang bedauerlicherweise nicht. Im Akutspital kommen stressige sowie kritische Situationen häufig vor. Diese und die typischen Strukturen können sich auf das Befinden von psychisch belasteten Patienten/innen kontraproduktiv auswirken. Um Patienten mit psychischen Belastungen besser zu Unterstützen brauchen wir vor allem eins: Zeit.

Ich absolviere den berufsbegleitenden Bachelor-Studiengang an der Berner Fachhochschule und bin Vertreter des Fachverbands Pflegestudierende.ch (etudiant-infirmier.ch). Der Artikel wurde auf der Webseite des SBK Bern veröffentlicht.

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