Stand der Wissenschaft: «Wir sollten die Grenzen öffnen»

Immer schriller werden die Töne angesichts der Toten im Mittelmeer oder an der amerikanischen Grenze. Die einen wollen 50‘000 Leute aufnehmen, die anderen fordern „Lampedusa retour“ wie in Australien - wobei dort werden die Leute dann nach Kambodscha abgeschoben, was auch eine sehr seltsame Lösung ist. Das Leiden wird mittlerweile sogar kartografiert.

Nun verblüffte mich heute ein Wissenschaftler mit der folgenden Aussage:

Als die Italiener dank des Rettungsprogramms Mare Nostrum fast alle Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken bewahrten, sagten die Verfechter der Abschottung: Das ist ein Anreiz zur Migration und erleichtert die Arbeit der Schlepper. Nachdem das Programm abgeschafft und durch striktere Grenzkontrollen ersetzt wurde, kamen aber noch mehr Flüchtlinge. Oder nehmen Sie die Errichtung einer Mauer zwischen den USA und Mexiko. Hat sie etwas an der Zahl der mexikanischen Migranten geändert? Nein. Umgekehrt hat der Fall des Eisernen Vorhangs keineswegs eine unkontrollierbare Armutsmigration von Ost- nach Westeuropa ausgelöst, wie man Anfang der 90er-Jahre befürchtet hatte. Dasselbe gilt für die Öffnung der Grenze zwischen Indien und Nepal. Der Wille und die Bereitschaft, auszuwandern, hängen von strukturellen Faktoren ab, die sich jeder Migrationspolitik entziehen.

Zahlreiche seriöse Wissenschaftler, die sich seit langem mit dem Thema beschäftigen, sind zum selben Schluss gelangt wie ich. Aber natürlich kann es keine Regierung wagen, unsere Erkenntnisse umzusetzen, weil ein grosser Teil der Öffentlichkeit an seinen irrigen Annahmen festhält und deshalb offene Grenzen vehement ablehnt. Die meisten finden unsere Forderung schlicht verrückt. Aber dasselbe dachte man einst auch von der Legalisierung harter Drogen, während man heute durchaus vernünftig darüber diskutieren kann. Das Grundproblem im Zusammenhang mit der Migration ist der tiefe Graben zwischen der öffentlichen Wahrnehmung des Phänomens und seiner empirischen Realität. Teilweise wird diese Wahrnehmung von fremdenfeindlichen Parteien und Bewegungen bewusst verzerrt, teilweise entspricht sie scheinbar dem sogenannten Common Sense. Aber Migration funktioniert nicht nach den Prinzipien des Common Sense (=gesunder Menschenverstand).

«Wir sollten die Grenzen öffnen»

Nun, ich finde das widerspricht zwar auch meiner Intuition, aber die im Interview vorgebrachten Argumente erscheinen mir schlüssig; der einzige Unterschied von offenen und geschlossenen Grenzen sind die Leute, die während der Reise sterben. Der Aufwand für die Rückschaffung bleibt der gleiche – ebenso die Probleme bezüglich Rückschaffung in Länder, die als nicht sicher gelten, oder Vereinbarungen mit Ländern, die gar keine funktionierenden Regierungen haben, um die Grenzen zu sichern oder Flüchtlingslager zu unterhalten. Wir werden damit – für kleineres Geld natürlich – weiterhin die Korruption fördern und den Preis für die Überfahrt hoch halten helfen - gleicher Effekt wie bei der Drogenprohibition. Und innert kürzester Zeit werden die Stimmen in unserem Land laut werden, die diese Hilfe als Verschwendung brandmarken werden. Womit sie sogar recht hätten.

Ich möchte mich bei denen entschuldigen, die die ganze Situation angesichts des Leids unerträglich finden, wenn ich hier versuche, völlig leidenschaftslos mit einer aktuellen Presseschau die verschiedenen Positionen aufzulisten. Ich bin auch sehr betroffen, weiss aber genau, dass die Erde nun mal kein Paradies ist und die Menschen gewandert sind, seid es sie gibt. Und ja, nicht immer waren sie willkommen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks versuchen die USA seit Jahrzehnten erfolglos, die Migration aus Lateinamerika einzudämmen. Wir leben in einer traurigen Welt, in der Weiterwursteln oft die einzige praktikable Lösung darstellt. Das gilt sogar, wenn im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken

Das Elend wird bleiben

Der Kampf um die Resourcen hat noch gar nicht richtig begonnen.

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