Das Huhn-Ei-Problem oder wer ist schuld daran, dass wir zu viel Strom haben?

Seit dem 11. März 2011 – 4 Jahre - ist klar, dass die Schweiz eine Energiewende plant und auf den Ausbau von erneuerbaren Energien setzt - das Referendum gegen die KEV wurde von keiner Partei unterstützt und ist kläglich gescheitert. Geplant ist ein Anteil von 20 % oder 12 Milliarden Kilowattstunden (kWh) bis 2025 für Solarstrom. Gemäss Energiestatistik 2013 betrug der tatsächliche Anteil 0,82 %. Nun erscheint doch heute dieser Artikel, in dem der VSE sich darüber beklagt, dass die Erzeuger von Solarstrom mit der KEV einen garantierten Abnahmepreis erhalten, und fordern, dass die Produzenten selber am Markt auftreten und selbst für den Absatz – auch der Überschüsse – verantwortlich sein sollten.

Dazu werden nette vom einfach Volk gut zu verstehenden Schmankerln wie

„Die Sonne liefert Energie in grossen Schwankungen und dummerweise vor allem dann, wenn die Nachfrage eher klein ist. Zum Beispiel an einem Sommernachmittag, wenn die Leute im Freibad liegen.“

bemüht. Ich nehme an, dass zu dieser Zeit niemand mehr arbeitet und alle unsere Dienstleistungs- und Industriebetriebe in globo ebenfalls in der Badi sind. Darum ist die Badi ja auch so überfüllt. Zudem ist der Strombedarf über Mittag ja nie wirklich das Geschäftsmodell für Speicherkraftwerke gewesen. Nein, nein, natürlich nicht.

Mit dem netten Gerede um Markt wird verschleiert, dass die Stromerzeuger zu 86.6 % der öffentlichen Hand gehören (Seite 22) und selber zu veritablen Subventionsjägern geworden sind. Falls es sich also um einen politischen Willen handelt, die Energiewende anzupacken, ist das Gejammer wegen unter 1 % Solarstrom erstens total verfrüht und zweitens müsste der Eigentümer der Stromproduzenten doch ein wichtiges Wort mitzureden haben, wenn es um die strategische Ausrichtung der Stromproduktion und der Netze geht. Im weiteren ist der Ausfuhr- und Einfuhrüberschuss (Seite 20) ja schon länger bekannt, man könnte fast meinen, dass man Strom erst jetzt europaweit exportiert und importiert.
Der Preis für den Strom setzt sich schliesslich aus 45.6 % aus Netzkosten, 39.3 % Energiekosten und 15.1 % Abgaben zusammen, d.h. der grösste Teil geht nach wie vor in die Netze, die man entsprechend gestalten muss, damit der Umbau gelingt.

Grundsätzlich ist der zugrundeliegende Konflikt eher die industrielle Stromproduktion in Grosskraftwerken vs. dezentrale („demokratisierte“) Stromproduktion - und den dafür geeigneten Netzen. Wenn man der Sonne und dem Wind vorwerfen will, dass sie nicht dann scheinen, wenn es den Stromproduzenten von Bandstrom in den Kram passt, könnte man umgekehrt auch sagen, dass Bandstrom auch in der Nacht produziert wird, wo es jetzt auch wirklich kein Mensch braucht, weil alle brav im Bettchen liegen.

Und dass jetzt der Solarstromproduzent am Markt auftreten solle, um sein Quentchen Solarstrom zu vermarkten, ist doch gelinde gesagt hanebüchener Unsinn. Mit welchen Vertriebskanälen und zu welchen Kosten denn? Ein Schild mit "Kartoffeln und Solarstrom zu verkaufen" am Strassenrand? Falls 2018 der Strommarkt tatsächlich liberalisiert werden sollte und entsprechende Abrechnungssysteme existieren sollten, bin ich der erste, der da mitmacht.

Oder wie es Michael Frank, der Direktor des VSE, sagt: «Durch die Abnahme- und Vergütungspflicht zwingt der Staat den Elektrizitätsunternehmen Verlustgeschäfte auf.» Das Stromangebot werde von der Nachfrage entkoppelt, «sodass sich ein Produzent in einem virtuellen, vom Markt losgelösten Raum bewegt». Der VSE-Direktor bezeichnet diese Praxis mit dem Motto «produce and forget» – auf Deutsch: Produziere und vergiss den Rest.

Jep, das ist wohl wahr. Jede staatliche finanzierte Stromproduktion wird vom Staat dazu gezwungen, politisch (und auch wirtschaftlich) motivierte Änderungen durchzuführen. „produce and forget“ hingegen ist ein sehr verbreitetes Prinzip, das sowohl für Nuklearabfälle wie auch für den CO2 Ausstoss täglich aufs Neue praktiziert wird.

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