Aus der Sicht der lateinischen Schweiz sieht das Jubiläumsjahr völlig anders aus.

Im kürzlich vom Historiker Thomas Maissen losgetretenen Streit über die sogenannten Schweizer Mythen fällt auf, dass die Debatte fast ausschliesslich von Deutschschweizer Männern geführt wird und dass es sich dabei um Mythen der Deutschschweiz handelt. Auch wenn Historiker diese Mythen bekämpfen, bleiben sie paradoxerweise in einer einseitigen Deutschschweizer Perspektive gefangen.

Marignano, Mythen, fremde Richter

Niemand hört es gern: Alleine hätte die Landbevölkerung die «gnädigen Herren» des Ancien Régime nicht gestürzt. Wenn die französisch- und italienischsprachigen Männer der Schweiz zu gleichberechtigten Eidgenossen wurden, dann verdanken sie es dem französischen Direktorium und Napoleon. Sicher nicht den Berner und Zürcher Herren und auch nicht den Urner und Schwyzer Obrigkeiten, die sich lange dagegen gesträubt haben.

Eigenartig, wie schnell (direkte) Demokratie und Neutralität relativiert werden, wenn man sich die Geschichte tatsächlich anschaut. Und wer hier fremder Richter ist, muss man sich immer wieder vergewärtigen: Welsch ein Unsinn!.

Aber wie Peter von Matt sehr richtig bemerkt hat, sollte man den Mythos an sich ernst nehmen. Er ist kein Märli! Hinter einem Mythos wie Marignano steht immer eine alte, stimmige Weisheit, eine Handlungsanweisung für die Gegenwart. Der Mythos Marignano wird deshalb lebendig bleiben. Er hat ein Eigenleben entwickelt, über das letztlich weder die Historiker noch wir bestimmen können.

Peter Keller in «Der Marignano-Mythos ist kein Märli!»

"Eigenleben" und "Handlungsanweisung" sind imho die Definition von Propaganda. Das Eigenleben ist die Rechtfertigung, dass man es mit der Wahrheit nicht genau nehmen müsse, die Handlungsanweisung die politische Zielvorgabe der einzigen Partei, die das Schweizer sein definieren kann.

Es wäre an der Zeit, wenn man dieser abgegriffenen nationalkonservativen Propaganda richtig begegnet: mit einem netten, aufmunternden Lächeln, wie beim Kind, das seinen ausgefallenen Zahn der Zahnfee aufs Fensterbrett legt. Es freut sich doch so; wer will da Spielverderber sein?

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