Depressive Menschen sind Massenmörder und das Töten von anderen Menschen gehört zum Krankheitsbild...

So könnte man meinen, wenn man die neuesten, überaus aufgeblähten und im Endeffekt wenig bis gar nichts aussagenden Schlagzeilen über den Copiloten der abgestürzten Germanwings so liest. Da eiert man mit Mutmassungen rum, man hat nicht einmal irgendeine genauere Bestätigung der Ärzteschaft. Das einzige was man weiss, er hat früher mal 6 Monate die Ausbildung unterbrochen (tatsächlich wegen Depressionen). Na und? Sagt das irgendwas aus? Mir fällt da spontan Herr Roger Köppel ein, der nach dem Selbstmord seiner Mutter vom Militärdienst befreit wurde; Dienstuntauglichkeit aus psychischen Gründen. So, und jetzt gehört ihm eine Wochenzeitung und obendrein kandidiert er für den Nationalrat. Soll man ihm jetzt das verbieten? So nach dem Motto, der tickt evtl. nicht ganz sauber? Sind wir noch immer im vorvorletzten Jahrhundert oder was?

Mir kommen da auch Gedanken an den schrecklichen Carunfall 2012 in Siders hoch. Der Fahrer nahm regelmässig Antidepressiva ein, woraus man ihm dann plötzlich eine Selbstmordabsicht konstruierte und schlimmer noch, ihm unterstellte, er würde deswegen gleich noch am liebsten 52 Menschen in den Tod mitreissen. Schon damals regte ich mich masslos auf (vor allem über die Presse). Denn wenn man von etwas keine Ahnung hat, dann sollte man dazu auch besser die Schnauze halten, sorry. Ich kenne die belgischen Bestimmungen für Berufsfahrer nicht, aber gerade für Busfahrer dürften die in Europa überall ungefähr ähnlich streng sein. Bedeutet eine regelmässig erfolgende verkehrsmedizinische Untersuchung. Gerade bei psychischen Krankheiten wird man sehr genau hinschauen. Im Zweifelsfalle ist die Lizenz sehr schnell weg, das ist nicht so wie beim normalen Führerschein, wo selbst Halbwahnsinnige noch rumfahren dürfen (die dann offensichtlich niemanden gefährden).

Die Regelungen für Piloten kenne ich nicht so genau. Aber gerade bei Berufspiloten ist das ganze nochmal eine strengere Liga.

So, und jetzt traut man nicht nur all diesen Institutionen nicht (denn man weiss ja über Psychos Bescheid, die können doch alle manipulieren), nein, man hat auch schlicht keine Ahnung was eine Depression ist und was genau ins Krankheitsbild gehört und was eben nicht. Und ja, natürlich ist man froh einen Sündenbock für das Ganze gefunden zu haben.

Das könnte einem egal sein und man könnte den Boulevardjournalismus einfach Boulevard sein lassen. Aber eben, mittlerweile plappern ja selbst seriöse Medien den Boulevard nach und ja, es gibt Leidtragende unter einer solch oberflächlichen und gemeinen "Berichterstattung"...

Diese Leidtragenden sind Menschen mit einer psychischen Erkrankung.

Stigmatisierungen, die man seit mindestens hundert Jahren vergessen glaubte, sie kommen wieder hoch. Besonders Depressive leiden darunter. Am meisten gerade die, die (noch?) im normalen Arbeitsprozess stecken. Die mit viel Verständnis von Arbeitskollegen und Vorgesetzten in der Firma gehalten werden. Ihnen erweist man mit solchem Schwachsinn einen Bärendienst.

Denn, der halbwegs vernunftbegabte Leser könnte es auch selber recherchieren:

  • Depressive sind wenn schon die zuverlässigeren Piloten/Fahrer. Da sie sich selber nichts mehr zutrauen, werden sie die Checkliste wohl eher zwei- statt keinmal durchgehen. Oder als Chauffeur den Reifendruck und Ölstand eher zwei- denn keinmal kontrollieren. Die Weisungen des Towers, oder dann die Verkehrssituation eher mehrmals hintersinnen, bevor sie eine leichtfertige Entscheidung fällen. Sie werden beim geringsten Unwohlsein nicht arbeiten gehen, denn sie trauen sich das eigentlich eh nicht mehr zu und ja, sie machen ja eh immer alles falsch (Beteuerungen, dass dies nicht stimmt, akzeptiert der Depressive nicht).
  • Depressive begehen tatsächlich relativ häufig Suizid. Das Suizidrisiko gehört quasi zum Krankheitsbild. Aber die Person bringt in der Regel "nur" sich selber um. Es gibt tatsächlich auch sog. "erweiterte Suizide", diese sind aber auf das engste Umfeld beschränkt. Oft will der Betroffene damit seine Angehörigen schützen, indem er sie gleich selber umbringt. Wenn überhaupt und im absolut extremsten Fall denkbar, wäre ein Mord zu Schaden des behandelnden Arztes der Institution die ihn krankschrieb und somit hier den Traum vom Pilotsein vermieste. Diese letzten zwei Beispiele kommen manchmal bei einer sog. "Depression mit wahnhaften Episoden" vor. Diese Diagnose führt sofort zu einem Entzug der Flugerlaubnis oder einer Berufsfahrerlizenz. Die Bezeichnung "erweiterter Suizid" ist nicht identisch mit der Bezeichnung "Amoklauf", ich bitte den Leser doch inständig, diese kleine aber feine Unterscheidung zu machen. Denn zu einem Amoklauf ist ein Depressiver schlicht nicht fähig. Das ist eine ganz andere Baustelle und ja, in gewisser Hinsicht ist das Risiko, dass ein Depressiver einen Amoklauf begeht tiefer, als bei den "Normalos".

Sollte der Absturz in Südfrankreich tatsächlich absichtlich herbeigeführt worden sein (was wir immer noch nicht wissen, auch wenn alle Medien so tun), dann handelte es sich hierbei wohl am ehesten um eine Art Amoklauf. Mitnahmesuizid und erweiterter Suizid scheidet aus, da völlig untypisch und in der Geschichte so auf diese Art nie vorgekommmen.

Also wird die Diagnose Depression in dieser Sache in etwa so eine grosse Rolle gespielt haben, wie die Augenfarbe des Copiloten. Ich bitte im Interessen der Menschen mit psychischen Problemen einfach um diese, hm, naja Klarstellung. Verbindlichsten Dank.

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