Bahnhof Zürich-Letten, was hast Du nur alles gesehen? 20 Jahre nach der Räumung der offenen Drogenszene: aus den Augen aus dem Sinn, oder doch was dahinter?

Als kleiner Junge hatte ich den Bahnhof Zürich-Letten noch erlebt. Als richtiger Bahnhof. So mit Zügen, Fahrplänen, Stationsvorständen und so. Bald wurde er eingestellt, er rentierte nicht mehr, ja er störte die Goldküstenlinie durch einen unnötigen Abstecher ins Arbeiterquartier.

Der Lettentunnel wurde zugemacht, naja, eigentlich eine dämliche Entscheidung, hätte man diesen doch evtl. als Verlängerung des Milchbuckautobahntunnels in Richtung Seefeld brauchen können, aber was weiss ich schon.

Lange Zeit blieb es dann ruhig um den (denkmalgeschützten) Bahnhof Letten. Es war nicht so ganz klar, was man nun mit diesem ganzen Areal anfangen sollte. Ein Taxiunternehmen und eine Mietwagenfirma nutzten (und nutzen) den für den Citiyraum doch beträchtlichen Raum an Parkplätzen. Aber sonst? Totes Areal, zumindest damals. Heute ist es etwas besser, ja man hat sogar eine bestimmte Eidechsenart entdeckt, die es in der Schweiz nur dort gibt. Kein Scheiss.

Im Teenageralter war ich ab und an dort. Die SBB hatte einem Kollegen einen ausrangierten Bahnwaggon zur Verfügung gestellt. Dort liess er unbekannte Jazzbands auftreten und ja, zünftig gebechert haben wir dort alle auch.

Irgendwann war aber fertig. Der Platzspitz wurde geräumt. Der Needle-Park zog um. Auf dem Lettenareal sah es dann plötzlich so aus.

Eine No-Go-Area, mitten in der Schweiz. Wie vorher der Platzspitz. Menschliches Leid und unbeschreibliches Elend gab es dort. Entwurzelte und desorientierte Menschen, nur auf der Suche nach dem nächsten Schuss. Heilsarmee und ähnliche Organisationen (der Staat hielt sich hier vornehm zurück) sorgten dafür, dass wenigstens ab und an eine heisse Suppe gegessen werden konnte.

Diese Schande konnte man nicht mit ansehen, die einen nicht, weil ihnen die Menschen leid taten. Die anderen nicht, weil das Ganze für das Image der Stadt Zürich nicht unbedingt zuträglich war. Also wurde auch hier geräumt, heute vor exakt zwanzig Jahren. Wie das genau ausgesehen hat? Nun, zumindest der aus Gebührengelder finanzierte Kanal SRF musste sich dazu offenbar einer Zensur unterziehen? Link

Die Angst in der Bevölkerung war gross. Vor allem vor der Ausbreitung der Szene in die Quartiere. Aber man hat gut gearbeitet, denn der Deal findet heute in Privatwohnungen statt, fern von allen Blicken, dort stört es auch nicht so das Landschaftsbild. Ja, ein bisschen Zynismus sei mir gestattet.

Aber eben, man hat auch einige Dinge richtig gemacht. So mussten nun plötzlich die SVP-regierten Landgemeinden ihre verlorenen Söhne und Töchter wieder aufnehmen; die Stadt Zürich war auf einmal nicht mehr der Abfallkübel des Kantons. Und ja, vor allem hat das Volk der kontrollierten Heroinabgabe zugestimmt. Sehr zum Leidwesen der SVP. Diese kontrollierte Drogenabgabe ist ein Erfolgsmodell, Vertreter aus allen Herren Länder besuchen uns, um es zu besichtigen.

Werter Leser, vergessen Sie niemals, diese kontrollierte Heroinabgabe hat manch einem das Leben gerettet!!!! Vergessen Sie die SVP! Achten Sie darauf, eine humanitäre Politik weiter zu führen. Stellen Sie bei Ihren Überlegungen den Menschen in den Mittelpunkt. Es lohnt sich, in diesen zu investieren. Die Stadt Zürich hat für einmal (fast) alles richtig gemacht.

Nun, wir sehen uns plötzlich mit einem relativ neuen Phänomen konfontiert. In die Jahre gekommene Junkies. Alleine das es diese gibt, ist doch ein Erfolg. Ich bin sehr optimistisch, dass wir hierzu Lösungen finden. Ja zum Teil haben wir sie schon gefunden. Pragmatismus und Lösungsorientiertes Arbeiten (damals FDP und SP zusammen) haben offenbar tatsächlich zu nachhaltigen Lösungen geführt. Hätte ich nie geglaubt, vor allem wenn man sah, wie die Lettenräumung ablief. Aber eben, man kann den Bären nicht waschen, ohne das Fell nass zu machen.

Liebe Stadt Zürich, ich kann Dich oft fast nicht mehr ertragen (etwa bei der Verkehrspolitik), aber manchmal bist Du ganz OK. ;-)

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